So harmlos war Frankreich noch nie – wie Spanien das geschafft hat
80 Minuten lang hat Frankreich im WM-Halbfinal keinen Torschuss zustande gebracht. Wir reden hier von einer Offensive mit Namen wie Kylian Mbappé, Michael Olise und Ousmane Dembélé, wohlgemerkt. Und trotzdem musste Spanien-Goalie Unai Simon in der 81. Minute erstmals einen Schuss parieren. Zuvor war er einmal mehr aus dem Tor gestürmt, konnte aber nicht richtig klären. Dennoch war Simon rechtzeitig zurück im Strafraum, um Désiré Doués Versuch zu blocken. In der Nachspielzeit kamen dann noch zwei Paraden gegen Dembélé hinzu.
Insgesamt kamen die Franzosen auf 0,3 Expected Goals. Es war ihr tiefster Wert an einer Weltmeisterschaft seit 1966, wie Opta berichtet. Für die Turniere davor konnten diese Daten nicht erfasst werden. Frankreich war in einem WM-Spiel also noch nie so harmlos. Dass dies ausgerechnet gegen das Spanien aus dem Jahr 2026 passiert, ist kein Zufall.
Die Furia Roja beweist nämlich schon das ganze Turnier über, dass sie wohl über die beste Defensive auf Nationalteamebene verfügt. In bisher sieben Spielen kassierte Spanien erst einen Gegentreffer: beim 2:1-Sieg im Viertelfinal gegen Belgien. Unai Simon brach damit den Rekord des Italieners Walter Zenga für die längste Zeit ohne Gegentor an einer WM. Viel zu tun hatte er aber nicht. Nur zehn Torschüsse verzeichneten die Gegner insgesamt. Und wirklich gefährlich war kaum einer von diesen. Doch wie schafft das Team von Trainer Luis de la Fuente das?
Der Ursprung bleibt Johan Cruyff
Der Grundgedanke der spanischen Defensive ist mittlerweile altbekannt. So basiert diese auf der Philosophie von Johan Cruyff, der sagte: «Es gibt nur einen Ball. Wenn wir ihn haben, kann der Gegner kein Tor schiessen.» Die Spielidee, die der Niederländer Ende der Achtzigerjahre beim FC Barcelona zu implementieren begann, prägt Spaniens Spiel noch heute. Von allen Teams in der K.o.-Phase hat im Durchschnitt keines den Ball häufiger als Spanien, das über 66 Prozent Ballbesitz aufweist. Gegen Frankreich waren die Spanier zwar etwas weniger dominant, gerade nach dem Führungstor, und standen sie teilweise nicht ganz so hoch, um zu verhindern, dass Mbappé und Co. ihre Geschwindigkeit ausspielen konnten. Doch blieb ihr Spiel das Gleiche.
Ballverluste gibt es bei den Spaniern kaum, weil alle elf Spieler grosse Qualitäten am Ball haben und auch unter Druck einen präzisen Pass spielen können – und sich die Teamkollegen stets anbieten. Fox-Experte Thierry Henry bringt es so auf den Punkt: «Sie halten den Ball in ihren Reihen und bewegen den Gegner, bis eine Lücke entsteht, in die ein Mitspieler stossen kann. Und wenn es keine gibt, spielen sie halt wieder zurück oder quer und versuchen es noch einmal.»
Ein perfektes Beispiel ist das 2:0 von Pedro Porro im Halbfinal gegen Frankreich. Ziemlich genau eine Minute und 19 Pässe dauert es von der Balleroberung bis zum Tor. Dabei zeigt sich auch perfekt, wie Spanien sich nach vorne arbeitet. Nicht mit einem schnellen Gegenstoss, der eine gewisse Unsortiertheit in der Verteidigung zur Folge hätte, sondern als gesamtes Team in einem kompakten Block. «Der Ball bewegt sich, aber jeder muss auf seiner Position bleiben», erklärt Frankreich-Legende Henry, der das System sowohl als Gegner als auch aus seiner Zeit beim FC Barcelona kennt.
Auch Yamal kämpft und grätscht
Dadurch bleiben die Linien zusammen. Zwischen der Viererkette und der Angriffsreihe gibt es nur wenig Raum, und so findet der Gegner selbst, wenn Spanien den Ball mal verliert, kaum Lücken. Frankreich-Trainer Didier Deschamps sagte vor dem Direktduell anerkennend: «Spanien kann herausragenden Offensivfussball spielen und dabei defensiv sehr solid bleiben.»
Diese Kompaktheit erklärt auch, weshalb das Pressing der Spanier so effektiv ist. Kein Team erobert den Ball gemäss Fussball-Autor Simon Kuper von der Financial Times durchschnittlich schneller zurück als die Furia Roja. «Es geht darum, ihren Verteidigern keine Zeit zu geben, sie nicht nachdenken zu lassen», erklärt Mikel Oyarzabal das Ziel. «Wir wollen sicherstellen, dass sie jede Entscheidung unter Druck treffen müssen.»
Dass diese Aussage vom Mittelstürmer stammt, sagt viel über das Erfolgsgeheimnis der spanischen Defensive. «Wir greifen alle an und wir verteidigen alle», unterstreicht Spielmacher Dani Olmo. Gegen Frankreich zeigte dies zum Beispiel Lamine Yamal, der offensiv an dieser WM noch nicht ganz so einflussreich ist wie an der EM 2024, sich aber auch defensiv einbringt. Wie wenn er Kylian Mbappé umgrätscht.
Die Ruhe in der Offensive als Geheimnis für die Defensive
Mittelfeldstratege Rodri bemüht eine Floskel, die in diesem Fall jedoch wörtlich genommen werden kann: «Es ist eine gemeinsame Anstrengung.» Als Schlüssel zum Erfolg sieht der 30-Jährige aber die Gelassenheit und die Selbstbeherrschung. «Warte auf deinen Moment und tu nichts Verrücktes», sagt Rodri. Es ist genau dieser Grundsatz, der Spaniens Defensive so überragend macht.
Natürlich liegt dies auch an Spielern wie Rodri und Fabian Ruiz, die im Mittelfeld jederzeit für Absicherung sorgen, Innenverteidiger Pau Cubarsi, der mit 19 Jahren schon eine unglaubliche Routine mitbringt, oder Aussenverteidiger Marc Cucurella, über den Thierry Henry sagt: «Er hat Michael Olise und Ousmane Dembélé fast in seine Tasche gesteckt, so gut war er.»
Der Ursprung der Defensivstärke liegt aber schon im Angriffsspiel. Da bricht nämlich niemand einfach aus dem Kollektiv aus, die Zeit nach dem Ballverlust wird jederzeit mitgedacht. So bleiben die Spanier auch an dieser WM bei ihrer kontrollierten Offensive und ihrem Ballbesitzfussball. Ein Feuerwerk ist von Luis de la Fuentes Team deshalb selten zu erwarten. Zumal Lamine Yamal offensiv noch nicht in Topform ist und sein kongenialer Partner von der EM, Nico Williams, weiterhin nicht fit für die Startaufstellung ist.
Doch reicht mit einer solchen Verteidigung ja meist ein einziges Tor zum Sieg. Auf diese Weise hatten die Iberer schon einmal grossen Erfolg: 2010 gewannen die Spanier auf dem Weg zum Weltmeistertitel alle vier K.o.-Spiele 1:0. Nach dem EM-Titel 2012 hatte die spanische Dominanz dann erst einmal ein Ende. Jetzt könnte diese aber in die nächste Ära gehen – mit demselben Erfolgsrezept. Am Sonntag (21 Uhr Schweizer Zeit) spielt Europameister Spanien gegen England oder Argentinien um die weltweite Krone.
