Den Ruf des Geldes hört Spaniens grossartiger Unbekannter nicht – das ist Mikel Oyarzabal
Vor der Weltmeisterschaft kam in Spanien die Diskussion auf, ob das Nationalteam im Sturmzentrum stark genug besetzt ist, um den Titel holen zu können. Ob nicht ein «Killer» fehle. Trainer Luis de la Fuente stellte daraufhin klar: «Wir können uns glücklich schätzen mit Mikel Oyarzabal. Er macht einfach alles gut.» Der 29-Jährige wisse in jeder Position genau, was er zu tun habe, selbst in schwierigen Situationen. «Er gehört zur Weltklasse», so de la Fuente im März.
Zum Auftakt im Spiel gegen Kap Verde zeigte Oyarzabal dann wie das gesamte Team eine schwache Leistung. In der ersten halben Stunde berührte er nicht ein Mal den Ball. Zuvor passierte das, seit 1966 die Ballkontakte statistisch erfasst werden, keinem einzigen Spieler – inklusive Torhütern. Mittlerweile stellt aber niemand mehr Oyarzabals Tauglichkeit für die Rolle als Spaniens Mittelstürmer infrage.
Vier Tore in vier WM-Spielen
In bisher vier WM-Partien hat er viermal getroffen und ein Tor vorbereitet. Auch im Achtelfinal gegen Portugal heute Montag (21 Uhr) wird Spanien auf seine Torgefahr hoffen. Mit nun 29 Treffern im Nationaltrikot steht Oyarzabal auf dem geteilten sechsten Platz in der ewigen Torschützenliste der Furia Roja. Das bedeutet ein Tor in etwas mehr als jedem zweiten seiner 57 Länderspiele – eine starke Quote, gerade wenn man bedenkt, dass er früher häufig auf dem Flügel zum Einsatz kam.
Dass es trotzdem Zweifel an ihm gab, versinnbildlicht seinen Status in der Öffentlichkeit. Er ist kein grosser Star, im Team mit schillernden Namen wie Lamine Yamal, Pedri oder Rodri geht er fast etwas unter. Ausserhalb Spaniens ist Oyarzabal für die breite Masse erst recht ein Unbekannter.
Das liegt aber vor allem daran, dass der Baske seinem Jugendklub immer treu geblieben ist. 2011 kam er 14-jährig von Eibar zu Real Sociedad und lief seither – mit Ausnahme einer halbjährigen Leihe bei seinem Ex-Klub noch in der Jugendzeit – nur für den Klub aus San Sebastián auf. Damit unterscheidet er sich von früheren spanischen Stürmern wie Raul, David Villa oder Fernando Torres, die für internationale Topklubs spielten. An mangelndem Interesse oder seinen Fähigkeiten liegt das aber nicht.
«Mikel ist ein sehr schlauer Spieler mit einer grossen Arbeitsmoral und fantastischen Führungsqualitäten», sagte sein Klubtrainer Pellegrino Matarazzo gegenüber The Athletic. Dem stimmt auch Martin Zubimendi, lange Oyarzabals Teamkollege im Klub und noch immer im Nationalteam, gemäss Kicker zu: «Es ist so einfach, mit ihm zu spielen. Er ist ein extrem intelligenter Fussballer.»
Mit anderen Klubs beschäftigt er sich nicht
Wegen seiner Stärken im Spielaufbau, im Spiel gegen den Ball, bei der Entscheidungsfindung und seiner Torgefahr hätte der versatile Mittelstürmer oft genug zu einem Topklub wechseln können. Unter anderem Manchester City zeigte Interesse an ihm. Zuletzt wurde Oyarzabal mit dem FC Barcelona in Verbindung gebracht. Verdienen würde er dort wohl mehr als bei seinem Heimatverein. Doch den Ruf des Geldes hört Oyarzabal offenbar nicht.
Angesprochen auf das Interesse der Katalanen sagte er bei Mundo Deportivo: «Wenn es heisst, dass Barça an mir interessiert ist, bedeutet das, dass ich die Dinge gut mache.» Damit würde er sich aber nicht beschäftigen. Aktuell konzentriere er sich auf die WM. Und sowieso: «Ich habe schon tausend Mal gesagt: Real Sociedad und San Sebastián sind mein Zuhause. Mein sicherer Hafen, in dem ich aufgewachsen bin, und Real Sociedad ist der Klub, der mir die Chance gegeben hat, heute hier zu sein.»
Ein BWL-Studium als zweites Standbein
Der als bescheiden geltende Oyarzabal ist damit ein ungewöhnlicher Fall im modernen Fussball. Und ungewöhnlich ist er auch neben dem Platz. Sein Privatleben hält er grösstenteils aus der Öffentlichkeit heraus. Nur nach dem Gewinn des EM-Titels zeigte er sich mal mit seiner Frau, mit der er schon seit über zehn Jahren zusammen ist, und dem gemeinsamen Sohn. Ausserdem hat der 29-Jährige ein Studium in Betriebswirtschaftslehre absolviert. Er wolle sich damit ein zweites Standbein aufbauen, erklärte Oyarzabal. «Man weiss nie, was im Fussball passiert.»
Sorgen um seine Karriere muss er sich längst nicht mehr machen. Mit 15 Toren in 34 Ligaspielen hat er gerade die beste Saison seiner Karriere hinter sich. Im Nationaltrikot traf er in 16 Spielen seit Anfang 2025 16 Mal und bereitete sieben weitere Tore vor. «So gut vor dem Tor wie aktuell war ich noch nie», sagt er darüber.
Finalspezialist und EM-Held
Und eine seiner Qualitäten könnte Spanien während der WM noch besonders zupasskommen: Oyarzabal ist ein absoluter Finalspezialist. Sechs Endspiele bestritt der 1,79 Meter grosse Stürmer mit den ungewöhnlich grossen Füssen (Schuhgrösse 47) bisher mit Spanien und Real Sociedad. In jedem hat er getroffen.
In der Saison 2019/20 schoss er seinen Klub gegen den Rivalen aus Bilbao zum Cupsieg, in dieser Saison wiederholte Real Sociedad den Erfolg. Und für Spanien wurde er schon bei der EM 2024 zum Helden: Im Final gegen England traf er noch als Joker zum 2:1-Sieg. Kurz darauf erkämpfte er sich die Position in der Startformation, erst als Flügel, ab März 2025 dann als Mittelstürmer. Nun nimmt er als solcher erstmals an einer WM teil, nachdem er 2022 noch verletzt ausgefallen war.
Und obwohl es in Spanien noch vor wenigen Monaten Diskussionen um seine Eignung als Sturmspitze eines Anwärters auf den Weltmeistertitel gab, würden nun wohl die meisten Nationaltrainer Luis de la Fuente recht geben: Spanien kann sich glücklich schätzen mit diesem Mikel Oyarzabal.
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