Novak Djokovic vor Wimbledon: Er macht Jagd auf Roger Federers Rekord
Gerade einmal vier Turniere hat er in diesem Jahr bestritten. Längst hat man sich daran gewöhnt, dass Novak Djokovic sich kurzfristig abmeldet, meist ohne Angabe von Gründen. So auch diesmal. Statt am Mittwoch bei einem Einladungsturnier im Londoner Stadtteil Hurlingham anzutreten, trainierte er im Südwesten der Stadt im Aorangi Park in Wimbledon.
Die Botschaft: Mein voller Fokus gilt dem bedeutendsten Tennisturnier der Welt. Betritt Novak Djokovic dort den Centre Court, wirkt alles vertraut. Der Gang durch die Katakomben, das Gefühl, den Rasen zu betreten, das Ritual vor dem ersten Aufschlag. Bereits zum 21. Mal nimmt er in diesem Jahr am ältesten Tennisturnier teil – vielleicht zum allerletzten Mal.
Letzter Wimbledon-Sieg 2022
Seit 2023 jagt er einem Grand-Slam-Titel hinterher. Der 25. Erfolg würde ihn zum alleinigen Rekordhalter im Einzel machen. Bislang teilt er sich diesen mit der Australierin Margaret Court. Schon heute gilt der Serbe als bester Spieler seiner Generation und als erfolgreichster der Geschichte. Jedes der vier Grand-Slam-Turniere hat er mindestens dreimal gewonnen.
Siebenmal gewann er Wimbledon, zuletzt 2022. Nur Roger Federer steht mit acht Titeln noch vor ihm. Lange schien Novak Djokovic die Gesetze der Physik ausser Kraft zu setzen, als wäre das Älterwerden für ihn kein Thema. Während eine Generation nach der anderen aufstieg und wieder verschwand, blieb er an der Spitze. Die Gegner wechselten, Djokovic blieb.
Rasen spielt Djokovic in die Karten
Doch auch an ihm nagt der Zahn der Zeit. Seit seinem Olympiasieg in Paris vor zwei Jahren gewann er noch zwei kleinere Turniere – in Genf und in Athen. Auf der ganz grossen Bühne war er zwar oft nahe dran, wie Anfang des Jahres, als er den Final der Australian Open erreichte, wo er Carlos Alcaraz in vier Sätzen unterlag. Doch zum Sieg reichte es ihm nie mehr.
Und doch trauen ihm nicht wenige zu, dass der 39-Jährige in Wimbledon noch einmal die Zeit zurückdreht. Auf Sand und Hartplätzen kann er mit der jüngeren Generation heute nur noch mithalten, wenn alles passt.
Doch Rasen belohnt Eigenschaften, die Djokovic wie kaum ein anderer auf sich vereint: Ein zuverlässiger Aufschlag, präzise Returns, Antizipation und mentale Stärke. Nicht umsonst gewann er auf dem Centre Court zwischen 2018 und 2023 34 Partien in Serie und viermal den Titel. Seither verlor er nur gegen die zwei besten Spieler der Gegenwart: 2025 im Halbfinal gegen Jannik Sinner, 2023 und 2024 erst im Final gegen Carlos Alcaraz.
Alcaraz fehlt wegen Verletzung
Nun fehlt Alcaraz wegen einer Verletzung am rechten Handgelenk. Das hat zur Folge, dass Titelverteidiger Jannik Sinner als klarer Favorit ins Turnier steigt, bei dem er vor zwei Jahren Djokovic unterlegen war und gegen den er im Halbfinal der Australian Open eine von drei Niederlagen in diesem Jahr erlitten hat, was dem Serben damals kaum jemand zugetraut hätte.
Früher war Djokovic überall – heute ist er fast nur noch dann da, wenn es wirklich zählt. Einst war Djokovic die Verkörperung der Beständigkeit. Heute ist jeder seiner Auftritte ein Ereignis. Er spielt kaum noch Turniere und wirkt wie eine flüchtige Erscheinung. Seine Welt dreht sich fast nur noch um die Grand-Slam-Turniere, alles andere scheint ihn längst nicht mehr zu interessieren. Novak Djokovic als Phantom der Tennisoper.
Mit der Aura des Unberechenbaren
Womöglich verhilft ihm das zu körperlicher und mentaler Frische. Und vielleicht nährt die Ungewissheit über seine Form seine grösste Waffe: Niemand weiss, was von Djokovic noch zu erwarten ist – weder er noch seine Gegner. Einst umgab ihn die Aura des Unbesiegbaren. Nun ist er der Unberechenbare, in dem schlummert, was Sieger von Verlierern abhebt.
Tennis ist ein Spiel der Momente, das nicht immer derjenige gewinnt, der mehr Ballwechsel für sich entscheidet. Keiner weiss das besser als Novak Djokovic, der 2019 den Final von Wimbledon gegen Roger Federer für sich entschied, obwohl er 14 Punkte weniger gewonnen hatte. Weil er alle drei Tiebreaks gewann und dabei auch noch zwei Matchbälle abgewehrt hatte.
Früher genügte Novak Djokovic sein bestes Tennis. Heute braucht er auch den richtigen Moment. Gelingt ihm in Wimbledon der Rekord, wäre es mehr als ein weiterer Titel. Es wäre ein letzter Sieg über die Zeit. (car/schweizheute.ch)
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