Wirtschaft
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

In alten Lagerhallen können neue Geschäfte entstehen. Bild: Getty Images

Eine Stadt erfindet sich neu

Detroit oder: Muss zuerst alles kaputt gehen, bis etwas Neues entsteht?

Die normale Verwaltung funktioniert nicht mehr. Gerade deshalb ist Detroit zum Mekka für Unternehmer der etwas anderen Art geworden.

In this image released by Warner Bros. Pictures, Bee Vang, left, and Clint Eastwood are shown in a scene from,

Clint Eastwood in «Gran Torino». Bild: Keystone

In seinem brillanten Alterswerk «Gran Torino» spielt Clint Eastwood einen pensionierten Autoarbeiter, der in einer zerfallenden Umgebung einen letzten Rest an Würde und Anstand verteidigen will. Der Film ist mehr als realistisch. Detroit ist kaputt. Was die Kriminalität angeht, kann Motown mit den schlimmsten Slums von Mumbai bis Rio mithalten: Die Polizei trifft nach einem Notruf frühestens nach einer Stunde ein und die Hälfte der 88'000 Strassenlaternen sind defekt. Detroit war noch in den 1960er-Jahren eine der reichsten Städte der Welt und hatte 1,8 Millionen Einwohner. Heute ist die Stadt bankrott und hat noch knapp 700'000 Einwohner. 

Die anarchischen Zustände verhindern es, in Detroit normale Geschäfte zu machen. Einen Bankkredit zu erhalten, ist beispielsweise praktisch unmöglich. Aber gerade deshalb fühlen sich Unternehmer der speziellen Art angezogen. Einer davon ist der 27-jährige Andy Didorosi. Schon als Teenager hat er einen ausrangierten Hangar auf dem Flughafen gemietet. Er wurde rausgeschmissen, als die Behörden gemerkt hatten, dass er gar kein Flugzeug besitzt. Inzwischen betreibt Dodorosi eine mit Biodiesel betriebene Busflotte und «Thunderdrome», einen Käfig für Motorradrennen in einem ehemaligen Vergnügungspark.

Kompostierbares Geschirr statt Autos

Matthes Naimi, 40, hat für einen Spottpreis ein 2500 Quadratmeter grosses, zerfallenes Warenlager gekauft und darin einen bunten Mix von Geschäften angesiedelt. Sein erfolgreichstes heisst Green Safe Products und stellt Geschirr her, das kompostierbar ist. Ebenfalls flott läuft sein Recyclingbusiness, denn Detroit selbst hat keine Recyclinganlage. «Ich mag die Freiheit hier», erklärt Naimi gegenüber der «New York Times». «Ich mag es, wie kaputt die Stadt ist und ich arbeite jeden Tag mit, Detroit wieder auf die Beine zu bringen. Aber wenn wir das je schaffen sollten, dann werde ich weiterziehen.» 

Bild

Früher war Detroit eine Autostadt. Bild: Getty Images

Einst war Detroit auf Gedeih und Verderben abhängig von den grossen Dreien der Autoindustrie (GM, Ford und Chrysler). Heute sind es vor allem junge Startup-Unternehmen, welche die lokale Wirtschaft in Schuss halten. Sie werden durch mehr als 50 Programme und Institutionen unterstützt. TechTown kümmert sich um IT-Jungfirmen, Invest Detroit um Detailhändler, FoodLab um Beizer, Detroit Creative Corridor Center um Designer und Werber. 

Ohne gute Freunde läuft gar nichts

Wer ein Geschäft eröffnen will, braucht kaum Startkapital. Als Rachel Lutz, 33, nach Detroit kam, hatte sie ihre Stelle verloren, ihre Kreditkarte war ausgereizt und sie hatte gerade mal noch 1500 Dollar in der Tasche. Heute betreibt sie erfolgreich mehrere Boutiquen und profitiert davon, dass diese in der Nähe des Hauptquartiers der Polizei gelegen sind. 

Weil die Stadtverwaltung nur begrenzt funktionsfähig ist, läuft in Detroit fast alles über gute Beziehungen. Ist die Strasse im Winter nicht gepflügt, hilft ein Freund mit seinem Lastwagen aus und weil keine Hoffnung besteht, dass die Infrastruktur in nützlicher Frist repariert wird, greift man zur Selbsthilfe. Das Geschäftsviertel in der Altstadt ist so von der Business Association aus eigener Kraft saniert worden. Für die Beleuchtung wurden dabei LED-Lampen verwendet, die keine Kupferdrähte brauchen und daher nicht geplündert werden. 

Bild

Früher war Detroit eine Weltmetropole, heute steht vieles still. Bild: Getty Images

Detroit als Hoffnung für eine bessere Wirtschaftsordnung?

Als Motown war Detroit einst Sinnbild der mächtigsten Industrie der Welt, der Autoindustrie. Heute werden in der Stadt Velowege angelegt und eine neue Tramlinie gebaut. Es gibt nur noch ein einziges Autowerk auf Stadtgebiet. Aber die Wirtschaft ist heute lokal und regional orientiert. Sollte es Detroit tatsächlich gelingen, wieder aus dem Schlamassel herauszukommen, dann wäre dies mehr als nur die Rettung einer kaputten Stadt. Es wäre ein Beispiel dafür, dass es möglich ist, neue Wege einzuschlagen und eine neue Wirtschaftsordnung jenseits von Kapitalismus und Sozialismus aufzubauen. 



Das könnte dich auch interessieren:

Geld allein macht nicht glücklich – aber was dann, Herr Glücksforscher?

Link zum Artikel

Love-Scamming: Wie ich einer Russin (fast) auf den Leim gegangen bin

Link zum Artikel

Die Geschichte dieses Bildes steht exemplarisch für den momentanen Gender-Knorz

Link zum Artikel

Bond fährt E-Auto? (00)7 Vorschläge, wie er sich noch besser an die Generation Y anpasst

Link zum Artikel

Vegane Influencerin bekommt ihre Periode nicht mehr – jetzt zieht sie Konsequenzen

Link zum Artikel

Warum ich bete

Link zum Artikel

Die Influencer der Zukunft sind nicht menschlich – und sind jetzt schon Millionen wert

Link zum Artikel

Roger Federer ein Spielball der Strömung – das könnte zum Problem werden

Link zum Artikel

Kassieren SVP und SP eine Schlappe? 7 wichtige Punkte zu den Zürcher Wahlen

Link zum Artikel

Im 30'000-Franken-Outfit – so rückt Leroy Sané in die DFB-Elf ein

Link zum Artikel

Bye-bye Beno: Wie der ehemalige Gassen-Mönch in die völkische Szene abrutschte

Link zum Artikel

Das sind die 3 typischen Phasen eines Pyro-Vorfalls

Link zum Artikel

Wie Trump im Fall Manafort schachmatt gesetzt wurde

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

2
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • kEINKOmmEnTAR 27.04.2014 12:07
    Highlight Highlight Sehr guter Artikel, genau solche Schreiben unterscheiden euch von der Masse, weiter so!
  • Adonis 26.04.2014 17:48
    Highlight Highlight Hoffentlich lesen Wirtschafts und Politbosse den Bericht. Allerdings glaube ich nicht, dass die fähig wären (was die Schweiz anbelangt), allenfalls so ein Zustand in der Schweiz zu verhindern. Die würden ihr Portfolio zusammenpacken und sich anderswo installieren. D' Büezer werden immer die dummen bleiben.

5 Elektroauto-Gerüchte im Check: Ein paar sind richtig, ein paar aber kreuzfalsch

Beim Thema Auto kocht das Schweizer Blut. Gestern präsentierten wir die 25 meistverkauften Autos der Welt, woraufhin sich die Autoliebhaber und Autogegner in den Kommentarspalten Saures gaben.

Ein beliebtes Thema: Wie sozial und umweltfreundlich sind eigentlich Elektroautos?

Es ist Zeit, immer wieder vorgebrachte Kritikpunkte zu überprüfen.

Dieses Gerücht bezieht sich auf die ersten Hybrid-Fahrzeuge (zum Beispiel den Prius in den 90ern), bei denen Nickel-Metallhydrid-Akkus (NiMH) verwendet …

Artikel lesen
Link zum Artikel