Wir scheitern im Fussball und im Hockey aus dem gleichen Grund
Die Unterschiede zwischen den Titelkämpfen im Fussball und im Eishockey sind enorm. 206 Länder versuchten, einen der 48 Plätze bei der WM 2026 zu erreichen (Kanada, Mexiko und die USA waren gesetzt). Es ist ein grosser Erfolg, dass sich die Schweiz seit 2006 sechsmal hintereinander qualifiziert hat. Italien hat die Qualifikation schon zum dritten Mal verpasst und grosse Fussballnationen wie Polen, Dänemark, Ungarn oder Chile waren 2026 nicht dabei.
Im Eishockey spielen Jahr für Jahr bloss 16 Teams um den WM-Titel und die Qualifikation beschränkt sich auf zwei Auf-/Absteiger aus der zweiten Division. Im Fussball haben bis heute 25 Länder mindestens den Halbfinal erreicht. Im Eishockey sind es lediglich elf.
Um es salopp zu formulieren: Im Fussball ist die Konkurrenz global, im Eishockey vergleichsweise lokal. Es ist im Eishockey um Welten einfacher, sich für die «letzte Meile» (für die WM) zu qualifizieren, ja die WM-Qualifikation ist für die Schweiz inzwischen «gratis» zu haben. Aber wenn es um die letzten Meter dieser letzten Meile geht (um den Einzug in den Halbfinal oder Final), ist es im Eishockey nicht mehr viel einfacher. Bei allen Unterschieden – der Vergleich sei erlaubt – entspricht ein WM-Titel im Eishockey ungefähr einer Halbfinal-Qualifikation im Fussball.
Spätestens im Viertelfinal war bisher im Fussball für die Schweizer Lichterlöschen – und im Eishockey im Final. Die Turniere der Neuzeit liefern die Erklärung, warum das so ist.
Die Schweizer haben in fünf verlorenen WM-Finals (2013, 2018, 2024, 2025, 2026) drei Treffer erzielt und zuletzt blieben sie dreimal hintereinander ohne Torerfolg.
Bei der Fussball-WM sind in den fünf verlorenen K.-o.-Partien nur zwei Tore gelungen und 2010 bedeutete ein 0:0 gegen Honduras das Scheitern in der Gruppenphase. Von den zwei Toren war nur eines von Bedeutung: der Ausgleich 2026 gegen Argentinien.
Die einzelnen Niederlagen haben zwar viele Väter und es gibt Gründe, um mit dem Schicksal zu hadern (Pech). Es mag auch sein, dass den verschiedenen Coaches hin und wieder taktische Irrtümer unterlaufen sind oder die Schiedsrichter eine verhängnisvolle Rolle gespielt haben.
Beeinflussbare Faktoren wie fehlendes Selbstvertrauen, Mut zu mehr Risiko, die konditionelle Verfassung oder die Spielphilosophie spielen keine Rolle. Auch die Defensive genügt höchsten Ansprüchen: Bei der Fussball-WM 2006 sind die Schweizer ohne Gegentreffer im ganzen Turnier nach einem 0:0 gegen die Ukraine in der Penalty-Entscheidung gescheitert und zweimal – 2024 und 2018 – verloren sie den Achtelfinal bloss 0:1. Im Eishockey scheiterten sie zuletzt zweimal hintereinander im Final erst in der Verlängerung 0:1.
Es hat einen Grund, warum wir von Defensivarbeit reden. Die Defensive kann erarbeitet werden. Die Offensive nicht. Offensives Talent ist eine Gabe der Fussball- und Hockeygötter.
Wie wir es drehen und wenden – am Ende des Tages ist das Problem im Fussball und im Eishockey stets das gleiche: zu wenig offensive Durchschlagskraft unter maximalem Erwartungsdruck.
Zu wenig offensives Talent ist der Grund für das Scheitern auf hohem Niveau. Weder im Fussball noch im Eishockey haben wir genügend offensive Weltklassespieler, die über Jahre international zu dominieren und Spiele zu entscheiden vermögen. Einzelne überdurchschnittliche ja, aber nie mehrere, nie genug über einen längeren Zeitraum im gleichen Team.
Die Schweiz hat im Fussball noch keine offensiven Künstler mit der Kragenweite von Cristiano Ronaldo, Diego Maradona, Thierry Henry, Ronaldinho, Kylian Mbappé, Robert Lewandowski, Karim Benzema, Neymar, Erling Haaland, Roberto Baggio, Lionel Messi, Harry Kane, Gerd Müller oder Franck Ribéry, auch keinen Jude Bellingham, Platini, Zidane oder Günter Netzer hervorgebracht. Und im Eishockey keinen Peter Forsberg, Wayne Gretzky, Sidney Crosby, Alexander Owetschkin, Mario Lemieux, Patrick Kane, Jari Kurri, David Pastrnak, Jaromir Jagr oder Teemu Selänne.
Das hat eine einfache Ursache, die auch mit dem besten Ausbildungsprogramm nicht zu ändern ist: Je grösser das Spielerreservoir, desto grösser die Chance, dass daraus ein «Jahrhundert-Talent» hervorgeht. Oder gleich mehrere im gleichen Zeitraum. Die Quantität sorgt für die Qualität. Bei uns kommt eine Besonderheit dazu: Die Schweiz ist eines der ganz wenigen Länder, in denen Eishockey und Fussball nahezu gleich populär sind. Unser ohnehin knappes Reservoir an hochbegabten Mannschaftsspielern müssen sich zwei Sportarten teilen.
So gesehen ist es ein schier unfassbares Wunder, dass die Schweiz zu den raren Ländern gehört, die sowohl im Fussball als auch im Eishockey auf WM-Niveau seit Jahren eine Rolle spielen. Das bedeutet, dass aus unseren Möglichkeiten seit Jahren ein Maximum herausgeholt wird. Das bedeutet aber auch, dass es ein Weltwunder braucht – das Zusammentreffen aller glücklichen Umstände am gleichen Tag –, um im Eishockey Weltmeister oder im Fussball WM-Halbfinalist zu werden.
Auf diesen Tag warten wir im Fussball seit 1930 und im Eishockey seit 1920. Aber es ist noch nicht aller Tage Abend und 2026 hat sooo wenig gefehlt.
