Ukrainerin Kostjuk möchte Grand-Slam-Geschichte schreiben – im Weg stehen zwei Russinnen
Diese Tage in Paris sind für Marta Kostjuk eine bittersüsse Sache. Während sie in der Nacht schläft, regnet es Drohnen und Raketen auf ihre Heimat in der Ukraine. Am Morgen folgt dann jeweils der bange Blick auf das Telefon. Wie viel Schaden hat der neuste russische Angriff angerichtet?
Ganz schlimm war es in der Nacht vor ihrem Startspiel in Paris, einem der «schlimmsten Matches meiner Karriere», wie die 23-jährige Ukrainerin nach ihrem Sieg gegen Oksana Selechmetewa sagte. In direkter Nachbarschaft ihres Elternhauses war eine Rakete eingeschlagen. Daran gewöhnt man sich wahrscheinlich auch im fünften Kriegsjahr nicht. «In der Nacht schalte ich die News aus», erzählt Kostjuk, die in Paris erstmals die Halbfinals eines Grand-Slam-Turniers erreicht hat und dort am Donnerstag auf die – ausgerechnet – Russin Mirra Andrejewa trifft.
Ukraine für Andrejewa kein Thema
Diese will sich zum Thema Ukraine nicht gross äussern. Nur so viel: «Dass die Gegnerin Ukrainerin ist, spielt keine Rolle», sagt die 19-jährige Andrejewa. «Ich versuche. einfach den Ball zu spielen, der zu mir kommt.» Eine Haltung, die Kostjuk nicht versteht und mit deutlichen Worten kritisiert.
«Das frustriert mich nicht mehr», erklärt sie zwar. «Wenn ich das im Spiel nicht ausblenden könnte, wäre ich nicht in der Lage, sie (Andrejewa) zu schlagen.» Verstehen kann sie es dennoch nicht. «Das sind alles erwachsene Leute. Sie wissen, was vor sich geht, sie wissen, wovon sie sprechen. Wenn sie dazu schweigen wollen, müssen sie damit leben. Ich kann das nicht ändern.»
Die Ukrainerin wünscht sich aber eine andere Einstellung. «Wenn dein Land Menschen tötet, ich weiss nicht, wie man da noch friedlich schlafen kann in der Nacht.» Kostjuk erwähnt Daria Kasatkina als positives Beispiel, die lieber das Land verlassen habe und nun für Australien antrete.
Sie sei sich bewusst, dass sie ein privilegiertes Leben habe, nicht wie die meisten ihrer Landsleute und viele ihrer ukrainischen Sportkollegen in Gefahr sei und zum Teil ohne Elektrizität leben müssen. «Was ich machen kann, ist, auf das aufmerksam zu machen, was dort geschieht. Ich bin sehr stolz auf alle, die kämpfen und stolz, die ukrainischen Farben zu vertreten.»
16 Siege in Folge
Auch in der Nacht vor dem Viertelfinal, in dem mit Kostjuk und Jelina Switolina erstmals bei einem Grand-Slam-Turnier zwei Ukrainerinnen aufeinander trafen, fielen Raketen und töteten insgesamt 21 Menschen. Kostjuk gewann gegen ihre Landsfrau und, wie sie sagt, ihr Idol in drei Sätzen. Überhaupt hat sie einen Lauf, ist auf Sand in diesem Jahr nach 16 Spielen ungeschlagen und entschied die Turniere in Rouen und vor allem Madrid für sich.
Im Final von Madrid siegte Kostjuk just gegen Mirra Andrejewa, ihre Halbfinal-Gegnerin vom Freitag. Danach verweigerte sie ihr, wie immer, wenn sie gegen Russinnen oder Belarussinnen spielt, den Handschlag. Das wird auch in Paris so sein. Und, so hofft Kostjuk, danach im Final.
Switolina ist bisher viermal – einmal in Australien, einmal in Wimbledon und zweimal am US Open – in den Halbfinals gescheitert. Sollte Kostjuk den Final erreichen, als erste Ukrainerin überhaupt an einem Major-Turnier, würde sie erstmals in die Top 10 vorrücken. Es wäre für sie mehr als nur ein persönlicher Erfolg, erst recht, wenn am Samstag im Stade Roland-Garros die blau-gelbe Flagge gehisst und die ukrainische Nationalhymne gespielt würde. Kostjuk leistet auf ihre Art Widerstand gegen den russischen Angriff. (riz/sda)
