Yannis Voisard ist an der Tour de France als erster Schweizer seit Jahren auf Top-Ten-Kurs
«Ich bin nicht euphorisch, ich bleibe konzentriert», sagte Voisard am Montag während des zweiten Ruhetags in einem Interview gegenüber dem «Quotidien Jurassien». Es schien, als wolle er die Begeisterung seiner Fans ein wenig dämpfen.
Seit seiner starken Leistung am Sonntag auf dem Plateau de Solaison, wo er als Elfter die Ziellinie überquert hatte und sich damit auf denselben Platz in der Gesamtwertung verbesserte, sind die Top 10 definitiv das Ziel.
Auch von Ausfällen profitiert
Seit Dienstagabend grüsst Voisard nun vom 10. Zwischenrang beim wichtigsten Radrennen der Saison. Nebst seinen starken Leistungen haben ihn auch die Ausfälle von Jonas Vingegaard und Florian Lipowitz nach vorne gespült. Der Däne und der Deutsche, im vergangenen Jahr Zweiter und Dritter der Tour de France, mussten die Rundfahrt beide mit einem Schlüsselbeinbruch verlassen. Voisard wird am Sonntag, dem Tag der Ankunft dieser «Grande Boucle» in Paris, seinen 28. Geburtstag feiern. Das schönste Geschenk kann er sich mit einer einstelligen Schlussklassierung gleich selber machen.
Der Bergfahrer hat es bisher voll und ganz verstanden, die Umstände im Tudor-Team zu seinem Vorteil zu nutzen: Voisard hat freie Bahn. Die Schweizer Equipe war ohne festgelegten Fahrer für die Gesamtwertung in diese Tour gestartet. Zudem spielt ihm die Formschwäche seines australischen Teamkollegen Michael Storer, der im Mai Siebter des Giro d'Italia wurde, in die Karten.
«Er ist unbeschwert, jung im Kopf und hat keine Angst»
Der Chef des Tudor-Teams, Fabian Cancellara, der am Dienstag während der Etappe vom RTS befragt wurde, glaubt fest an die Chancen seines Schützlings. «Die Top 10 sind das Ziel für ihn», sagte der Berner. Voisard schlage sich unglaublich gut. «Man will natürlich immer eine Etappe gewinnen. Aber Platz 10 in der Gesamtwertung ist für Tudor in dieser letzten Woche ein gutes Ziel. Wenn es klappt, umso besser, wenn nicht, wird es trotzdem eine schöne Erfahrung für ihn und für uns sein.»
«Die Tour de France ist das grösste Rennen der Welt. Vor dieser Tour sprach in der Schweiz kaum jemand über ihn, und international gar niemand», betonte Cancellara. «Yannis steht nicht unter Druck. Er ist unbeschwert, jung im Kopf und hat keine Angst. Es ist wichtig, diese Einstellung zu haben.“
Radprofi mit Köpfchen
Voisard bestreitet seine erste Tour de France. Das hat auch damit zu tun, dass die Profi-Karriere mit Verspätung Fahrt aufnahm. Erst seit Juli 2023, nach dem Bachelor-Abschluss des Biologiestudiums an der Uni Neuchâtel, setzt er voll auf die Karte Sport. Das von Cancellara 2022 lancierte Schweizer Tudor-Team gab ihm eine Chance, die er nun nutzt.
Noch ist aber nichts in trockenen Tüchern. «Bis Sonntag in Paris kann noch viel passieren», betonte Voisard. «In den Alpen kann ein schlechter Tag mehrere Dutzend Minuten Verlust bedeuten.» Ab Donnerstag stehen den Fahrern drei besonders schwierige Tage bevor: mit einer Ankunft am Donnerstag in Orcières-Merlette und zwei weiteren auf der Alpe d'Huez am Freitag und Samstag.
«Für mich ist es völlig neu, vor der letzten Woche einer Grand Tour so gut platziert zu sein, und man weiss noch nicht, wozu ich fähig bin», meinte Voisard. Aber er darf darauf hoffen, an der Tour de France als erster Schweizer seit 2015, als Mathias Frank Platz 8 belegte, in die Top 10 zu kommen.
