Paterlini ist lieber ein König in Langnau als ein Depp in Zug oder Bern
Zu viel Geld kann im Sportgeschäft die Seele verderben. Das grosse Sommertheater in Zug ist ein schönes Beispiel, wie viel zu viel Geld ein viel grösseres Problem sein kann als Geldmangel. In Zug geht es drunter und drüber, selbst Männerfreundschaften sind zerbrochen, und Personal ist schäbig behandelt worden. Bereits gibt es Pessimisten, die trotz des neuen Hoffnungsträgers Paolo Duca nicht einmal mehr sicher sind, ob es den Zugern gelingen wird, nächste Saison das ewige Schlusslicht Ajoie in der Tabelle auf Distanz zu halten.
Wo hingegen Geld ein knappes Gut ist, müssen andere Werte sorgfältig gepflegt werden: Verlässlichkeit, Kontinuität, sportliche Kompetenz, Leidenschaft und Teamwork. Die SCL Tigers haben den 2027 auslaufenden Vertrag mit Trainer Thierry Paterlini vorzeitig bis 2029 verlängert. Die sonst gut informierte «Berner Zeitung» mutmasst: «In seinen letzten Vertrag liess sich Paterlini eine Ausstiegsklausel für die Nationalmannschaft setzen, das dürfte auch jetzt der Fall sein, auch wenn sich der 51-Jährige dazu nicht äussern will.»
Bewusster Entscheid für Langnau
Tatsächlich hatte Paterlini in seinem letzten Vertrag eine solche Ausstiegsklausel. Er war neben Jan Cadieux Kandidat für die Nachfolge von Patrick Fischer. Es ist logisch, dass sich ein Trainer eine solche Freigabeklausel in den Vertrag schreiben lässt: Nationaltrainer ist ein Traumjob. Ein Nationaltrainer hat weniger Arbeit, eine viel höhere Jobsicherheit, ist der oberste Hockey-Erklärer im Land und geniesst viel mehr Prestige und ein höheres Ansehen als ein Klubtrainer. Er muss sich lediglich impfen lassen.
Es ist also bemerkenswert, wenn ein Klubtrainer auf diese Freigabeklausel verzichtet. So wie Thierry Paterlini bei seinem neuen Vertrag in Langnau. Und zwar ausdrücklich und nicht etwa, weil sein Agent Sven Helfenstein nachlässig war und die Klausel vergessen hat.
Langnaus Sportchef Pascal Müller bestätigt auf Anfrage: «Ja, es stimmt, Thierry hat auf eine Nationaltrainer-Freigabeklausel verzichtet.» Und hat dafür eine überzeugende Begründung: «Er bekennt sich ohne wenn und aber zu unserer Organisation und es ist auch ein Zeichen des Respektes gegenüber Jan Cadieux. Beim letzten Vertrag war die Situation eine andere. Es war ja bekannt, dass Patrick Fischers Vertrag mit der WM 2026 ausläuft und es war legitim, sich für den Job zu interessieren.»
Mission nicht abgeschlossen
Paterlini steht vor seiner fünften Saison im Emmental und ist der dienstälteste Trainer der Liga. Er, sein Assistent Steve Hirschi und Sportchef Müller haben ihre Arbeit in Langnau im Sommer 2022 gemeinsam begonnen. Sie verstehen ihr Engagement inzwischen als eine Mission, die noch lange nicht zu Ende ist.
Der Verlängerung sind lange und intensive Gespräche vorausgegangen. Das Versagen in der Schlussphase der vergangenen Saison – durch zehn Niederlagen in den letzten elf Spielen war das sicher geglaubte Play-In kläglich verpasst worden – hat die Kabine erschüttert und die Autorität des Trainers einem Stresstest unterzogen.
Konstanz wird hoch gewichtet
Die Vertrauensbasis ist so gut, dass das Scheitern gemeinsam aufgearbeitet werden konnte und nicht – wie heute immer mehr üblich – eine bequeme Personalrochade zur Folge hatte. Die dann die Probleme doch nicht löst, weil sie nicht auf den Tisch kommen, und gleich in die nächste Krise mündet.
Die ZSC Lions und der EV Zug sind für Thierry Paterlini warnende Beispiele, wie wenig Rückhalt Schweizer Trainer in schwierigen Zeiten in hoch dotierten Jobs haben. Auf ein altes lateinisches Sprichwort gemünzt: Lieber hoch geschätzt im Dorf als auf dem gut bezahlten Schleudersitz in Rom. Lieber ein König in Langnau als ein Depp in Zug oder Bern.
Mit der Verlängerung von Paterlini, Assistent Hirschi und Torhütercoach William Rahm sichert Sportchef Müller das Wissen und die Erfahrung seines sportlichen Führungsteams, das die besondere Kultur in Langnau kennt. Mit der vorzeitigen Prolongation entfallen auch alle Spekulationen, ob der Trainer im Emmental bleiben oder nach Auslaufen des ursprünglichen Vertrages am Ende der Saison gehen wird.
Gesunder Konkurrenzkampf im Team
Die Verträge von 19 Spielern laufen in Langnau aus. Das tönt dramatisch, ist es aber nicht. Zu diesen 19 gehören alle sieben Ausländer und bloss zwei Schweizer, die schwierig zu ersetzen wären: Torhüter Robin Meyer und Leitwolf Flavio Schmutz.
Die übrigen zehn Spieler mit auslaufenden Verträgen müssen froh sein, wenn sie in Langnau einen Stammplatz in der höchsten Liga haben und können höchstens mit einem Angebot aus Ajoie oder Ambri ein wenig pokern. Die vielen auslaufenden Arbeitsverhältnisse sorgen deshalb in der hinteren Mannschaftshälfte für einen gesunden Konkurrenzkampf und nützliche Dynamik. Die Gefahr einer Kabinenrevolte ist gleich Null.
Es hilft dem Sportchef bei Transferverhandlungen, wenn klar ist, wer bis 2029 an der Bande steht. Wer sich mit dem Chef nicht mehr arrangieren mag, dem bleibt nur der Abschied.
Ein neues Denken muss her
Stabilität und Kontinuität können zur Bildung einer «Wohlfühloase» führen. Dagegen helfen 19 auslaufende Verträge. Aber noch wichtiger ist: Die Langnauer sind jetzt so breit aufgestellt wie noch nie in der Neuzeit. Sie haben sogar erstmals beim Saisonstart sieben Ausländer unter Vertrag.
Soll keine Wohlfühloase entstehen, dann ist eine hohe sportliche Zielsetzung unabdingbar. Mit weniger als Rang 6, einer direkten Playoff-Qualifikation und dem Gewinn des Spengler Cups dürfen die Langnauer nicht zufrieden sein. Natürlich sind das kühne Ambitionen – so wie einst der WM-Titel der Schweiz beim Amtsantritt von Patrick Fischer.
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Aber wenn die Langnauer endlich, endlich aus dem Mittelmass herauskommen wollen, dann müssen sie die Dämonen der Selbstzufriedenheit mit einem neuen Denken und einem erweiterten Horizont vertreiben. Mit wohlfeilen Ausreden - «Wir haben halt nicht das Budget der Spitzenteams» oder «Es ist doch toll, dass wir überhaupt in der höchsten Liga mitspielen dürfen» oder «Man darf bei uns hinten nicht zu viel erwarten» – sind die Emmentaler in der ihnen eigenen, durchaus sympathischen Bescheidenheit seit Jahren im Mittelmass gefangen und stehen geblieben.
Voraussetzungen so gut wie nie
Die SCL Tigers sind neben Ajoie das einzige Team der National League, das in der höchsten Spielklasse noch nie eine Playoff-Serie gewonnen hat. Angesichts der Tradition und des wirtschaftlichen und sportlichen Potenzials dieses Klubs ein unhaltbarer Zustand.
Mit der Verlängerung mit Thierry Paterlini, mit dem breitesten Kader seit der Rückkehr in die National League und mit der besseren Besetzung der Ausländerpositionen als in Bern, Zug, Ambri, Rapperswil-Jona, Kloten und Biel sind die Voraussetzungen so gut wie nie, die Dämonen der Selbstzufriedenheit zu vertreiben. Aber eben: Diese Fortschritte müssen mit dem Mut zu neuem Denken und einer hohen Zielsetzung kompromisslos eingefordert werden.
