Die Philosophie von Spaniens Trainer: «Der Erfolg in diesem Sport kommt nur übers Team»
«Wir haben heute gegen eine der besten Nationalmannschaften gespielt. Aber sie haben gegen das beste Team der Welt gespielt.» Dieses Zitat von Luis De La Fuente nach dem 2:0-Sieg im WM-Halbfinal gegen Frankreich zeigt das Selbstverständnis des spanischen Nationaltrainers auf. Selbstbewusst, ja. Aber nie arrogant.
Und das Selbstvertrauen haben sich die Spanier unter ihrem aktuellen Coach redlich verdient. Der Triumph über Frankreich war der 37. Ernstkampf in Folge, den die Spanier ohne Niederlage abschlossen. Damit egalisierten die Iberer den Rekord für die längste Serie ohne Niederlage, die zwischen Oktober 2018 und September 2021 von Italien aufgestellt wurde. Krönt sich die spanische Nati am Sonntagabend zum Weltmeister, würde sie dann alleiniger Rekordhalter sein.
Die Ära von Luis De La Fuente ist geprägt von grossen Erfolgen. Spanien gewann die Europameisterschaft 2024, die Nations League 2023 und steht nun im WM-Final. Von 48 Spielen hat der 65-Jährige gerade mal drei verloren – einen Nations-League-Final gegen Portugal, ein Testspiel gegen Kolumbien sowie ein EM-Qualifikationsspiel gegen Schottland.
Über ein Jahrzehnt Erfahrung
Die spielerischen Waffen des spanischen Trainers sind bestens bekannt. De La Fuente setzt auf viel Ballbesitz, aufbauend auf einer grundsoliden Verteidigung. Erst ein Tor hat die Furia Roja in diesem Turnier kassiert, wobei bislang nur zehn Schüsse aufs Tor von Goalie Unai Simon kamen. Vorne hat der Mann aus der Provinz Rioja die Spanier etwas unberechenbarer gemacht. Sie attackieren schneller über die Flügel – natürlich auch dank Lamine Yamal und Nico Williams – und lassen dem Gegner weniger Zeit, sich zu sortieren.
Luis De La Fuente hat das fussballerische Rad also nicht neu erfunden, sondern es leicht weiterentwickelt. Vielmehr prägt er sein Team und seine Spieler mit seiner menschlichen Art – und das schon seit Jahren. Auch wenn der 65-Jährige erst seit 2023 Trainer der ersten Mannschaft ist, so war er schon seit 2013 beim spanischen Verband engagiert. Er trainierte während eines Jahrzehnts verschiedene Nachwuchsauswahlen: die U18, die U19 und die U21.
In dieser Zeit dürfte er jeden einzelnen seiner diesjährigen WM-Fahrer schon trainiert, bestens kennengelernt und ihnen seine Philosophie vermittelt haben. Die da lautet: «Fussball ist ein Mannschaftssport, der auf guten Menschen basiert.» Damit meint De La Fuente nicht zwingend moralische Werte, auch wenn ihm das auch wichtig ist («Respekt beginnt mit der Person, die vor dir sitzt»). Aber eigentlich spricht De La Fuente von guten Menschen im Sinne der Mannschaftsdienlichkeit.
Kein Platz für Problemspieler
«Fast jedes Team hat einen Spieler, der sich selbst in den Vordergrund stellt und so die Harmonie stört», erklärt der Spanier. Deshalb fordert De La Fuente von seinen Spielern, dass sie der Mannschaft zuerst etwas geben müssen, bevor sie sich etwas herausnehmen können. Er fordert, dass sich alle dem System unterordnen und hart arbeiten – selbst Supertalent Lamine Yamal.
Der 19-Jährige ist eine Art Ausnahme in einem Team, das sonst nicht vor absoluten Superstars strotzt. Spanien hat keinen Kylian Mbappé oder Michael Olise, auch keinen Harry Kane oder Lionel Messi. Aber Spanien hat neben dem funktionierenden Team, bei dem jedes Rädchen ins andere greift, eben Lamine Yamal, der vermutlich bald einmal das Superstar-Niveau von Mbappé und Co. erreicht.
«Bei ihm geht es darum, dass ich ihn ruhig halte und ihm Selbstvertrauen gebe», sagt De La Fuente über seinen jungen Schützling. Als bestes Spiel Yamals nennt sein Trainer jenes gegen Portugal, weil er dort hart gegen den Ball habe arbeiten müssen und dies auch getan habe. Wie Lionel Messi mehr als die Hälfte des Spiels herumlaufen und das Spiel gegen den Ball ignorieren, würde unter de la Fuente nicht durchgehen. «Der Erfolg in diesem Sport kommt nur über ein gutes Team. Wenn du dann noch ein oder zwei gute Individualisten hinzufügen kannst, bist du nahe an der Perfektion», sagt der Spanier.
Ohne Real-Spieler
Dieses Prinzip hat De La Fuente schon bei der Zusammenstellung der Mannschaft angewandt. Gross war die Überraschung, als er bekanntgab, dass im WM-Aufgebot kein einziger Spieler von Real Madrid dabei war. Nicht Dani Carvajal, nicht Verteidigertalent Dean Huijsen. Erst als Aussenverteidiger Marc Cucurella im Laufe des Turniers in der Hauptstadt unterschrieb, durften die Königlichen einen spanischen WM-Fahrer für sich beanspruchen.
Der Erfolg gibt dem spanischen Trainer recht. Schon vor dem Turnier sprach er davon, dass er sich seine «Reisebegleiter» für das 39-tägige Abenteuer in Nordamerika wohlweislich aussuchen müsse, ansonsten würden Probleme drohen. Und das scheint ihm gelungen zu sein: «Ich habe noch nie eine so vorbildliche Einstellung auf dem Spielfeld gesehen. Abseits des Spielfelds gab es kein einziges Problem.»
Trainer und Spieler in Spanien ziehen alle am gleichen Strick. Und wie 2024 an der Europameisterschaft kann ihnen das am Sonntagabend den ganz grossen Triumph bringen – dann wären die Spanier schwarz auf weiss die beste Mannschaft der Welt.
