Ein Farmteam in Mailand – Sierre expandiert nach Italien
Chris McSorley ist 64. In einem Alter, in dem andere über Golfplätze und Rotweine philosophieren, jongliert er als Sport-Generalunternehmer mit grenzüberschreitenden Hockey-Visionen gleich mit zwei Teams – einem in Sierre und einem in Mailand.
Am Freitag wird im NH-Hotel in Rho vor den Toren von Mailand um 11 Uhr der Milano Hockey Club vorgestellt. Die Italiener werden nächste Saison in der multinationalen ICE Hockey League mit Teams aus Italien, Österreich, Slowenen und Ungarn spielen. Aber eigentlich ist Mailands neuer Hockey-Stolz bloss ein Farmteam von Sierre. Deshalb wird Sierres Manager und Trainer Chris McSorley bei dieser Medienkonferenz auch dabei sein.
Offiziell ist er bloss Berater der Besitzer. In Tat und Wahrheit aber zieht er alle sportlichen und wohl auch die meisten der sonstigen Fäden. Offiziell ist Christof Leitner (56) als Präsident des neuen Klubs der starke Mann. Seine Rolle dürfte aber eine primär ohnmächtig-repräsentative sein wie die des Königs von England in der britischen Politik.
Was uns zur Frage führt: Was hat Chris McSorley in Mailand zu suchen? Er ist doch als Coach und General Manager des HC Sierre sowie Leitwolf des neuen Arena-Projektes bereits stark beschäftigt. Wie im richtigen Leben heisst es auch hier: Folge der Spur des Geldes. Sierres Hauptsponsor – die Krypto-Firma «House of Doge» – ist auch die Besitzerin des neuen Hockeyklubs in Mailand.
Also liegt es auf der Hand, dass der charismatische Kanadier als Berater engagiert worden ist. Man hat ihm den kleinen Finger gereicht und er hat gleich die ganze Hand genommen. Das neue Team in Mailand hat für ihn die Funktion eines Farmteams für den HC Sierre. Er sagt, die Zusammenarbeit mit Teams in der Schweiz sei mit dem System der A- und B-Lizenzen zu aufwändig und administrativ einengend.
Wo er recht hat, da hat er recht: Auch Basels Sportchef Kevin Schläpfer hat entnervt die Zusammenarbeit mit dem SC Bern gekündigt. In einer klassischen Partnerschaft mit einem NL-Klub bestimmt immer der Grössere. Dort sitzt der Unterklassige zwangsläufig auf dem Beifahrersitz.
Also sagt Chris McSorley: «Wir arbeiten nicht mit einem Team in der National League, sondern mit Mailand.» Aber wie denn das? …Indem wir Spieler für Spielpraxis und Weiterbildung nach Mailand schicken und umgekehrt Spieler aus Mailand bei Bedarf zu uns holen.» Das sei gut machbar, weil in Italien pro Spiel zehn Ausländer eingesetzt werden dürfen. In unserer Swiss League sind zwar nur zwei pro Partie zugelassen, aber die Anzahl Lizenzen insgesamt ist weder in Italien noch in der Swiss League eingeschränkt. Zudem hat Sierre im System mehrere italienisch-schweizerische Doppelbürger.
Sierres Möglichkeiten sind also beinahe grenzenlos. Wer Spielpraxis braucht, fährt über den Simplon in die Lombardei. Wer Verstärkung braucht, kommt zurück. Das sollte jeder bedenken, der bei Sierre unterschreibt. Der alternde Verteidiger Dominik Schlumpf (35) wird beispielsweise im Falle eines Transfers zu Sierre gut beraten sein, sich eine «Anti-Mailand-Klausel» in den Vertrag schreiben zu lassen. Sonst ist er auf einmal auf einem Roadtrip durch Ungarn.
Die Bezeichnung «Farmteam» mag Chris McSorley zwar nicht. Farmteam klingt nach Hierarchie. Nach Unterordnung. Nach einem grossen Bruder im Wallis und einem kleinen in Mailand. Also spricht er lieber von einem «Partnerteam» und rühmt: «Die Zusammenarbeit bringt für beide grosse Vorteile.»
Da er aber sagt, wo es langgeht, ist es in der Praxis halt doch mehr oder weniger sein Farmteam und er wird auch eine ihm genehmen Coach bestimmen. Noch mag er nicht bestätigen, dass er Doug Shedden (65) den Job geben wird. «Aber wir sind im Gespräch …»
Ein Problem kann er womöglich nicht ganz so einfach lösen. Er hat zwar mit Sierre die Meisterschaft der Swiss League gewonnen. Aber weil Sierre kein Stadion für die höchste Liga hat, gab es keine Liga-Qualifikation. Sierre durfte nicht aufsteigen und Ajoie dafür aufatmen.
Wenn es nach Chris McSorley geht, soll sich das ändern. Man werde sofort die für die Aufstiegsbewilligung erforderlichen Umbauten des alten Stadions in Angriff nehmen. Was wohl mehr als eine Million kosten wird. Ob tatsächlich so viel Geld für eine Bauruine ausgegeben wird, wenn doch eine neue Arena gebaut werden soll, ist fraglich. Das wäre ungefähr so vernünftig, wie kurz vor dem Abriss eines Hauses noch eine neue Küche, ein neues Badezimmer und eine Sauna einzubauen.
Auf eine Ausnahmebewilligung kann Sierre nicht hoffen. NL-Manager Denis Vaucher stellt klar: «Wenn das Gesuch eingereicht wird, müssen alle Umbauten bereits fertig sein. Zudem verlangen wir die offizielle behördliche Bewilligung für eine Kapazität von 4500 Plätzen.» Die Liga will wohlweislich keinerlei Sicherheitsrisiko beim alten Stadion eingehen und pocht auf die Abnahme der Behörden. Keine Ausnahmen. Keine Abkürzungen.
Und so ist Chris McSorley vorerst der Herr über Provisorien. In Sierre gibt es noch keine neue Arena. In Mailand ebenfalls nicht. An beiden Orten existieren grosse Pläne, schöne Visualisierungen und ambitionierte Versprechen. Und an beiden Orten wird nächste Saison trotzdem noch in Übergangslösungen gespielt. In Mailand sogar in einer Art Zelt. Das ist wahrer Zirkus. Warum nicht Rolf Knie zum ersten Spiel einladen? «Sie sind boshaft», knurrt Chris McSorley.
Bis die neuen Arenen stehen, lebt der 64-jährige Kanadier zwischen Baustellen, Sitzungszimmern und Garderoben. Zwischen Wallis und Lombardei. Zwischen Gegenwart und Zukunft. Immer unterwegs. Immer im Fahrersitz.
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