«Will ich das überhaupt noch?» – Michelle Gisin über die schwierigste Frage ihrer Karriere
Michelle Gisin wirkt noch etwas fragil, als sie vor der Sportmittelschule in Engelberg erscheint. «Wollen wir einen Kaffee trinken gehen?», fragt sie. Im Garten des Klosters, unweit von der Sportschule entfernt, nehmen wir Platz. Die 32-Jährige hat im vergangenen Dezember einen solch heftigen Sturz erlitten, dass sich nun die Frage nach dem Karriereende aufdrängt.
Sie befinden sich in einer langwierigen Reha. Wie positiv ist Ihre Einstellung?
Michelle Gisin: Manchmal ist es schon hart. Ich habe mich immer darüber definiert, dass ich praktisch nicht stürze. Es ist erst das dritte Mal in meiner Karriere, dass ich im Netz gelandet bin, bei fast 300 Weltcup-Rennen. Es ist nur schon eine grosse Challenge, zu akzeptieren, dass das überhaupt passiert ist. Ich muss die richtige Balance finden: Einerseits darf ich den Sturz nicht verdrängen, andererseits kann ich auch nicht ständig daran denken.
Und hinzu kommen schwere körperliche Schäden.
Allein meine Knieverletzung ist eine grosse Herausforderung. Aber es gibt noch viele andere Baustellen. Ich kann mein Handgelenk nicht um 90 Grad biegen, ich habe in den Armen fast keine Kraft, der Hals ist sehr unbeweglich, die ganze Halswirbelsäule ist eingeschränkt. Kürzlich hat mich Dominique (ihre ältere Schwester, d. Red.) zum Yoga mitgenommen. Ich hatte Angst, dass mir Yoga deutlich die Grenzen aufzeigen würde. Am Tag danach wachte ich aber auf und hatte erstmals keine Schmerzen.
Sie hatten erstmals seit Dezember keine Schmerzen?
Genau. Wobei ich sagen muss, dass ich in den letzten Monaten sehr viele Abstufungen von Schmerzen kennengelernt habe. Nach dem Sturz hatte ich die schlimmsten Schmerzen meines Lebens. Jetzt sind es Schmerzen, die ich gar nicht mehr richtig wahrnehme.
Wie bestreiten Sie den Alltag?
Vielleicht habe ich ein zu negatives Bild gemalt. Inzwischen kann ich eigentlich fast alle alltäglichen Dinge wieder machen. Am Anfang war selbst das Einschenken eines Getränks eine riesige Herausforderung. Gewisse Dinge gehen aber immer noch nicht.
Zum Beispiel?
Früher war es für mich selbstverständlich, Luca (ihr Verlobter, d. Red.) im Garten zu helfen und schwere Sachen herumzutragen. Das schaffe ich momentan nicht. Erst jetzt realisiere ich, wie schön es ist, fit zu sein und viel Kraft zu haben. Ich bin sehr dankbar für diesen Zustand, den ich hatte. Und gleichzeitig merke ich auch, wie weit ich derzeit davon entfernt bin.
Sie sagten einmal, die Welt sei für Sie stillgestanden, als Ihr Bruder Marc 2018 schwer stürzte. Wie war es jetzt bei Ihrem eigenen Sturz?
Es ist eindeutig viel schlimmer, wenn der Bruder stürzt. Ich war damals mit Luca und seinem Team in Alta Badia, wir hatten gerade Mittagspause und schauten auf dem Laptop das Rennen. Als Marc stürzte, drehten sie sofort den Bildschirm von mir weg, damit ich nichts sehen konnte. Ich sah nur die schockierten Gesichter von Luca und seinen Teamkollegen, das werde ich nie mehr vergessen. Wir liefen danach im Spital von Abteilung zu Abteilung, bis wir Marc gefunden hatten. Meine Eltern standen völlig unter Schock. Diese Minuten, die verstreichen, bis du weisst, dass ein geliebter Mensch noch lebt, fühlen sich wie Monate an.
Wie haben Sie ihren eigenen Sturz in Erinnerung?
Ich hatte unglaubliche Schmerzen, vor allem im Handgelenk. In meiner Erinnerung lief alles sehr schnell ab. In der ersten Sekunde hatte ich Schmerzen, in der zweiten war der Arzt bei mir, in der dritten bekam ich Medikamente und einen Zugang. Und irgendwann wurde klar, dass die Halsverletzung schlimm war. Von dem Moment an habe ich ständig überprüft, ob ich mich noch bewegen kann. Ich habe alle paar Sekunden mit den Zehen gewackelt und die Finger bewegt, einfach um sicherzugehen, dass es noch funktioniert.
Verfolgt Sie der Gedanke, dass Sie querschnittgelähmt sein könnten?
Ich frage mich manchmal, warum ich dieses Glück hatte – und andere nicht. Wie ist es möglich, dass ich mit über 100 Stundenkilometern auf zwei Ski einen Hang hinunterfahre, stürze – und am Ende dieses riesige Glück habe? Und dann hörst du Geschichten von Menschen, die wegen eines Unfalls von einer Sekunde auf die andere mit einem völlig veränderten Leben konfrontiert sind. Ich merke einfach, wie dankbar ich sein muss.
Haben Sie Schuldgefühle gegenüber Ihren Angehörigen?
Ein bisschen schon. Aber diese Gefühle kamen erst später, weil ich das Ausmass der Verletzungen erst nach und nach einordnen konnte. Ich erinnere mich noch, wie ich vor der Operation meine Eltern sah, das war extrem emotional. Ich sah den Schmerz in ihren Augen. Es fällt mir heute noch schwer, daran zurückzudenken. Für Luca tat es mir besonders leid. Er hat den Sturz live gesehen. So etwas mitansehen zu müssen, ist der Horror.
Hat Ihr Freund Ihnen zum Rücktritt geraten?
Luca ist in dieser Hinsicht unglaublich. Er erinnert mich immer wieder daran, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für einen solchen Entscheid ist. Er unterstützt mich enorm. Er weiss inzwischen genau, dass Donnerstag und Freitag oft schwierigere Tage sind, weil sich die Anstrengungen der Woche bemerkbar machen und ich müde werde.
Welches Gefühl müssen Sie spüren, damit Sie noch einmal in den Weltcup zurückkehren?
Das möchte ich nicht definieren. Ich glaube, ich werde das dann schon merken. Wenn mich das Ganze wieder so packt, dass ich noch einmal alles geben will. Aber das ist ja genau die Frage: Will ich es überhaupt noch?
Wollen Sie es denn grundsätzlich noch?
Diese Frage möchte ich auf den Ski beantworten. Sehen Sie: Ich habe ein wunderschönes Leben. Wir haben in Engelberg unser Paradies, wir können jederzeit an den Gardasee fahren. Ich habe wahnsinnig viele Privilegien. Wenn ich heute hier sitze und rational darüber nachdenke, könnte ich auch zum Schluss kommen, dass es wirklich nicht mehr sein muss. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Aber die entscheidende Frage bleibt: Will ich das noch? Und wenn ich diese Frage mit «Ja» beantworte, kommt bereits die nächste Frage.
Und die wäre?
Dann beginnt eigentlich die schwierigste Phase. Dann muss ich mich fragen, welche Ziele ich überhaupt noch verfolgen will. Will ich nochmals mit den Besten der Welt mitfahren? Geht es darum, eine solide Saison zu fahren? Geht es nur darum, einfach nochmals ein Rennen zu bestreiten? Aber wie gesagt, ich habe darauf im Moment keine Antwort. Ich bin vielleicht bei 50 oder 60 Prozent meines Weges.
Haben Sie Angst vor dem Karrierenende?
Davor hatte ich eigentlich nie Angst. Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass ich alles erleben durfte, was ich erleben wollte. Als kleines Mädchen träumte ich davon, eine Weltcupfahrerin zu werden. Ich durfte zweimal Olympiagold gewinnen, ich habe in jeder Disziplin mindestens drei Podestplätze geholt. Ich durfte meinen Traum leben. Jedes Mal, wenn ich am Start stand, war ich einfach dankbar. Aber nach einer gewissen Zeit wiederholt sich auch vieles. Für mich war das in den letzten drei oder vier Jahren zunehmend spürbar. Viele haben meinen Materialwechsel von Rossignol zu Salomon nicht verstanden. Aber wahrscheinlich habe ich durch diese neue Herausforderung meine Karriere verlängert.
Sie mussten viel Kritik einstecken für diesen Wechsel. Warum wurde dieser Entscheid zum Politikum?
Ich weiss es bis heute nicht. Kritik war ich eigentlich gewohnt, aber diese Situation war anders. Pressekonferenzen wurden für mich sehr mühsam. Ich kam hinein, sah die Journalisten und hatte das Gefühl, die Artikel seien bereits geschrieben, egal, was ich sagen würde. Nach diesen Medienkonferenzen ging ich zurück ins Zimmer und war komplett erschöpft. Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu den Medienschaffenden. Ich hatte das Gefühl, offen zu sein und viel von mir preiszugeben. Trotzdem bekam ich zeitweise das Gefühl, unter die Räder zu kommen. Für mich war diese Zeit enorm schwierig. Es ging überall nur um die Frage, warum ich gewechselt habe und ob es mir nur ums Geld gegangen sei. Dabei hatte ich eigentlich keine schlechte Saison. Gewisse Dinge habe ich damals nicht verstanden.
Welche Dinge?
Zum Beispiel, warum sich Menschen persönlich beleidigt fühlen wegen meiner sportlichen Leistung. Das ist für mich absurd. Ich bin ein grosser Tennisfan. Wenn Stan Wawrinka oder Belinda Bencic spielen, berührt mich das emotional. Ich freue mich über ihre Erfolge, ich leide auch richtig mit. Aber mein Tag hängt eindeutig nicht von ihren Resultaten ab.
Sie sind nun mal eines der Gesichter des Schweizer Skisports. Mit solchen Figuren identifiziert sich die Öffentlichkeit.
Das Thema wurde aber auch medial bewirtschaftet. Das Problem war aus meiner Sicht, dass wir Schweizerinnen und Schweizer damals eine unglaublich erfolgreiche Saison hatten. Es gab kaum Negatives zu berichten. Mein Materialwechsel wurde dann gewissermassen zu diesem negativen Thema. Vor allem in der Deutschschweiz habe ich das sehr stark gespürt. In der Westschweiz wurden ebenfalls kritische Fragen gestellt, aber dort machte man auch die Rennen wieder zum Thema. Ich erinnere mich auch an negative Beiträge in den sozialen Medien, in den Kommentarspalten, oder an böse Zuschriften. Solche Dinge bleiben hängen. Aber die grosse Mehrheit der Menschen in der Schweiz ist respektvoll und zurückhaltend.
Wie waren die Reaktionen nach Ihrem Unfall?
Da spürte ich sehr viel Anteilnahme. Es kam eine riesige Welle von Nachrichten auf mich zu, das hörte gar nicht mehr auf. Während ich auf WhatsApp zurückzuschreiben begann, kamen bereits wieder Dutzende neue Nachrichten dazu. Wenn man so etwas erlebt, merkt man plötzlich, wie klein dieser negative Teil eigentlich ist. Das Negative bleibt zwar hängen, aber es repräsentiert die Öffentlichkeit nicht.
Wie sieht Ihr Fahrplan für die nächsten Monate aus?
Es lässt sich nicht so genau planen. Ich hoffe, den Kraftaufbau bis Ende Juli nochmals deutlich voranzutreiben. Im August geht das Team wieder auf den Schnee. Vielleicht kann ich da mitgehen. Aber selbst wenn ich nach Zermatt reisen würde, würde ich nicht zehn Tage lang Skifahren. Doch Prognosen sind schwierig. Ich kann ja nicht einmal sagen, ob ich im August den Rucksack oder die Ski selbst tragen kann. Jetzt steht zuerst einmal die Hochzeit auf dem Programm. Ende Juni heiraten wir. Und danach gehen wir ein paar Tage weg.
Wohin verreisen Sie?
Wimbledon. Luca und ich sind beide grosse Tennisfans. Wir werden uns da einfach hinsetzen und tagelang Tennis schauen. Wir haben uns im letzten Jahr bei den French Open verlobt, jetzt gehen wir verheiratet nach Wimbledon.

