Gut-Behrami erklärt Gründe für Karriereende: «Würde das Skifahren für mich beschmutzen»
«Woran erkennt man, dass etwas zu Ende ist? Und wie lässt sich tiefe Emotion in Worte fassen?», eröffnet Lara Gut-Behrami ihre Abschiedsbotschaft, in der die 35-jährige Tessinerin ihr Karriereende erklärt. Nach dem schweren Trainingssturz im vergangenen November wird die Skifahrerin nicht in den Weltcup zurückkehren.
«Vielleicht merkt man es daran, wenn die Ziele und das ständige Streben nach Verbesserung Platz machen für Glück, innere Zufriedenheit und die Fähigkeit, den zurückgelegten Weg wertzuschätzen», zitiert Blue Gut-Behrami. Zum Abschied blickt die Olympiasiegerin, zweifache Weltmeisterin und 48-fache Weltcupsiegerin in einem Video beim RSI noch einmal auf ihre Karriere zurück.
Auf den Podestplatz in St.Moritz in ihrer ersten Abfahrt, als sie ins Ziel stürzte und trotzdem Dritte wurde. Bei der Siegerehrung habe sie «einen Wirbelwind aus Emotionen, Ungläubigkeit, unbändiger Freude, gepaart mit einem Hauch von Orientierungslosigkeit» erlebt. «Ich war glücklich und unbeschwert.» Bei ihrem letzten Weltcuprennen im vergangenen Oktober seien die Emotionen aber noch stärker gewesen. Beim Riesenslalom in Sölden wurde sie ebenfalls Dritte. «Nun kamen das Bewusstsein und der Stolz auf den zurückgelegten Weg hinzu. Das empfundene Glück war reifer und erfüllter.»
Gut-Behrami zeigte sich glücklich, eine lange und intensive Karriere erlebt zu haben. «Das Gefühl absoluter Freiheit auf dem Schnee hat mich nie verlassen», so die zweifache Gesamtweltcupsiegerin, die anfügte: «Es war schon da, als ich ein Kind war, es war da als Sportlerin und es wird mich auch in Zukunft begleiten.» Sie freue sich, dass sie nun die Wahl habe. «Trotz fast 20 Jahren Spitzensport, trotz Stürzen und Verletzungen habe ich keine wiederkehrenden Schmerzen und möchte auch keine haben.»
Auch deshalb wisse sie, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen sei, um zurückzutreten. «Nicht mehr darauf zu bestehen, um jeden Preis Grenzen erreichen oder überschreiten zu wollen, und meinem Körper bestimmte Rhythmen und Belastungen aufzuzwingen.» Skifahren sei für sie etwas Magisches und Natürliches. Das wolle sie so bewahren. «Meinen Körper und meinen Kopf dazu zwingen zu wollen, Schmerzen zu ertragen und zu bewältigen, wäre, als würde ich das Bild, das ich in mir trage, von dem, was ich mit so viel Leidenschaft getan habe, beschmutzen», begründete die 35-Jährige ihren Entscheid.
Erst jetzt würde sie sich der grossartigen Momente, die sie erleben durfte, bewusst und geniesse diese in vollen Zügen. Neben dem Olympiasieg in Peking und den WM-Goldmedaillen in Cortina seien dies unter anderem auch «die vielen Stunden auf der Piste mit meinem Vater, die Diskussionen mit meinen Skimännern Babi und Tom, um das Material ständig zu verbessern». Die Liste dieser Momente sei endlos. «Ich habe jahrelang unermüdlich daran gearbeitet, im Sport Spitzenleistungen zu erbringen und zu gewinnen; jetzt verspüre ich nur noch ein tiefes Glücksgefühl und bin gerührt davon, wie schön es war.»
Gut-Behrami erklärte auch, dass Spitzensport genauso wenig ein Märchen sei wie das Leben. Aber es sei nicht der Zeitpunkt, «an Fehler, Enttäuschungen, Schwierigkeiten und all die Hindernisse – auch die zwischenmenschlichen – zu denken, die es gab». Vielmehr wollte sie sich noch einmal bei allen bedanken, die sie begleitet und unterstützt haben. Allen voran natürlich Papa Pauli, Mama Gabriella, Bruder Ian und Ehemann Valon Behrami. Aber auch bei ihren Trainern, Freundinnen und Fans.
Sie glaube, dass es im Leben für alles eine Zeit gebe, sagte Gut-Behrami zum Abschluss. «Jetzt weiss ich, dass es nicht mehr meine Zeit ist, eine Startnummer anzulegen und an Rennen teilzunehmen. Ich freue mich darauf, Ski zu fahren, und bin glücklich so, wie es ist.» (nih)
