Wie Thuns Meisterheld Bertone einst zum Argentinier wurde und mit Messi trainierte
Wenn die Schweizer Nati in der Nacht auf Sonntag (3 Uhr) im WM-Viertelfinal auf Titelverteidiger Argentinien trifft, werden alle Augen auf Lionel Messi gerichtet sein. Einer, der dem Weltstar schon einmal ganz nahe kam, ist Leonardo Bertone. Der heutige Mittelfeldspieler des FC Luzern durfte als 17-jähriger Nachwuchsspieler der Young Boys überraschend mit der argentinischen Nationalmannschaft trainieren.
Es ist Ende Februar 2012. Argentinien bereitet sich im Stade de Suisse in Bern auf das Testspiel gegen die Schweiz vor. Weil das Team von Nationaltrainer Alejandro Sabella nur mit 19 Spielern angereist ist, benötigt es drei zusätzliche Feldspieler, um im Abschlusstraining elf gegen elf spielen zu können. Argentinien fragt bei YB an – die Wahl fällt auf die drei U21-Spieler Marco Bürki, Samir Naili und Leonardo Bertone.
«Immer noch unglaublich surreal»
«Unser damaliger Trainer Joël Magnin kam zu uns und sagte, wir drei hätten das Glück, mit Argentinien trainieren zu dürfen. Zuerst konnten wir es gar nicht glauben», erinnert sich Bertone.
Noch am selben Abend ging es ins Stade de Suisse. In der Garderobe wartete bereits alles auf die drei Nachwuchsspieler. «Das komplette Trainingsmaterial lag bereit: T-Shirt, Pullover, Hosen und Stulpen. Natürlich alles im Argentinien-Look. Ich habe heute noch alles zu Hause. Wenn ich es sehe, fühlt sich das immer noch unglaublich surreal an.»
Messi anzugreifen war tabu
Die drei YB-Nachwuchsspieler waren super nervös, bis die Stars eintrafen. Und als die argentinische Nati das Training startete, mussten die YB-Junioren zunächst wegen der anwesenden Medien noch auf der Ersatzbank warten. Erst danach durften sie aufs Feld und wurden der Mannschaft vorgestellt.
«Dann standen wir alle im Kreis, wir drei mittendrin, und der Trainer hat uns vorgestellt. Das war wirklich abnormal – zwischen all diesen Weltstars.»
Noch vor Trainingsbeginn gab es eine klare Anweisung: «Uns wurde gesagt: Wenn Messi den Ball hat, greift ihn einfach nicht an.»
Viel eingreifen konnten die drei YB-Junioren ohnehin nicht. «Wir kamen relativ wenig an den Ball. Wir mussten vor allem verschieben», so Bertone. «Es gab schon kurze Sequenzen, in denen der Ball im Spiel war. Aber meistens war es stehend und der Trainer hat viel erzählt.» Trotzdem sei das Erlebnis «brutal» gewesen. Sobald Bertone mal am Ball war, spielte er ihn einfach wieder weiter. «Ich war so nervös und wollte einfach keinen Fehler machen.»
Messi machte sein eigenes Programm
Eine Szene hat sich Bertone besonders eingeprägt. Während Nationaltrainer Alejandro Sabella seiner Mannschaft taktische Anweisungen gab, war der Superstar des Teams anderweitig beschäftigt. «Messi war ein bisschen für sich. Der Trainer hat die Taktik erklärt, doch Messi hat praktisch gar nicht zugehört. Stattdessen stand er beim Mittelkreis und spielte weite Bälle mit Goalie Sergio Romero», erzählt Bertone lachend.
Während Messi eher zurückgezogen wirkte, suchte mit Sergio Agüero ein anderer Superstar den Kontakt zu den drei YB-Junioren. «Bei Freistössen von Messi mussten wir gemeinsam mit Agüero und Erik Lamela in die Mauer stehen. Währenddessen hat Agüero die ganze Zeit mit uns geredet und Sprüche geklopft. Ich dachte nur völlig ungläubig: Was mache ich eigentlich hier?»
Ein Training als eines der Karriere-Highlights
Das Training stand übrigens unter der Beobachtung des damaligen Nationaltrainers Ottmar Hitzfeld – und von zwei Schulkollegen von Bertone. «Ich ging damals noch in die Wirtschaftsmittelschule. Ich hatte in der Klasse erzählt, dass ich mit Argentinien trainieren darf. Als YB-Spieler wusste ich auch, wie man in die Loge kommt, und erklärte ihnen den Weg. Während des Trainings schaute ich hoch – und plötzlich standen die beiden dort und schauten zu.»
Am nächsten Tag erhielt Bertone wie andere YB-Nachwuchsspieler Tickets für das Testspiel zwischen der Schweiz und Argentinien. Die Nati verlor nach drei Toren von Lionel Messi mit 1:3. «Für mich war dieses Spiel natürlich viel spezieller, weil ich plötzlich mit ihnen trainiert habe.»
Das Training mit Argentinien erlebte Bertone ganz am Anfang seiner Karriere. Später wurde er mit YB zweimal Schweizer Meister und in der vergangenen Saison war er einer der Leader beim sensationellen Titel mit dem FC Thun. Mit YB spielte er später gegen Juventus und traf dabei auf Cristiano Ronaldo. Trotzdem zählt das Training mit Argentinien bis heute zu den grössten Highlights seiner Laufbahn. «Das war so unerwartet. Bei internationalen Spielen wie gegen Juventus weisst du Wochen vorher, was auf dich zukommt. Das hier war einfach so kurzfristig und ich war noch so jung.»
Ganz vergessen hat Bertone dieses Erlebnis bis heute nicht. «Jedes Mal, wenn mich jemand fragt, wer der beste Gegenspieler war, kommt mir das wieder in den Sinn. Dann denke ich: Ich habe mal mit Messi trainiert.»
Und was braucht es für die Schweiz, um Lionel Messi zu stoppen? Bertone sagt: «Ehrlich gesagt weiss ich das bis heute nicht. Ich denke aber, als Kollektiv ist es möglich.»

