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Turner Noe Seifert findet trotz WM-Medaille kaum Sponsoren

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Noe Seifert findet trotz sportlicher Weltklasse keine Sponsoren.Bild: keystone

Warum Noe Seifert als Kunstturner trotz WM-Medaille um jeden Franken kämpft

Noe Seifert gewann als erster Schweizer seit 75 Jahren eine WM-Medaille im Mehrkampf. Neue Sponsoren brachte ihm der historische Erfolg trotzdem nicht. Nun greift der Aargauer an der EM erneut nach einer Medaille.
17.08.2026, 21:2317.08.2026, 21:23
Martin Probst
Martin Probst

Es ist ein schwülheisser Mittwoch Anfang August. Noe Seifert hat gerade eine intensive Trainingseinheit hinter sich. Bis zur Europameisterschaft der Kunstturner sind es noch rund zwei Wochen. Noch ist Alltag für Seifert.

Wobei das nicht ganz stimmt. Am Nachmittag hat er ein Gespräch mit einem potenziellen Sponsor. Das erste, seit er im vergangenen Oktober an der Weltmeisterschaft sensationell Bronze im Mehrkampf gewonnen hat.

Noe Seifert vom Schweizerischen Turnverband posiert am Mittwoch, 5. August 2026, in Biel. Naechstens finden in Zagreb die Kunstturn Europameisterschaften statt. (KEYSTONE/Peter Schneider)
Seifert nimmt dieser Tage die Europameisterschaft in Angriff.Bild: keystone

Es war eine Leistung mit sporthistorischen Dimensionen. 75 Jahre hat es gedauert, bis mal wieder ein Schweizer in der Königsdisziplin des Turnens auf einem WM-Podest stand. In einer Weltsportart, notabene. Und trotzdem meldete sich danach kein einziger neuer Sponsor bei Seifert.

Also hat der Aargauer sein Dossier selbst verschickt. Zehn Monate lang erfolglos, bis endlich jemand Interesse zeigte. Als Fussballer wäre Noe Seifert längst Millionär. Als Kunstturner kämpft er um jeden Franken.

Es braucht schon beinahe einen Doktortitel

Seifert spricht offen darüber, dass es durchaus deprimierend sein kann, neuen Sponsoren nachzurennen. David Huser, der beim Schweizerischen Turnverband (STV) die Abteilung «Olympische Mission» leitet, sagt: «Wenn man sieht, was unsere Athletinnen und Athleten leisten und wie hart sie trainieren, würde ich mir etwas mehr Anerkennung dafür wünschen.»

Aber woran liegt es, dass es das Kunstturnen im Bereich der Vermarktung schwer hat? An einer fehlenden Basis kann es jedenfalls kaum liegen. Kein anderer Sportverband hat hierzulande mehr Mitglieder als der STV. David Huser hat eine Vermutung, warum das Kunstturnen für viele weniger greifbar und damit schwerer vermittelbar sein könnte: «Beim Fussball ist jeder im Stadion ein Experte. Jeder weiss: Der Ball muss ins Tor», sagt er.

Das Kunstturnen ist vielschichtiger. Nur schon um das Wertungssystem zu verstehen, bedarf es fast eines Doktortitels. «Es ist manchmal schwierig zu vermitteln, warum jemand eine schlechtere Note erhalten hat als der Konkurrent», sagt Huser. Oder anders gesagt: Es ist deutlich einfacher zu verstehen, warum eine Fussballmannschaft gewonnen oder verloren hat. Diese vermeintliche Expertise schafft Nähe. Und die lässt sich vermarkten.

Wenn Manuel Akanji an der WM einen Penalty verschiesst, ärgert sich das halbe Land. Und manch einer denkt: «Ich hätte den besser geschossen.» Wenn Seifert am Reck Punkteabzüge erhält, verstehen die meisten nicht einmal, wieso. Aufmerksamkeit kennt beide Richtungen: Freud und Leid.

Fehlt dem Kunstturnen also das polemisierende Element, das die Leute bewegt? Seifert sagt: «Bei mir gibt es keine Hasskommentare, wenn ich schlecht turne. Weil niemand denkt: ‹Den dreifachen Rückwärtssalto beim Abgang vom Reck hätte ich aber schon deutlich besser geturnt als er.›»

KEYPIX - epa12472557 Noe Seifert of Switzerland performs on the High Bar during the Men's Artistic Gymnastics All-Around Final at the FIG Artistic Gymnastics World Championships 2025 in Jakarta,  ...
Das Publikum kann beim Turnen nicht gleich mitreden wie beim Fussball.Bild: keystone

Das allein kann die Unterschiede beim Interesse der Sponsoren aber kaum erklären. Das führt zur Frage: Könnte es sein, dass die Kunstturner mit ihrer oft zurückhaltenden Art als Werbeträger im Nachteil sind? Im Balztanz um Aufmerksamkeit bewegt sich Noe Seifert tatsächlich etwas hüftsteif. Die Auftritte vor Publikum meistert er zwar deutlich besser als zu Beginn seiner Karriere. Zur Lieblingsdisziplin werden sie aber wohl nie.

Wie löst sich das Kunstturnen von der Fehlerkultur?

Huser sagt: «Kunstturnen ist ein Sport, in dem man immer den Fehler sucht. Der Kampfrichter zieht ab. Der Trainer sagt: ‹Das war nicht gut.› Du wirst immer daran gemessen, was falsch war.» Das hat Auswirkungen auf viele Bereiche. Wer die Kunstturner beobachtet, stellt schnell fest, wie stramm sie beispielsweise dastehen, wenn sie ein TV-Interview geben. Aber so ist das: Auch bei den Haltungsnoten gibt es im Turnen Abzüge.

Wie aber löst sich das Kunstturnen von dieser Fehlerkultur? Huser, der gerne neu denkt und beispielsweise daran beteiligt war, dass das Mindestalter der Kunstturnerinnen beim Wechsel an das nationale Leistungszentrum von 16 auf 18 Jahre erhöht wurde, hätte einen Ansatz. «Vielleicht müsste man das System der Bewertung überdenken», sagt er.

David Huser, Chef Leistungssport vom Schweizerischen Turnverband posiert am Mittwoch, 5. August 2026, in Biel. Naechstens finden in Zagreb die Kunstturn Europameisterschaften statt. (KEYSTONE/Peter Sc ...
David Huser leitet im Schweizerischen Turnverband die Abteilung «Olympische Mission».Bild: keystone

Als olympische Sportart lebt das Turnen zwar von seiner Tradition. «Das Kunstturnen ist und bleibt eine kompositorische Sportart», ist sich Huser bewusst. «Trotzdem sollte man sich Gedanken über Innovationen machen. Zum Beispiel, wie wir das Bewertungssystem besser darstellen können.»

Klar ist: Der Schweizerische Turnverband allein kann die Komplexität des Kunstturnens nicht verändern. Huser unterscheidet deshalb zwischen Dingen, die er beeinflussen kann, und solchen, die ausserhalb seiner Macht liegen. Zu Ersteren gehört die Kultur innerhalb des Verbands. Sie soll geprägt sein von Vertrauen – von einem Klima, in dem Turnerinnen und Turner bereit sind, mehr von sich preiszugeben, sofern sie es wollen.

Noe Seifert wäre bereit für den Schritt aus dem Schatten. An der EM in Zagreb gehört er ab Mittwoch wiederum zu den Medaillenkandidaten. Vielleicht muss er danach nicht länger selbst um Sponsoren werben. (aargauerzeitung.ch)

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