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300 Wissenschaftler warnen EU vor Verbot für Verbrenner-Autos

This photo provided by Hyundai shows the 2022 Hyundai Ioniq 5, a small electric SUV with retro-inspired looks and up to 303 miles of EPA-estimated range. (David Dewhurst/Courtesy of Hyundai Motor Amer ...
Der elektrische Hyundai Ioniq 5: Die EU-Kommission will ab 2035 nur noch emissionsfreie Pkw neu zulassen. Bild: keystone

300 Wissenschaftler warnen EU vor Verbot für Verbrenner-Autos – das steckt dahinter

Das EU-Parlament stimmt diese Woche über ein Verbot von Neuwagen mit Verbrennungsmotor ab. Ein offener Brief will dies in letzter Minute verhindern. Doch die Auto-Branche ist längst auf das E-Auto umgeschwenkt.
07.06.2022, 13:3908.06.2022, 14:54

Es ist vielleicht das letzte Aufbäumen der Verbrenner-Lobby: Über 300 internationale Fachleute aus Wissenschaft und Forschung warnen die EU davor, den Verbrennungsmotor ab 2035 für neu verkaufte Personenwagen zu verbieten. In einem offenen Brief an alle EU-Parlamentarierinnen und -Parlamentarier äussern sie «grosse Bedenken». Das EU-Parlament stimmt aller Voraussicht nach Mitte dieser Woche über das geplante Verbrenner-Aus für Neuwagen ab. Bestandsfahrzeuge sind davon auch nach 2035 nicht betroffen, es werden also keine Verbrenner zwangsweise aus dem Verkehr genommen.

Die Unterzeichner des offenen Briefes (PDF) plädieren dafür, die Elektromobilität weiterzuentwickeln und gleichzeitig auf Bio- und synthetische Kraftstoffe, sogenannte reFuels, zu setzen. Die Erforschung dieser Kraftstoffe würde aber durch ein Verbrennerverbot verunmöglicht. Sie argumentieren, die Umweltbilanz von E-Autos – insbesondere die CO2-Emissionen – seien häufig schlechter als angegeben. Eine Konzentration auf E-Autos würde Europa von China abhängig machen und zudem ginge das Know-how für Verbrennungsmotoren verloren. Sie sprechen sich daher für Verbrenner-Autos aus, die aber mit künstlich erzeugten Treibstoffen betrieben werden sollen – beispielsweise synthetischem Diesel.

Die Rede ist von sogenannten E-Fuels, die mittels Strom aus Wasser und Kohlenstoffdioxid hergestellt werden und unter anderem von der Mineralölindustrie als umweltfreundliche Alternative gepriesen werden. Demgegenüber kamen zuletzt mehrere wissenschaftliche Studien zum Schluss, dass synthetische Kraftstoffe in nächster Zeit aus Kosten- und Effizienzgründen für Personenwagen keine Alternative sind, um den Klimawandel einzudämmen.

Das Problem: Mit viel Energie aus Wasserstoff hergestellte E-Fuels schneiden derzeit ähnlich schlecht wie fossile Treibstoffe ab. Autos mit E-Fuels könnten dereinst nur klimaneutral betrieben werden, wenn das synthetische Benzin vollkommen mit erneuerbarem Strom erzeugt würde. Allerdings fallen bei der Herstellung und Nutzung von E-Fuels sehr hohe Wirkungsverluste an und erneuerbarer Strom ist Mangelware.

Autos mit E-Fuels sind weit weniger effizient als E-Autos

Im Elektroauto kommen 70 bis 80 Prozent der Ausgangs-Energie am Rad an. Bei E-Fuels sind es 10 bis 15 Prozent.
Im Elektroauto kommen 70 bis 80 Prozent der Ausgangs-Energie am Rad an. Bei E-Fuels sind es 10 bis 15 Prozent.grafik: adac

«Der Brief ist hochgradig peinlich»

Der offene Brief wurde von der «Internationalen Vereinigung zur Erforschung nachhaltiger Antriebs- und Fahrzeugtechnik» (IASTEC) verschickt. Er soll das geplante Verbrenner-Aus in der EU in letzter Minute abwenden oder verzögern. Dies käme den Herstellern von E-Fuels entgegen, die wohl noch Jahre brauchen werden, um synthetische Kraftstoffe für Autos in ausreichenden Mengen marktreif und bezahlbar zu machen.

«Der aktuelle ist nicht der erste Brief, den Forscherinnen und Forscher unter dem Label IASTEC veröffentlichen. Bereits vor einem Jahr warnten sie davor, dass das Potenzial zur Reduktion von Treibhausgasen von E-Autos aufgrund eines Rechenfehlers viel zu hoch berechnet worden sei», ruft das deutsche Techportal heise.de in Erinnerung. Zahlreiche andere Experten widersprachen damals dieser Einschätzung und gingen mit den Absendern des offenen Briefes hart ins Gericht. Professor Christian Rehtanz von der Technischen Universität Dortmund entgegnete:

«Der Brief ist hochgradig peinlich. Es ist ein wissenschaftlich verbrämtes Lobbyistenschreiben, welches krampfhaft versucht, die Kolbenmaschinen zu retten.»
Professor Christian Rehtanz, Technische Universität Dortmund quelle: sciencemediacenter

Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler und Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer schrieb bereits zum ersten Brief auf Twitter: «Steinalter Wein in noch älteren Schläuchen. Ewiggestrige Diesel-Fanatiker vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) versuchen mal wieder den Verbrennungsmotor zu retten.»

Die Kritik richtete sich insbesondere an Thomas Koch, Leiter des Instituts für Kolbenmaschinen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Sprecher der IASTEC. Koch und mehrere Mitarbeiter seines Instituts gehören auch zu den Mitunterzeichnern des neuen Briefes.

Auto-Branche hat Verbrenner-Aus vorweggenommen

Auch die Gegenseite lobbyiert in Brüssel: Ein Bündnis aus verschiedenen Unternehmen, darunter die Autohersteller Ford und Volvo, hat sich in einem Appell an die EU gewandt, sich aber für ein Verbrennerverbot ausgesprochen.

Der CDU-Europaabgeordnete Jens Gieseke sagte gegenüber «Focus», es werde derzeit «massiv lobbyiert». Die Aktivitäten seien extrem – von allen Seiten.

Das EU-Parlament will noch diese Woche darüber abstimmen, ob Neuwagen mit Verbrennungsmotor ab 2035 aus dem Handel genommen werden. Unabhängig davon hat sich die Auto-Industrie inzwischen auf das Elektroauto festgelegt – zumindest in den zentralen Märkten Europa, Nordamerika und China. Der grösste Autohersteller Europas, Volkswagen, hat bereits im Juli 2021 verkündet, in Europa «zwischen 2033 und 2035 aus dem Geschäft mit Verbrenner-Fahrzeugen» auszusteigen.

Andere Hersteller werden in der EU noch deutlich früher auf Verbrennungsmotoren verzichten. Opel wird bereits 2028 vollelektrisch. Ford, Fiat, Peugeot und Volvo stampfen Benzin- und Hybridfahrzeuge bis 2030 ein. Mini soll ab 2031 die erste rein elektrische Marke des BMW-Konzerns werden.

Zudem haben auch Mercedes, Renault, General Motors und viele andere verkündet, dass sie auf das E-Auto setzen werden. Einige Hersteller wie Toyota, BMW und Hyundai halten sich die Türe für alternative Antriebe hingegen noch offen, setzen aber ebenfalls verstärkt auf Elektroautos.

Die Flucht aus dem Verbrenner hat handfeste Gründe: Aufgrund der verschärften CO2-Gesetze und neuer Abgasnormen der EU lohnt sich die Entwicklung neuer Diesel- und Benzin-Autos früher oder später schlicht nicht mehr. Schon mit den aktuellen CO2-Grenzwerten drohen jährlich milliardenschwere Strafzahlungen, da sich die Grenzwerte auch mit optimierten Benzin- und Dieselmotoren nicht mehr einhalten lassen. Die Autobauer kommen mit der Elektrowende also einem drohenden Verkaufsverbot für Verbrenner zuvor. Audi hat deshalb vor einem Jahr einen Entwicklungsstopp für neue Verbrennungsmotoren verkündet. Ab 2033 wolle man keinen einzigen Verbrenner mehr bauen.

Verbrenner-Aus kommt auch ohne EU

Die EU-Kommission und der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments haben das Verbrennerverbot für neue Personenwagen und kleine Nutzfahrzeuge bereits befürwortet. Konservative und teils auch liberale EU-Parlamentarier wollen es noch abwenden.

Am Trend zum E-Auto dürfte dies wenig ändern. Die allermeisten Automobilhersteller sind längst auf dem E-Mobility-Kurs und haben wenig Interesse, mehrere Technologien gleichzeitig zu unterstützen. Zudem weiss die Branche nur zu gut: Wenn die EU das Verbrennerverbot ab 2035 nicht beschliesst, werden einzelne Länder, Regionen und Grossstädte selbst weitere Massnahmen gegen Diesel und Benziner erlassen.

Norwegen etwa will bereits ab 2025 keine Neuzulassungen von Benzin- und Dieselautos mehr genehmigen. Der Plan scheint aufzugehen: 2021 waren 65 Prozent der verkauften Neuwagen Elektroautos, in diesem Jahr wird die Marke von 80 Prozent angestrebt.

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