Was sich seit Muriel Furrers tragischem Tod im Radsport verändert hat – und was nicht
Die Bilder sorgen immer noch für Hühnerhaut. Ein Foto von Muriel Furrer flimmert über eine Grossleinwand am verregneten Ufer des Zürichsee. Die Menschen versammeln sich davor, senken unter ihren Regenschirmen die Köpfe. Schweigen. Eine grosse Radsport-Party hätte es werden sollen. Mit dem Tod der 18-jährigen Zürcherin wurden es eine der tragischsten Titelkämpfe der WM-Geschichte.
Am Sonntag in einer Woche, zum Ende der Rad-WM in Montreal, jährt sich Muriel Furrers Tod zum zweiten Mal. Wenige Tage zuvor wird der Weltverband UCI GPS-Sender für alle Fahrerinnen und Fahrer bei allen grossen Rennen verpflichtend einführen. Das klingt eigentlich nach einer sinnvollen Sache. Trotzdem ist darum ein Streit zwischen Teams und UCI entbrannt, in dem die Fronten verhärtet sind.
GPS nicht der Problemlöser
Und bei genauerer Betrachtung geht der Schritt am eigentlichen Problem vorbei. Dass es Tracker gibt, ist gut. Doch ist damit das Problem nicht gelöst. Denn das liegt eher in der Streckensicherheit als am Live-Tracking. Der Beschluss der GPS-Verpflichtung bei allen Profirennen am kommenden Mittwoch in Montreal gilt als Formsache. Ein gemeinsamer Vorschlag von Verband, Teams und Veranstaltern liegt allerdings nicht vor. Und so wirkt es eher wie ein Diktat der UCI.
Was war im September 2024 in Zürich passiert? Die Juniorin Muriel Furrer stürzte in einer Abfahrt schwer. Niemand sah den Sturz, das Fehlen der Zürcherin wurde zunächst nicht bemerkt. Anderthalb Stunden später fand man Furrer in einem Waldstück. Einen Tag später wurde sie für tot erklärt. Um so etwas künftig zu verhindern, wurden alte Forderungen nach GPS-Sendern für jeden Profi erneut laut. Dadurch wäre quasi sofort ein Alarm ausgelöst worden, der eine Rettungskette in Gang gesetzt hätte.
Eklat an der Tour de Romandie
Ein knappes Jahr nach dem tödlichen Drama kam es zum Eklat. Die UCI verlangte bei der Tour de Romandie der Frauen, dass eine Fahrerin pro Team testweise einen GPS-Sender am Velo haben solle. Die Haftungsfrage war ebenso ungeklärt wie jene, was mit den gesammelten Daten geschehe. Einige Teams haben Verträge mit Datendienstleistern.
Das Team Lidl forderte «Kooperation statt Zwang». Fünf Teams verweigerten die Teilnahme an dem Pilotprojekt und wurden vom Rennen ausgeschlossen. «Ich lasse mich beim Thema Sicherheit nicht erpressen», sagte UCI-Präsident David Lappartient.
Juristisch ist der Fall bislang nicht abgeschlossen. Die UCI lenkte im März dieses Jahres ein, überliess den Teams die Auswahl des GPS-Senders und beschränkte den Datenfluss auf Geschwindigkeit und Position.
Kritik an Funk-Verbot bei WM
Ein Sturz wie der von Muriel Furrer wäre auch mit GPS-Sender passiert. Die 18-Jährige wäre sicherlich schneller gefunden worden, doch niemand weiss, ob sie dadurch heute noch am Leben wäre. Das eigentliche Problem ist und bleibt die Sicherheit auf der Strecke. In dieser Hinsicht hat es bereits Veränderungen gegeben, am Ziel ist man aber noch lange nicht.
Erst Mitte August starb der 19-jährige Engländer Finlay Tarling. Ein Van war bei der Portugal-Rundfahrt auf die abgesperrte Strecke gefahren, Tarling kollidierte mit hoher Geschwindigkeit mit dem Fahrzeug. Für die Rennorganisatoren ist es ein schier unlösbares Problem. Während eines Rennens kann nie die gesamte Strecke und jede Garagenausfahrt abgesperrt werden. Nur ein Einzelner, der sich falsch verhält, kann – wie zuletzt in Portugal – einen tödlichen Unfall verursachen.
Was in Bezug auf die WM für Kopfschütteln sorgt, ist das Funk-Verbot. «Das ist so gestrig, dabei sollte die WM doch das Beispiel für Innovationen sein», sagte Richard Plugge, Teamchef des zweifachen Tour-de-France Siegers Jonas Vingegaard. Die bittere Ironie: Die GPS-Tracker lösen einen Alarm im Kontrollraum aus, aber die Fahrer können nicht gewarnt werden, dass womöglich vor ihnen ein Sturz passiert ist.
Sicherheits-Projekt ohne Wirkung
Um besser zu verstehen, was zu Stürzen oder Unfällen führt, wurde 2023 das SafeR-Projekt gestartet. Vor allem unabhängig sollte gearbeitet werden. Damit war es spätestens im Februar dieses Jahres vorbei. Da stimmten UCI, Fahrer und Organisatoren dafür, 300'000 Euro aus dem SafeR-Budget für einen Rechtsstreit des Weltverbandes mit einem Komponentenhersteller zu verwenden. Die Teams waren damit nicht einverstanden, sie hätten sonst teilweise einen Rechtsstreit gegen einen eigenen Sponsor geführt.
Mittlerweile wachsen die Zweifel am Nutzen von SafeR. Zwar werden Daten ausgewertet und Ursachen für Stürze wie Fahrfehler, rutschige Strassen oder fehlende Streckenposten benannt. Auch Gelbe Karten für gefährliche Manöver wurden eingeführt. Im Peloton bleibt dennoch der Eindruck, dass sich an der Zahl der Unfälle wenig ändert. SafeR liefert keine öffentlich ausgewiesene Entwicklung der Sturzrate.
Als in diesem Jahr Urska Zigart, die Verlobte von Tour-de-France-Sieger Tadej Pogacar, über eine Temposchwelle stürzte und sich den Kiefer brach, sprach die Fahrerinnen-Vereinigung Klartext. «Es geschehen weiter schwere Unfälle und das müssen wir hinterfragen. Wir müssen schauen, ob und wie SafeR effektiver arbeiten kann», sagte Alessandra Cappellotto.
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— Cosmin Agafiței @ ciclism.ro (@ciclismpunctro) June 18, 2026
Helme, Airbags, Gänge
Auch wenn die Streckensicherung das grösste Feld ist, so ist das Thema Sicherheit deutlich vielschichtiger. An vielen Stellschrauben wurde bereits und soll weiter gedreht werden. Adam Hansen, Chef der Fahrervereinigung, brachte das Thema Helme auf den Tisch. Diese werden nach einem Standard zugelassen, der von Unfällen mit 19,5 km/h ausgeht. «Das reicht für den Strassenradsport nicht aus. Hier benötigen wir ein grosses Upgrade», sagte Hansen.
Auch mit Airbags wird immer wieder experimentiert. Doch diese Idee stösst – wie einst auch Helme – bei den Fahrern auf Widerstand, weil diese das Gewicht erhöhen würden. Ein Vorstoss der UCI, die Übersetzung der Gänge zu beschränken, um die Geschwindigkeiten zu reduzieren, landete dort, wo viele Dinge im Radsport landen. Vor Gericht.
GPS-Sender, Gelbe Karten und neue Regeln sind Fortschritte. Doch gemessen wird ihr Erfolg erst daran, ob sich ein Schicksal wie jenes von Muriel Furrer nicht mehr wiederholt. (abu/sda/dpa)
