Eine Champions League fürs Schwingen? Das Potenzial wäre da – doch der Verband blockt ab
Für Schwingfans ist es ein ganz besonderer Leckerbissen. Wenn am kommenden Samstag im zürcherischen Kilchberg nur 60 Schwinger um den begehrten Festsieg kämpfen, sind spannende Duelle garantiert. Normalerweise ist das Teilnehmerfeld um ein Vielfaches grösser. Am Luzerner Kantonalen zum Beispiel nahmen Ende Mai 286 Schwinger teil.
Die grosse Teilnehmerzahl führt automatisch zu vielen Kämpfen, die zumindest punkto Bekanntheitsgrad der sich messenden Schwinger wenig prickelnd sind. In Kilchberg ist das anders. Es ist das Kräftemessen der Allerbesten. Fast ein wenig eine «Champions League des Schwingens».
Platz für neue Wettkämpfe wäre vorhanden
Es ist ein Szenario, das Fantasien weckt. Und die Frage provoziert: Warum führt der Eidgenössische Schwingerverband ESV nicht regelmässig Wettkämpfe nur mit den allerbesten Schwingern durch? Der Kilchberger Schwinget findet – wie der Unspunnen-Schwinget – nur alle sechs Jahre statt. Das Eidgenössische Schwingfest alle drei. Da wäre Platz für mehr.
Die drei genannten Feste haben im Schwingen eidgenössischen Charakter. Alle vier Jahre findet somit eine Saison ohne klares Highlight statt. Nächstes Mal 2027. In solchen Jahren liesse sich gut ein neues Format einführen. Oder wie wäre es mit einem jährlichen «Masters» der Schwinger? Ideen für neue Wettkampf-Formate gibt es viele (siehe Box).
Jeweils am Ende der Freiluftsaison messen sich die besten Schwinger an einem Masters. Inspiriert vom Tennis, wo die besten acht Spieler des Jahres an den ATP Final (früher Masters) teilnehmen, könnte man im Schwingen die besten 32 Schwinger der Saison gemäss der Jahreswertung der Schwingerzeitung Schlussgang zu einem finalen Wettkampf einladen.
Ein Treffen der Champions im Winter
Die Kranzfestsaison im Schwingen findet von Mai bis August statt. Oder anders gesagt: Acht Monate im Jahr bleiben für viele Fans – die hart gesottene Basis einmal ausgenommen – uninteressant. Gerade der Winter bietet viele Möglichkeiten. Wie wäre es mit einem Treffen der Champions im Hallenstadion? Maximal abendfüllend, mit nur 16 Schwingern.
Schwingen im K.-o.-System
Kleine Teilnehmerfelder bieten die Möglichkeit für ein neues Format. Warum nicht Schwingen im K.-o.-System? Die Kampfdauer wird auf drei Minuten reduziert. Der Sieger ist eine Runde weiter. Bei einem Gestellten entscheiden die Kampfrichter, wer mehr für den Sieg getan hat und im Wettkampf bleibt. Die Attraktivität der Gänge wird dadurch deutlich erhöht.
Kommerziell wären zusätzliche Wettkämpfe ebenfalls interessant. Das bestätigen Szenekenner und Unternehmen, mit denen wir gesprochen haben. So schreibt die Migros, die sich stark als Sponsorin im Schwingen engagiert, auf Anfrage: «Neue Formate wie eine ‹Champions League des Schwingens› müssten mit dem ESV abgesprochen und von diesem genehmigt werden. Sollte das der Fall sein, sind wir offen für neue Ideen.»
Rolf Huser, der langjährige Manager der Schwingerkönige Christian Stucki und Jörg Abderhalden sagt: «So ein Format wäre monetär interessant und würde Sponsoren anziehen.» Zudem, glaubt Huser, würden weitere Highlights im Schwingkalender die Visibilität des Sports weiter steigern.
Die SRG, die im Schwingen diverse Ausstrahlungsrechte besitzt, schreibt auf Anfrage: «SRF überprüft regelmässig neue Ideen und Konzepte für die Weiterentwicklung des Sportangebots.» Bei der Entwicklung neuer Sportevents und Wettbewerbe sei aber weder die SRG noch SRF involviert.
Wer fremdgeht, wird saftig gebüsst
Die Hoheit über die Entwicklung des Schwingsports besitzt allein der Eidgenössische Schwingerverband. Und für den ist klar: «Der ESV lehnt dies (neue Wettkämpfe; Anm. der Redaktion.) ab. Eine Eigenheit des Schwingsports ist es, dass sich die Besten der Besten eben nicht jedes Jahr gegenüberstehen.» Es habe zwar schon Pläne in diese Richtung gegeben, schreibt der Verband: «Jedoch nicht vom ESV, sondern von Privaten.»
Allerdings scheiterten solche Vorhaben an den Statuten und Reglementen des ESV. Diese verbieten Schwingern und Kampfrichtern die Teilnahme an Schwingerveranstaltungen, die «nicht mit einer dem Eidgenössischen Schwingerverband angehörenden Körperschaft in Beziehung stehen». Wer dagegen verstösst, kann vom ESV mit einer Busse bis zu 10'000 Franken belegt oder im Extremfall vom Schwingerverband ausgeschlossen werden.
Unter den Schwingern ist die Zurückhaltung nicht nur deswegen gross. Sie werden von klein auf mit den Eigenheiten des Schwingens sozialisiert. Dieses basisdemokratische Denken, sagt ein Szenekenner, habe sich in den Köpfen eingebrannt: «Die Werte des Schwingens sind in Stein gemeisselt.» Selbst die Verlockungen des Geldes änderten nichts daran.
Alte Zöpfe werden bereits abgeschnitten
Diese Wertetreue führt allerdings zu widersprüchlichen Konstellationen. So wurde unter anderem der Grundsatz, dass jeder Schwinger gleich sei, dank der Vorzüge der Spitzensport-RS, die nicht jeder Schwinger absolvieren kann, aufgeweicht. Die Schwinger, die in den Genuss der Armeeförderung kommen, trainieren während der WKs wie Profis.
Die Frage, ob ein Schwinger Profi sein darf, wird ohnehin heiss diskutiert. Als Samuel Giger kürzlich den Tabubruch wagte und erklärte, dass er neben dem Schwingen keinem Beruf nachgehe, liess Kritik nicht auf sich warten. Schwingerkönig Nöldi Forrer sagte gegenüber TVO: «Er hat vor ein paar Jahren besser geschwungen, als er nebenbei noch gearbeitet hat.»
Das Schwingen ist längst dabei, alte Zöpfe abzuschneiden. Allerdings soll nicht jeder sehen, dass man beim Coiffeur war. Bei neuen Wettkämpfen ist das nicht möglich. Die Aufmerksamkeit wäre maximal, genauso aber auch der Widerstand. «Wir brauchen keine neuen Formate», sagt ein Insider. (schweizheute.ch)

