Ronaldo, auch wenn es weh tut, es ist langsam Zeit
Ich erinnere mich noch genau: Jedes Kind in meinem Umfeld hatte ein CR7-Shirt. Und noch bevor der ikonische «Siuu»-Jubel um die Welt ging, waren es vor allem seine Freistösse, die mich faszinierten – dieser breitbeinige Anlauf, die Spannung davor und das tiefe Einatmen bevor's an den Ball ging. Sie waren die Inspiration für meine eigenen Freistösse von damals, und nicht nur für meine. Als Portugiesin sage ich es ganz offen: Er ist unsere Ikone. So wie auch Messi es für die Argentinier ist.
Ronaldo ist für uns mehr als ein Fussballer. Er ist der Beweis, dass ein kleines Land Grosses hervorbringen kann – einer, der von ganz unten kam und zu einem der grössten Weltstars wurde. An ihm haben sich Generationen orientiert und inspiriert – aber auch der grosse Cristiano Ronaldo kann nicht ewig brillieren. Leider.
Gegen Kongo enttäuschte nicht nur er
Das 1:1 zum WM-Auftakt gegen die DR Kongo – für uns eine herbe Enttäuschung, für die Männer aus Kongo der historische erste WM-Punkt. Natürlich richteten sich danach alle Blicke auf Cristiano Ronaldo. Hat er gut gespielt? Nein, hat er überhaupt nicht. Kein einziger Schuss aufs Tor und dazu die schlechteste Sofascore-Bewertung aller Feldspieler – das ist wirklich einfach enttäuschend.
Aber wer hat denn gut gespielt? Wäre Portugal mit Gonçalo Ramos in der Startelf besser gewesen? Vielleicht, wer weiss. Doch dasselbe gilt für Nélson Semedo anstelle von Joao Cancelo, für Ruben Neves anstelle von Bernardo Silva und, und, und … Es war eben nicht nur Ronaldo, der enttäuschte – es war die ganze Mannschaft, die vor dem Tor ideenlos und harmlos blieb. Ihn zum alleinigen Sündenbock zu machen, finde ich nicht wirklich fair und wäre auch zu einfach.
Startelf oder Super-Joker?
Die entscheidende Frage bleibt: Welche Rolle soll Ronaldo in diesem Team einnehmen? Für die kommenden Spiele sehe ich zwei Szenarien.
Das erste Szenario: Trainer Roberto Martinez stellt ihn von Beginn an auf – was er ohnehin tun wird – und nimmt ihn aber spätestens in der 60. oder 70. Minute raus. Offen gesagt, Ronaldo über 90 Minuten spielen zu lassen, ist keine gute Idee– sogar als Portugiesin und Ronaldo-Sympathisantin muss ich das zugeben. Ein Joker wie Gonçalo Ramos könnte ihn meiner Meinung nach würdig ersetzen, so wie er es bei PSG immer wieder macht.
Das zweite Szenario, das ich im Moment eigentlich bevorzuge: Ronaldo selbst als Edeljoker für den Strafraum einsetzen. In den letzten 15 bis 20 Minuten könnte er noch einmal Feuer und viel Zug aufs Tor ins Spiel bringen.
Das Meer ist zu gross für einen Mann
Die Portugiesen werden die «Navegadores» genannt, die Seefahrer – eine Hommage an jene Nation, die einst die Weltmeere bezwang. Selbst das WM-Trikot ist diesem Erbe nachempfunden. Ein schöneres Bild könnte ich mir kaum wünschen.
Denn jedes grosse Schiff braucht einen, der den Kurs kennt. Lange war Ronaldo dieser Mann – der Kapitän, der Navigator, der vorausging. Doch die besten Seefahrer wussten immer auch, wann es Zeit ist, das Steuer in jüngere Hände zu geben, ohne von Bord zu gehen. Genau dort steht Portugal jetzt.
Seine Rolle bleibt wichtig – als Orientierungspunkt, als Erfahrung an Deck, als Stimme, die das Team zusammenhält. Aber ob dieses Schiff den Hafen erreicht oder Schiffbruch erleidet, entscheidet er nicht mehr allein. Das Meer ist zu gross geworden für einen einzigen Mann am Ruder und das muss auch er einsehen.
Ronaldo, ich liebe dich – aber es wird Zeit
Den grössten Moment lieferte er 2016, als Portugal die Europameisterschaft in Frankreich gewann. Schon bei seiner verletzungsbedingten Auswechslung im Final weinten selbst die stoischsten Männer um mich herum mit ihm mit. Der Titel wurde trotzdem mit ihm gewonnen – von der Seitenlinie aus, als Anführer, der seine Mannschaft trug, obwohl er nicht mehr mitspielen konnte. Diese Erinnerung gibt mir bis heute noch Gänsehaut.
Genau dieser Moment zeigt aber auch, wohin die Reise gehen könnte. Ronaldo, ich liebe dich wirklich. Aber langsam wird es einfach Zeit, etwas kürzer zu treten – auch wenn es wehtut und ich dich vermissen werde. Ich sehe dich schon an der Seitenlinie als Cheftrainer der portugiesischen Nationalmannschaft. Diese Liebe für das eigene Land und dieses Feuer, das du für den Fussball hast, können noch so viel entzünden und bewirken.
