Nach Tour-de-France-Drama: Marlen Reusser hat an der WM gleich drei Medaillenchancen
«Bitte einsteigen, Vorsicht an den Türen und die Sicherheitsbügel nach unten ziehen!» Diese Durchsage hallt zwar nicht durch das Terminal des Flughafens Zürich, wo Marlen Reusser umgeben von einer Handvoll Journalisten entspannt in einer kleinen Lounge sitzt, bevor sie später das Flugzeug nach Montreal besteigt. Und doch würde sie irgendwie passen. Denn wer sich mit der 34-jährigen Bernerin beschäftigt, weiss: Reussers Radsport-Karriere fühlt sich an wie eine Fahrt im Rollercoaster. Nach steilen Aufstiegen und bejubelten Höhenflügen folgt auf der Achterbahn ohne Vorwarnung der nächste Sturzflug, nur damit sie sich kurz darauf wieder in atemberaubendem Tempo nach oben katapultiert.
Wie unberechenbar diese Dynamik ist, zeigt sich schon bei den kleinsten Alltagsszenen vor dem Abflug: Reusser nimmt eine Flasche Mineralwasser entgegen, dreht am Verschluss, und schon spritzt es unkontrolliert los. Hose nass, Polster nass, grosses Gelächter.
Doch schnell wird es wieder ernster um die Frohnatur aus dem Emmental, als sie auf den enttäuschenden Ausgang der Tour de France zurückblickt. Auf jenen Tag, an dem sie zunächst von der Konkurrenz abgehängt wurde, später stürzte und mit Tränen in den Augen auf dem Asphalt sass – im Wissen, dass nicht nur der Gesamtsieg, von dem sie während ihrer drei Tage im gelben Leadertrikot geträumt hatte, sondern auch der Podestplatz futsch war.
Dass sie sich danach wieder aufraffte und Seite an Seite mit ihren Teamkolleginnen die Rundfahrt zu Ende fuhr, spricht für ihren Sportsgeist. Der 14. Schlussrang gerät dabei zur Randnotiz. Vielmehr beschäftigte sie die Frage, weshalb ihr Körper sie wie schon im Mai beim Giro d'Italia im Stich gelassen hatte.
Das Rätsel um den Einbruch
Was war am Schlusstag in Nizza passiert? Reusser kämpfte nicht nur mit den Nachwirkungen einer von Verletzungen geprägten Saison – inklusive Wirbelbruch im Frühjahr und Knieverletzung im Februar -, sondern auch mit einer extremen Schieflage im eigenen System. Die Beine brachten die Leistung nicht mehr gleichmässig auf die Pedale, die Kraftverteilung sackte auf ein ungleiches Verhältnis von 45 zu 55 Prozent ab. Ein Phänomen, das bereits beim Giro aufgetreten war.
Ist das Problem mittlerweile gelöst? «Ein Handbuch dafür gibt es nicht», sagt die gelernte Ärztin rückblickend. Gemeinsam mit Medizinern, Physiotherapeuten und Mechanikern ging sie in den letzten Wochen auf Spurensuche. Liegt es an der Position auf dem Velo, bei der sich die Hüfte unter Belastung zu stark schliesst? War es ein Fehler im Elektrolythaushalt? Oder einfach die Summe aus monatelangem Raubbau am eigenen Körper? Reusser sieht Körper und Geist als untrennbares System. Einer Lösung ist sie zwar nähergekommen, doch ganz geklärt ist die Ursache noch nicht.
Keine Gedanken an Rücktritt
Zu ihren Stärken zählt, dass sie sich nach schwierigen Momenten schnell wieder aufrappelt und bald darauf wieder ein sehr gutes Niveau erreicht. Doch diesmal fiel auch ihr das Verarbeiten nicht leicht. Auf die Frage, ob sie nach so vielen Rückschlägen schon einmal an Rücktritt gedacht habe, reagiert die Olympiazweite von 2021 im Zeitfahren leicht irritiert. «Natürlich überlege ich mir manchmal, wie lange ich das noch machen möchte.»
An ein Aufhören habe sie trotz des enttäuschenden Ausgangs des Rennens aber tatsächlich nie gedacht. Im Gegenteil. «Das, was passiert ist, ist für mich ein Grund, extrem fest nicht zurückzutreten», stellt die 34-Jährige klar. Bis zu ihrem Einbruch fuhr sie auf absolutem Weltklasseniveau, und das ohne lückenlose, monatelange Vorbereitung. Das Wissen um das eigene Potenzial und die Liste der Stellschrauben, an denen sie noch drehen kann, motivieren sie zusätzlich. Reusser ist überzeugt: Ihr Zenit ist noch lange nicht erreicht.
Mit Kalenderspruch wieder in Schwung
Der Weg aus dem emotionalen Loch nach den intensiven neun Tour-Tagen in der Schweiz und in Frankreich war dennoch steinig. Nach dem ersten Saison-Höhepunkt brauchte die Zeitfahr-Weltmeisterin erst einmal eine Woche Pause. «Ich bin so oft über mein Limit gegangen im Rennen und davor auch im Training», erinnert sich Reusser. «Dazu kamen Frust und die Enttäuschung. Das waren einfach überwältigende Emotionen. Ich war danach komplett leer.»
Geholfen haben schliesslich eine Prise Pragmatismus und ein Kalenderspruch: Move your body and your mind will follow. Bewege deinen Körper und der Geist wird dir folgen. Doch einfach fiel ihr der Einstieg nicht. Beim ersten intensiveren Training kehrte sie nach kurzer Zeit sogar wieder um. «Es war noch zu früh.» Doch irgendwann kam er zurück, der Rhythmus. Und mit ihm die Freude.
Statt sich wie im letzten Jahr mit dem Schweizer Team im Höhentraining auf dem Berninapass auf die WM vorzubereiten, zog es Marlen Reusser diesmal vor, in ihrer Wahlheimat Andorra zu trainieren. Dazu absolvierte sie Tests im Windkanal in Friedrichshafen, um ihr neues Zeitfahrvelo optimal einzustellen.
Drei Chancen auf WM-Gold
Nach Kanada ist Reusser mit grosser Vorfreude gereist. Auch ihre Form stimmt sie zuversichtlich. In Montreal bieten sich der dreifachen Tour-de-Suisse-Siegerin gleich drei Gelegenheiten, ihre grosse Klasse zu beweisen.
Den Auftakt macht am Sonntag das Einzelzeitfahren. Auf dem 40 km langen, flachen Kurs tritt Reusser als Titelverteidigerin an, notabene an ihrem 35. Geburtstag. Zwei Tage später geht sie mit der Mixed-Staffel erneut auf Medaillenjagd. Zum Abschluss folgt am Samstag das Strassenrennen. Der selektive Kurs mit 2500 Höhenmetern verlangt eine taktisch kluge Teamleistung, wobei sich Reusser die Captainrolle wohl mit Noemi Rüegg teilen wird.
Die Enttäuschung der Tour de France ist verarbeitet, die Leichtigkeit zurück. Marlen Reusser hat die Sicherheitsbügel wieder festgeschnallt, die nächste Fahrt auf der Achterbahn kann kommen. Vielleicht wartet in Montreal bereits der nächste Höhenflug. (riz/sda)
