«Granit ist eine Maschine» – ein weit gereister Physio macht die Natispieler fit
Mit Fussball hat Takahiro «Taka» Yamamoto als Kind wenig zu tun. Der Kindheitstraum des mittlerweile 58-Jährigen war es vielmehr, professioneller Baseballspieler zu werden. «Leider hat das nicht geklappt», sagt Yamamoto im Garten des Fairmont Grand Del Mar, dem luxuriösen Schweizer Teamquartier in San Diego.
Dem Sport blieb er dennoch treu. Nach seinem Studium der Sportwissenschaften und Akupunktur in Tokio arbeitete er Ende der 1990er-Jahre beim J-League-Klub Shonan Bellmare. Dort begegnete er jenem Mann, der sein Leben nachhaltig verändern sollte: Hidetoshi Nakata.
Im Windschatten eines Superstars
Die Fussballwelt wurde erstmals bei den Olympischen Spielen 1996 auf Nakata aufmerksam, als Japan sensationell Brasilien bezwang. Zwei Jahre später wechselte der Mittelfeldspieler zu Perugia in die Serie A.
«Damals rief mich Nakata an, aber ich konnte nicht sofort zu ihm kommen», erinnert sich Takahiro Yamamoto. Im Februar 2000 zog er schliesslich nach Italien – just in dem Moment, als Nakata zur AS Roma wechselte. Dort wurde Yamamoto dessen persönlicher Fitnesstrainer. Nakata gehörte damals zur Weltelite und 1998, 1999 und 2001 jeweils zu den 50 Kandidaten für den Ballon d'Or.
Die Stationen im italienischen Fussball reihten sich danach aneinander: Auf Rom folgten Parma, Bologna und die Fiorentina, ehe Nakata leihweise zu den Bolton Wanderers nach England wechselte. Yamamoto begleitete ihn auf jedem Schritt. «Ich habe das nicht entschieden. Ich bin einfach dorthin gegangen, wo er hinging», erzählt er heute mit einem breiten Lächeln unter seinem grau melierten Spitzbart.
Der entscheidende Anruf
2006 beendete Hidetoshi Nakata jedoch überraschend bereits im Alter von 29 Jahren die Karriere. Nach dem Rücktritt stand Yamamoto zunächst allein da. Inzwischen hatte er sich allerdings selbst einen Namen gemacht.
«In Parma hatte ein Physiotherapeut einen Autounfall, und der Verein bat mich, ihn zu vertreten», erzählt er. Neben Nakata betreute er fortan auch dessen Teamkollegen. Und so entschied sich Yamamoto auch nach dem Rücktritt seines Landsmanns, bei Bolton zu bleiben.
Das Leben im Norden Englands fiel ihm jedoch schwer. «Von Florenz nach Manchester: Das ist schon ein Kulturschock», sagt er schmunzelnd. Deshalb kehrte er in die Toskana zurück, hatte dort jedoch mit bürokratischen Hürden zu kämpfen. «Nach anderthalb Jahren bin ich schliesslich gegangen.»
Eigentlich wollte «Taka» endgültig nach Japan zurückkehren – zu seiner Familie und seinen Freunden in Tokio. Doch als er bereits seine Koffer packte, erhielt er einen Anruf aus dem Trainerstab von West Ham United. Die Italiener überzeugten ihn, nach England zurückzukehren. In London lernte er auch seine japanische Ehefrau kennen. Gemeinsam haben sie zwei heute jugendliche Söhne, die sich eher für Fussball als für Baseball begeistern.
Die Empfehlung von Xhaka
Nach sechs Jahren bei den Hammers wechselte Yamamoto 2015 zu Arsenal. Dort lernte er Granit Xhaka kennen, und zwischen den beiden entstand ein enges Vertrauensverhältnis. «Granit ist unglaublich stark, besonders im Rumpf. Er ist eine Maschine. Er konnte Spiel für Spiel über 90 Minuten absolvieren, ohne sich zu verletzen. Aber wenn er einmal leichte Beschwerden hatte, kam er immer zu mir», erzählt der Japaner.
Als die Schweizer Nationalmannschaft 2022 Teile ihres Betreuerstabs neu aufstellte, zögerte Xhaka deshalb nicht, Yamamoto zu empfehlen. Mehrere Aufgaben parallel wahrzunehmen, war für ihn ohnehin nichts Neues: Zuvor hatte er bereits für die Nationalmannschaften von Wales, Italien – inklusive der Teilnahme an der WM 2014 – und England gearbeitet.
«Herz immer am gleichen Ort»
«Ich arbeite immer sehr gerne mit der Schweizer Mannschaft. Es ist schön, neue Gesichter zu sehen und dem Alltag im Verein zu entkommen. Das ist wirklich erfrischend», sagt Yamamoto.
Bei der Nationalmannschaft liegt sein Schwerpunkt stärker auf der Regeneration als auf der Rehabilitation. Sein Arbeitstag umfasst fünf bis sechs Behandlungseinheiten, die von den Spielern individuell gebucht werden können. Hinzu kommt seine tägliche Präsenz auf dem Trainingsplatz.
Besonders geschätzt werden seine Fähigkeiten als Akupunkteur. «Die Schweizer sind den Nadeln gegenüber ziemlich aufgeschlossen. In England dagegen ist das deutlich weniger der Fall. Und bei den Italienern überhaupt nicht», sagt «Taka».
Und wie steht es um die «Samurai Blue», die japanische Nationalmannschaft? Natürlich verfolgt der Wahl-Londoner ihre Resultate, doch den Traum, selbst Teil ihres Betreuerstabs zu werden, hegt er nicht. «Sie haben bereits ein hervorragendes Team. Ausserdem hat in den letzten Jahren ein Generationenwechsel stattgefunden. Die jungen Spieler kenne ich nicht mehr so gut», erklärt er.
Auf die Frage, wie es sich anfühle, die Farben eines Landes zu tragen, das nicht seine Heimat ist, zögert Takahiro Yamamoto keinen Moment. Er legt den Zeigefinger auf seine Brust und sagt: «Für mich ist das überhaupt kein Problem. Mein Herz ist immer am gleichen Ort.»
