Die Schlinge um Infantinos Hals zieht sich zu
Oft scheint es, als würde sich nie etwas ändern. Bis es plötzlich schnell geht. Dieses Szenario scheint sich im Weltfussballverband FIFA abzuspielen. Gerade noch war Präsident Gianni Infantino der scheinbar unantastbare Regent am Hauptsitz auf dem Zürichberg. Nun sieht es so aus, als hätte er es mit der Gier nach Macht und Geld zu weit getrieben.
Bei seiner Wahl vor zehn Jahren hatte sich der Secondo aus dem Oberwallis mit blumigen Worten zu den Reformen bekannt, die unter seinem in Ungnade gefallenen Vorgänger Sepp Blatter lanciert worden waren. Dann warf Infantino sie über Bord. Die Mitglieder der FIFA-Ethikkommission, die unter Blatter Zähne gezeigt hatten, servierte er eiskalt ab.
Lange ging es gut, weil Infantino die 211 Mitgliedsverbände mit üppigen Geldtransfers ruhigstellen konnte. Kritik liess er an sich abperlen, und daran fehlte es nicht, etwa wegen seiner schamlosen Anbiederung an Autokraten im Nahen Osten. Oder an US-Präsident Donald Trump, dem er einen frei erfundenen «Friedenspreis» überreichen liess.
Ein Getriebener
Stimmen, die Gianni Infantino einigermassen wohlgesinnt waren, verwiesen darauf, dass der FIFA-Präsident in gewisser Weise ein Getriebener sei. Um sein System am Laufen zu halten, müsse er immer mehr Geld beschaffen. Und das finde er eher in Katar oder Saudi-Arabien als in England oder Italien. Jetzt ist dieses Narrativ mit Getöse implodiert.
Anlass waren die Pläne zur Gründung einer Tochtergesellschaft namens FIFA Forward Enterprise (FFE), die alle kommerziellen Aktivitäten und Turnierorganisationen bündeln sollte. Infantino hatte sie in Autokraten-Manier weitgehend ohne Rücksprache entwickelt. Nach dem Ende seiner Amtszeit als FIFA-Präsident hätte er deren Chef werden sollen.
30 Millionen pro Jahr?
Faktisch wäre damit die Macht über den Weltfussball in seinen Händen verblieben. Und er hätte sich laut Recherchen der «Sunday Times» üppig entlöhnen lassen, mit angeblich 30 Millionen US-Dollar pro Jahr plus Boni. Die FIFA-Mitgliedsverbände wollte Infantino in bekannter Manier mit einer Prämie von 20 Millionen Dollar «ködern».
Dieses Mal aber ging seine Rechnung nicht auf. Denn der FIFA-Chef wollte 20 Prozent der Anteile an der neuen Gesellschaft an private Investoren um Joshua Kushner verkaufen, den Bruder von Donald Trumps Schwiegersohn. Darin zeigte sich wie bei der Aufhebung der Spielsperre für US-Stürmer Folarin Balogun an der WM Infantinos Nähe zum Trump-Clan.
Dicke Post aus New York
Die Empörung war gewaltig, wenn auch teilweise heuchlerisch wie im Fall des europäischen Verbands UEFA, der die Kommerzialisierung des Fussballs ebenfalls in immer neue Höhen treibt. Dennoch war es bemerkenswert, dass die UEFA geschlossen mit dem Boykott aller FIFA-Wettbewerbe drohte. In der Nacht auf letzten Freitag zog Infantino seine Pläne zurück.
Die Kritik auch anderer Kontinentalverbände war dafür wohl nicht der Hauptgrund. Denn die UEFA griff zu einer weit schärferen Waffe als dem möglichen Boykott. Über eine New Yorker Anwaltskanzlei drohte sie der FIFA mit rechtlichen Schritten wegen des FFE-Plans. Ihr Schreiben, das der «Süddeutschen Zeitung» vorliegt, enthält jede Menge Zündstoff.
17 Mitarbeiter betroffen
So wird FIFA-Boss Infantino explizit gewarnt, jegliches Material zu zerstören: «Da mit einem Verfahren zu rechnen ist, sind Sie verpflichtet, alle relevanten Unterlagen mit sofortiger Wirkung aufzubewahren.» Infantinos überraschend schneller Rückzug könne «mit dem Schockschreiben aus New York» zusammenhängen, folgerte die «Süddeutsche Zeitung».
Damit nicht genug: Die Klagedrohung richtet sich auch gegen 17 enge Mitarbeiter Infantinos, die als mögliche Mitwissende oder Dokumentenbesitzende eingeschätzt werden. Die Aussicht, vor einem US-Gericht angeklagt zu werden, scheint sie in Panik zu versetzen. Als Erster kündigte Infantinos langjähriger Berater Carlos Cordeiro seinen Rücktritt an.
«Projekt einer Person»
Ihm folgte Kevin Lamour, als Betriebsdirektor die Nummer drei in der FIFA-Zentrale. In einem internen Schreiben, das an die Medien durchgestochen wurde, beschuldigte der Franzose mit Schweizer Pass den Präsidenten der «Missachtung und Einschüchterung». Den FFE-Plan bezeichnete er als «Projekt einer Person» – also von Gianni Infantino.
Am Dienstag gingen weitere Personen aus seinem Umfeld auf Distanz, allen voran Mattias Grafström, als Generalsekretär auf dem Papier der zweitmächtigste Mann der FIFA. Auch sein internes Schreiben wurde geleakt. Der frühere Startrainer Arsène Wenger, Direktor für globale Fussballförderung bei der FIFA, veröffentlichte gar ein offizielles Statement.
Vorwurf der Erpressung
Die Ratten verlassen das sinkende Schiff, könnte man mit zynischem Unterton behaupten. Nicht nur deshalb wird es eng für Infantino. Ebenfalls am Dienstag beschuldigte ihn Prinz Ali bin al-Hussein, der Präsident des jordanischen Fussballverbands, ganz offen der Erpressung. Er ist nicht ganz unbelastet, dennoch ist der Vorwurf gravierend.
Kurz nach der Weltmeisterschaft war der Walliser noch in selbstherrlicher Art auf Instagram über seine Kritiker hergezogen. Jetzt scheint sich die Schlinge um seinen Hals zuzuziehen. Für Mittwoch hat er laut britischen Medien eine Krisensitzung mit hochrangigen Mitarbeitern in Marokko einberufen. Er wird wohl versuchen, den Zerfall seines Imperiums zu stoppen.
«Infantino wird nicht aufgeben»
Ob es ihm gelingt, ist zweifelhaft, nicht zuletzt wegen der drohenden UEFA-Klage. Seine Wiederwahl im nächsten März, ebenfalls in Marokko, steht auf der Kippe. Kampflos abtreten wird er kaum. «Infantino wird nicht aufgeben», meinte auch Hans-Joachim Eckert, der vom FIFA-Boss weggemobbte frühere Vorsitzende der Ethikkommission, in einem Interview.
Vielleicht kann Infantino den Kopf noch einmal aus der Schlinge ziehen. Und doch deutet einiges darauf hin, dass seine Tage an der FIFA-Spitze gezählt sind. Es wäre das Schicksal eines Autokraten, der sich für unantastbar hält, bis ihn eine Palastrevolte aus dem Amt fegt.
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