Preisgeld-Zoff treibt immer buntere Blüten: Jetzt droht Jannik Sinner mit Boykott
Jedes Jahr werden Melbourne, Paris, London und New York jeweils für einige Wochen zum Nabel der Tenniswelt. Die vier Grand-Slam-Turniere ziehen Millionen Fans an und erwirtschaften dank TV-Rechten, Sponsoren und Ticketverkäufen Rekordeinnahmen. Sagenhafte 1,5 Milliarden Franken betrug der Umsatz der vier Major-Turniere im vergangenen Jahr.
Auch das an die Spielerinnen und Spieler ausgeschüttete Preisgeld steigt mit jedem Jahr. Bei den Australian Open zum Beispiel ist es seit 2016 um über 150 Prozent auf 75 Millionen Franken gestiegen. Wimbledon schüttet im Juli ebenfalls 75 Millionen aus – das sind 20 Prozent mehr als 2025. Bei den US Open beträgt das Preisgeld 85 Millionen, in Paris 65 Millionen.
Brisantes Schreiben an Organisatoren
Und doch wächst die Unzufriedenheit der Spielerinnen. Sie fordern eine grösseres Stück vom Kuchen und drohen immer wieder mit Boykott. Vor den French Open taten 20 Spieler, darunter Jannik Sinner, Carlos Alcaraz, Alexander Zverev, Arina Sabalenka, Coco Gauff und Iga Swiatek, in einem Schreiben an die Organisatoren ihre «tiefe Enttäschung» kund.
Zwar erhielten sie mehr Preisgeld, der prozentuale Anteil am Umsatz aber sei kleiner geworden. Weniger als 15 Prozent werden an die Spielerinnen ausgeschüttet. Auf der ATP-Tour der Männer und der WTA-Tour der Frauen fliessen mindestens 22 Prozent der Einnahmen an die Protagonisten ab.
Bencic fühlt sich unverstanden
Auch dort ist man weit von dem entfernt, was Athletinnen und Athleten als angemessen empfinden. In den US-Sportligen wie der NBA (Basketball) etwa erhalten die Spieler 50 Prozent der Einnnahmen, beim American Football sind es nur unwesentlich weniger, im Baseball sind es 40 Prozent.
«Ich glaube, die Leute verstehen uns falsch», sagte Belinda Bencic vor rund drei Monaten am Rande des Turniers in Abu Dhabi. «Wir sind nicht gierig und wollen nicht noch mehr Geld verdienen. Wir verdienen doch ohnehin schon zu viel. Fakt ist aber, dass der Anteil, den wir Spielerinnen und Spieler bekommen, im Vergleich zu den Turnieren sehr gering ist.»
Wimbledon erhöht das Preisgeld
Der französische Verband verteidigt sich in einer Erklärung an The Athletic, das Preisgeld in Paris sei seit 2019 fast um 45 Prozent gestiegen. Man habe 400 Millionen Franken in die Infrastruktur investiert. Und man wolle jene Spieler stärker beteiligen, die auf mehr Unterstützung angewiesen seien. Wer in der ersten Runde verliert, erhält inzwischen rund 90'000 Franken.
Die Spielerinnen und Spieler forderten die Organisatoren der French Open zu einem Dialog auf und beschränkten ihre Verfügbarkeit für Medien auf 15 Minuten. Turnierdirektorin Amélie Mauresmo verweigerte das Gespräch zwar, Erfolg zeitigte die Aktion aber dennoch. In einem Akt vorauseilenden Gehorsams erhöhte Wimbledon das Preisgeld. Ende gut, alles gut? Nein.
Unmut unter Doppel-Spielerin
Denn nun rücken die US Open ins Visier der Spielerinnen und Spieler, wie die britische Zeitung «The Times» berichtet. Demnach droht ein Boykott des im vergangenen Jahr neu initiierten gemischten Doppels. Angeführt werde dieser von Jannik Sinner. Was nicht einer gewissen Komik entbehrt.
Denn das gemischte Doppel ist quasi ein Einladungsturnier geworden. Das Feld wurde verkleinert und der Wettbewerb noch vor Beginn der Einzel an zwei aufeinanderfolgenden Tagen ausgetragen. Weil dadurch Spieler wie Carlos Alcaraz oder auch Belinda Bencic teilnahmen, die das gemischte Doppel sonst meiden wie der Teufel das Weihwasser, wurden dadurch jene aus dem Feld verdrängt, die sich auf das Doppel spezialisiert haben.
Dadurch verwehrten sie ausgerechnet jenen Spielerinnen und Spielern den Zugang zu einem Wettbewerb mit lukrativen Preisgeldern – das Siegerduo erhielt für vier Siege eine Million Dollar –, für deren Interessen sie sich einzusetzen vorgeben. Jene nämlich, die vom Tennis kaum leben können.
Sinner war 2025 zwar für das Turnier gemeldet, zog seine Teilnahme jedoch kurzfristig zurück. Der Italiener ist bislang der einzige namentlich genannte Spieler, der einen Boykott in Erwägung ziehen soll. Beobachter gehen allerdings davon aus, dass sich weitere anschliessen könnten.
Streik im Einzel? Das gab es schon
Für Jannik Sinner und Arina Sabalenka geniesst das gemischte Doppel keine Priorität, eine halbe Million Dollar Preisgeld ist für sie verzichtbar, und die Boykott-Drohung deshalb nur beschränkt wirkungsvoll. Wollen sie wirklich etwas bewirken, müssen sie zu einem Schritt bereit sein, der die Veranstalter, vor allem aber auch sie schmerzt: der Verzicht auf das Einzel.
Das scheint sehr unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. 1973 hatten 81 Spieler auf ihr Antreten in Wimbledon verzichtet, darunter 13 der damals 16 Gesetzten. Auslöser war Nikola Pilic, der sich geweigert haben soll, für das jugoslawische Davis-Cup-Team anzutreten, woraufhin er gesperrt worden war. Der Sieger erhielt damals 5000 Pfund, die Siegerin 3000. (car/schweizheute.ch)
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