Marlen Reussers Premiere in Gelb – auf «Projekt Dijon» folgt «Projekt Nizza»
Die Ungewissheit vor dem Start der Tour de France ist der puren Freude gewichen. Mit einer Parforce-Leistung im Zeitfahren vom Dienstag erfüllte sich Marlen Reusser einen Traum. Als Welt- und Europameisterin in dieser Sparte wurde sie bei schwierigen Bedingungen der Favoritenrolle gerecht und durfte sich als erste Schweizerin das berühmte Maillot jaune überstreifen.
«Ich habe mega Freude, dass ich hier in Gelb stehe», meinte die strahlende Marlen Reusser im Interview mit SRF. «Es ist ein sehr spezieller Moment für jemanden, der in dieser Velo-Blase unterwegs ist, an der Tour de France Gelb zu tragen.» Der Start zum mit Abstand prestigeträchtigsten Etappenrennen war auf die 34-jährige Bernerin zugeschnitten, doch die Vorbereitung war nicht optimal.
Bei einem Sturz an der Flandern-Rundfahrt zog sich Reusser zwei Wirbelbrüche zu und kehrte mit deutlichem Trainingsrückstand in den Rennbetrieb zurück. Dennoch gewann sie die deutlich weniger anspruchsvolle und weniger stark besetzte Tour de Suisse, im anschliessenden Höhentraining in Andorra sorgte sie für den letzten Schliff. Die Aussicht auf das Maillot jaune winkte – und die Chance wollte sie sich nicht entgehen lassen.
Noch einmal erzählte Reusser von ihrem «Projekt Dijon». Der Tourstart fiel auf den Schweizer Nationalfeiertag, am vierten Tag stand das Zeitfahren in Dijon im Programm – ihre Spezialdisziplin. «Senf kommt aus Dijon. Er ist gelb. Also war es das Ziel, hier in Gelb zu sein», sagte sie mit einem Lächeln.
Das nächste Projekt beginnt
Ganz so einfach war es allerdings nicht. Auf der zweiten Hälfte des 21 km langen Zeitfahrens bekundete Reusser Mühe und büsste einen grossen Teil ihres Vorsprungs noch ein. «Ich war etwas überrascht vom Wind. Bei der Besichtigung kam er von hinten, im Rennen von der Seite. Das hat mir etwas Mühe bereitet.»
Reusser rettete vier Sekunden Vorsprung für den Tagessieg ins Ziel, im Gesamtklassement distanzierte sie ihre erste Verfolgerin Demi Vollering um 14 Sekunden. Damit war das «Projekt Dijon» erfolgreich abgeschlossen.
Nun wartet bereits die nächste Herausforderung. Reusser und ihr Team Movistar wollen das Gelbe Trikot über die anspruchsvollen Etappen in Richtung Süden unter anderem über den gefürchteten Mont Ventoux bis ins Ziel nach Nizza erfolgreich verteidigen.
Die Mission nach dem Meilenstein
«Eigentlich haben wir nie von einem ‹Projekt Nizza› gesprochen, aber ich glaube, jetzt haben wir eines», sagte Reusser an der Medienkonferenz nach ihrem dritten Etappensieg nach jenen von 2022 und 2023. «Wir werden alles dafür tun. Doch genauso wie beim Projekt Dijon weiss man nie, wie sich alles entwickeln wird.»
Trotz ihrer neuen Ausgangslage bleibt die Bernerin realistisch. «Ich bin überglücklich, jetzt das Gelbe Trikot zu tragen. Wenn ich auch in Nizza noch Gelb trage, bin ich natürlich noch glücklicher. Aber das kann niemand vorhersagen. Wir haben schon so viele Etappenrennen gesehen, bei denen alles passieren kann und sich das Klassement ständig verändert.»
Druck verspürt sie deshalb keinen. «Ich denke überhaupt nicht: 'Ich habe jetzt Gelb, also muss ich es bis Nizza behalten.' Aber ich glaube, dass es möglich ist.» Nach dem Meilenstein von Dijon beginnt für Marlen Reusser nun das «Projekt Nizza».
Vorjahressiegerin zeigt sich kämpferisch
Zu Reussers prominentesten Verfolgerinnen zählt Vorjahressiegerin Pauline Ferrand-Prévot. Die Französin büsste im Zeitfahren 2:13 Minuten auf die Schweizerin ein und handelte sich in der Gesamtwertung damit einen entsprechenden Rückstand ein.
Will die Leaderin von Visma-Lease a Bike ihren Tour-Sieg wiederholen, muss sie vor allem auf den schwierigen Bergetappen, allen voran am Freitag mit der Bergankunft auf dem Mont Ventoux , in die Offensive gehen. Hoffnung gibt ihr der Blick zurück: Im vergangenen Jahr legte sie mit ihrem Solosieg am Col de la Madeleine den Grundstein für ihren Gesamtsieg. Der Konkurrenz nahm sie damals mehr als drei Minuten ab.
Trotz des deutlichen Rückschlags zeigte sich Ferrand-Prévot kämpferisch. «Ich war einfach nicht stark genug. Ich habe keine Ausrede», sagte die Mountainbike-Olympiasiegerin von 2024 nach Rang 34 im Zeitfahren. «Ich werde nun versuchen müssen, Minute um Minute zurückzuholen. Das wird eine spannende Herausforderung.» (abu/sda)
