Franjo von Allmen und die Kunst, sich nicht wichtig zu nehmen
Wenn Marco Odermatt der absolute Meister der Effizienz ist, dann ist Franjo von Allmen eine Koryphäe in Bezug auf Gelassenheit. Jüngstes Beispiel: der Besuch im Schweizer Hauptquartier seiner Skimarke Head. Das Training hat der Berner Oberländer vorsorglich auf den Morgen gelegt, um keinen Terminstress zu haben.
Nach dem gemeinsamen Mittagessen mit den Angestellten lässt er sich jede Menge Zeit für die gewünschten Selfies mit Goldmedaillen, für den persönlichen Austausch und für allerlei zu signierende Gegenstände. Von Allmen ist in jenen Augenblicken einzig für diese Menschen da. Das zeichnet ihn aus.
Jüngst hat er seinen Vertrag mit Head um vier Jahre verlängert. Im Skisport eine ausserordentlich lange Dauer. «Ich bin happy, dass ich mit diesen Ski so gut zurechtkomme. Es hat in all den Jahren immer gepasst. Und ich glaube auch nicht, dass ich an einen Markenwechsel denken würde, sollte es eine Phase geben, in der das Material einmal nicht ganz stimmt.»
In der Saisonwertung des Abfahrt-Weltcups gab es für den 25-Jährigen in den vergangenen zwei Wintern noch kein Vorbeikommen an Teamkollege Odermatt. Am Tag X aber, da war Franjo von Allmen unschlagbar. Er ist amtierender Abfahrts-Weltmeister und Olympiasieger, gewann bei den Winterspielen drei Goldmedaillen und an der WM zwei.
Nicht zu früh träumen, aber alles möglich machen
Vermutlich ist genau diese Gelassenheit die Gabe, die den gelernten Zimmermann aus dem Simmental zum Spezialisten für Grossanlässe macht. Er ist nicht der Typ Sportler, der sich weit entfernte Ziele setzt und bei jedem Stemmen der Hantel im harten Sommertraining an diesen einen Traum denkt. Auf die Frage, welche Ziele er in der kommenden Skisaison anvisiert, antwortet von Allmen: «Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Es ist viel zu früh dafür. Ich will die Ziele dann im Winter setzen, wenn ich meine Form beurteilen kann und weiss, dass es zu diesem Zeitpunkt auch mental stimmt.»
Selbst die Heim-WM in Crans-Montana erwähnt er vorausschauend mit keinem Wort. Aber man kann wetten, dass er dannzumal bereit sein wird.
Franjo von Allmen bezeichnet sich punkto Zielsetzungen als Realist, sagt aber auch, «dass man auch als Realist gross denken und sich keine Grenzen setzen kann». Selbst Grenzen gesetzt hat er sich hingegen in der Frage von Sponsoring, Partnerschaften und Auftritten. Dreimal Olympiagold hat den Berner in die höchste Liga der Schweizer Sportprominenz gehievt. Er ist gefragt bei Fans und Firmen. Aber das Portemonnaie kommt bei von Allmen definitiv nicht an erster Stelle, wenn es darum geht, sportlichen Erfolg kommerziell zu vergolden.
Lernen müssen, «Nein» zu sagen
«Ich wähle meine Partner sehr bewusst und auch zurückhaltend aus. An erster Stelle steht für mich, gut zu jenen Partnern zu schauen, die ich schon habe. Für mich kommt das Training und auch die Zeit mit meinen Kollegen als Priorität vor zusätzlichen Verpflichtungen, aufgrund von neuen Sponsoringverträgen. Wenn es passt, schliesse ich aber nicht aus, dass neue Partnerschaften dazukommen.» Was er als Olympiasieger vor allem gelernt habe, sei «Nein» zu sagen.
Von Allmen lacht auf die Frage, ob er es als dreifacher Olympiasieger nicht verdient hätte, seine Nase nun einige Zentimeter höher zu positionieren. Aufgrund von sportlichem Erfolg abzuheben, komme für ihn nur schon aufgrund der in seiner Jugend mit auf den Weg erhaltenen Werte nicht infrage. «Und eine Skikarriere ist endlich. Danach definiere ich mich wieder als normaler Handwerker aus dem Simmental. Es lohnt sich gar nicht, jetzt zu meinen, man sei etwas Besonderes.»
Die kleinen Momente gross geniessen
Das schätzt er auch in der sommerlichen Auszeit mit seinen Kollegen. «Sie sehen mich nicht als den Skifahrer Franjo von Allmen. Da bin ich einfach einer von ihnen.» Bezeichnend seine Antwort auf die Frage nach dem Highlight des Sommers. Der dreifache Olympiasieger hebt nicht die grossen Dinge wie die Bikeferien auf Madeira, die Motorradreise nach Griechenland oder die Teilnahme am internationalen Motocrossrennen hervor. Er nennt etwas auf den ersten Blick Triviales: «An einem lauen Abend mit meinen Freunden draussen sitzen, ein Bier trinken und uns unterhalten. Es sind eher solche kleinen Dinge und Momente, die mir in Erinnerung bleiben.»
Am 7. September fliegt Franjo von Allmen mit den Speedfahrern nach Chile ins Trainingslager. Mit einer Ausnahme freut er sich auf den dreiwöchigen Trip: «Ich ziehe das Schweizer Essen den südamerikanischen Buffets vor.» Aber sonst trainiere er lieber in Chile als in Zermatt, weil dort richtiger Winterschnee liege. «Es ist für mich so etwas wie der Startschuss in die Saison. Und wir haben die nötige Ruhe, um uns ganz auf das Training zu konzentrieren. Es ist ein wichtiger Mosaikstein im Hinblick auf die Rennen.»
Die zehn Schneetage in Zermatt haben ihm hingegen etwas zu denken gegeben. Nicht, weil er und seine Kaderkollegen angesichts der Rekordtemperaturen im Gegensatz zu ausländischen Teams und Touristen etwa Einschränkungen im Trainingsablauf gehabt hätten. Sondern mit Blick auf die dahinschmelzenden Gletscher. «Diese Entwicklung ist schon krass. Kein schönes Bild», sagt Franjo von Allmen.
Die Entwicklung als Skifahrer ist bei Franjo von Allmen nach Ansicht von richtigen und selbst ernannten Experten noch lange nicht abgeschlossen. Man sieht beim 25-Jährigen Steigerungspotenzial bei den Sprüngen, bei der Fitness oder sogar bei der morgendlichen Ernährung. Der Berner Oberländer begegnet auch solchen Dingen mit der ihm eigenen Art. Schliesslich ist er Weltmeister und Olympiasieger. Da kann man die Frage nach möglichen Reserven ziemlich gelassen angehen.

