10 Jahre Brexit: Eigentor oder Unabhängigkeit
Am 23. Juni 2016 stimmten rund 51,9 Prozent der Britinnen und Briten mit «Leave» und somit Ja zum Brexit. Die Abstimmung markiert das Ende einer der turbulentesten Debatten im Vereinigten Königreich seit Jahrzehnten. Befürworter versprachen wirtschaftlichen Aufschwung, weniger Migration und mehr nationale Unabhängigkeit. Die Gegenseite drohte mit einer Rezession, der Spaltung mit Europa und dem Verlust von Wohlstand.
Heute, genau zehn Jahre nach dem Referendum und über sechs Jahre seit dem offiziellen Austritt des Vereinigten Königreichs aus dem «Bloc» im Januar 2020, ziehen wir Bilanz.
Wachstum trotz oder wegen Brexit?
«Bis Ende 2025 hat der Brexit-Prozess das britische BIP um 6 bis 8 Prozent gesenkt, Investitionen um 12 bis 13 Prozent, Arbeit um 3 bis 4 Prozent und Produktivität um 3 bis 4 Prozent», schreiben Forscherinnen und Forscher des National Bureau of Economic Research (NBER) in einer neuen Studie zu den wirtschaftlichen Auswirkungen von Brexit.
Die US-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten nicht nur die wirtschaftlichen Veränderungen nach dem Brexit. Sie analysierten auch, wie es Grossbritannien wirtschaftlich und demografisch ergangen wäre, hätten sie Nein zum Brexit gesagt.
Allerdings ist die britische Wirtschaft seit der Annahme des Referendums insgesamt gewachsen. Im ersten Quartal 2026 ist das Bruttoinlandprodukt gar 12,4 Prozent höher und nicht, wie das NBER in der Studie schreibt, 6 bis 8 Prozent niedriger.
Das britische BIP ist während dieser Zeit stärker gewachsen als das von Deutschland (6 Prozent), Italien (9,7 Prozent) und fast gleich stark wie das von Frankreich (12,7 Prozent). Die EU-Wirtschaften wuchsen mit 13,6 Prozent im Durchschnitt nur gerade 1,2 Prozent stärker als die von Grossbritannien.
Doch kam dieses Wachstum wohl eher trotz Brexit und nicht wegen. Denn die Studie behauptet nicht, dass die britische Wirtschaft wegen Brexit um 6 bis 8 Prozent geschrumpft ist – sie wäre aber wohl ohne Brexit noch stärker gewachsen.
In allen von den Forschenden zusammengetragenen Daten zeigt sich ein deutlicher Einbruch im Jahr 2020. Zwar trat das Vereinigte Königreich am 1. Januar offiziell aus der Europäischen Union aus, doch ist der Einbruch vor allem das Ergebnis der gleichzeitig beginnenden Coronapandemie. Diese ist aber in den Langzeitprognosen von 2016, auf denen die Studie basiert, nicht einberechnet.
Gleiches gilt für die anderen globalen Wirtschaftsschocks seitdem – nebst der Coronapandemie von 2020 bis 2022 hatten auch der Ukraine-Krieg ab 2022 und Donald Trumps Zölle ab 2025 einen Einfluss auf die britische Wirtschaft, die nicht in den Vorhersagen eingeschlossen sind.
Grossbritannien fällt daher deutlich hinter die Vorhersagen zurück, doch so tun es auch die 33 Vergleichsländer, die in die Studie miteinbezogen wurden, um eben dieser Verfälschung durch unvorhersehbare Ereignisse vorzubeugen. Doch es bleibt ein Vergleich von fiktionalen und realen Zahlen.
Handel, ausländisches Geld und Banken
Während sich zwar die britische Wirtschaft schnell vom ersten Corona-Lockdown erholte, liegt sie heute trotzdem hinter dem, was sie ohne Brexit hätte sein können. Zum einen liegt dies an geringeren Exporten. Die EU ist zwar weiterhin der wichtigste Handelspartner Grossbritanniens, über die Hälfte der Exporte gehen in die Europäische Union, aber die höheren bürokratischen Hürden setzen den Exportzahlen zu.
Seit dem Austritt aus dem EU-Binnenmarkt im Januar 2021 müssen alle Waren für den Grenzübertritt angemeldet werden. Inzwischen ist auch für gewisse Güter wie Pflanzen oder tierische Lebensmittel eine aufwendige Zoll- und Veterinärkontrolle notwendig. Der Post-Brexit-Warenverkehr mit der EU ist für das Vereinigte Königreich bürokratischer und teurer geworden.
Zwar stieg der Handel 2022 stark an. Doch das liegt zum einen am Erholungseffekt von der Coronapandemie wie auch an den Energiepreisen, die durch den russischen Angriff auf die Ukraine signifikant angestiegen sind. Doch liegt der Handel heute mehr als zehn Prozent unter dem Niveau von vor zehn Jahren.
Auch Unternehmensinvestitionen nahmen nicht so stark zu, wie sie es potenziell getan hätten, wäre Grossbritannien noch in der EU, was sich auch negativ auf das Wirtschaftswachstum niederschlägt.
Nach dem Ökonomen und Co-Autor der Studie Nicholas Bloom ist das grösste Problem für potenzielle Investoren die Unsicherheit. Denn im Vereinigten Königreich gab es nach der Abstimmung umfassende Diskussionen zweier Lager: möglichst umfassendes Handelsabkommen mit der Europäischen Union gegen einen harten Brexit ohne Abkommen. Diese Unsicherheit führte dazu, dass die Investitionen von ausländischen Konzernen kleiner ausfielen.
Jobs und Unabhängigkeit
In der vorgehenden Debatte zum Brexit-Referendum war die Frage, wie sich der EU-Austritt auf die Beschäftigung auswirken würde, eine zentrale Frage. Der Austritt bedeutete dann auch tatsächlich eine Kündigung der EU-Personenfreizügigkeit, was wiederum zeitweise direkt zu Arbeitskräftemangel geführt hat.
In der Tat ist auch die Anzahl der angestellten Menschen seit dem Austritt gewachsen. Ähnlich wie beim Wirtschaftswachstum zeigt sich hier das gleiche Muster – trotz Brexit gab es ein Wachstum, doch nicht so stark, wie es wohl hätte sein können.
Weniger Migration?
Um gegen den Fachkräfte- und ganz generell den Arbeitskräftemangel vorzugehen, wendet sich das Vereinigte Königreich für Abhilfe immer mehr zum Commonwealth. Ironischerweise hat dies dazu geführt, dass die Migration trotz der Versprechen des Leave-Lagers von nationalistischer Unabhängigkeit zugenommen hat.
Mehrere Millionen Menschen migrierten aus Nicht-EU-Staaten nach Grossbritannien. Gerade aus ehemaligen britischen Kolonien wie Indien und Nigeria kommen Tausende Menschen, um zu arbeiten.
Gleichzeitig verlor das britische Pfund durch den EU-Austritt an Wert, was dazu geführt hat, dass Britinnen und Briten heute rund 12 Prozent weniger verdienen, was es wiederum attraktiver macht für ausländische Firmen, Arbeitskräfte aus Grossbritannien anzustellen. So emigrieren heute auch mehr britische Staatsbürgerinnen und Bürger ins Ausland, was den Arbeitskräftemangel weiter zuspitzt.
Schon vor dem Ende der Personenfreizügigkeit im Jahr 2019 ging die Zahl der Migrantinnen und Migranten aus der EU deutlich zurück. Nicht zuletzt wegen des Wertverlusts des britischen Pfunds, was das Vereinigte Königreich als Arbeitsort unattraktiver machte, während sich gleichzeitig die wirtschaftliche Lage in einigen EU-Ländern, wie zum Beispiel Polen, deutlich verbesserte.
2021 führte das Vereinigte Königreich dann auch noch ein neues, punktebasiertes Einwanderungssystem ein, um die EU-Regelungen abzulösen. Fortan muss jede Person, die kommt, Englischkenntnisse und einen Arbeitsplatz nachweisen. Diese restriktiven Massnahmen führten zu einer weiteren Abnahme von Migrantinnen und Migranten aus der EU und gleichzeitig zu einem Boom der Migration aus Nicht-EU-Staaten.
Das Königreich in politisch turbulenten Zeiten
Während zwar die Annahme, dass das Brexit-Referendum das Ende einer turbulenten Debatte war und für viele eine versprochene Lösung gerade bei der Migration und stagnierenden Löhnen bot, führte dies keineswegs zu weniger stürmischen Zeiten – im Gegenteil. Angenommen, der jetzige Premier Keir Starmer räumt wie am Montag, 22. Juni 2026 angekündigt, seinen Posten, wird Andy Burnham wohl der siebte Premierminister seit dem Brexit-Referendum werden.
Seit dem Rücktritt von David Cameron im Jahr 2016 hat keine der Premierministerinnen und keiner der Premierminister eine volle Amtszeit mehr abgeschlossen, sprich, sie sind aus freien Stücken zurückgetreten und wurden nicht abgewählt.
Diese Unzufriedenheit in der parlamentarischen Politik ist auch in der breiten Stimmbevölkerung zu beobachten. Denn würde heute nochmals über das Brexit-Referendum abgestimmt, wäre dieses wohl chancenlos. Über 57 Prozent der Menschen geben heute bei Umfragen an, dass der Brexit ein Fehler war, und nur gerade 30 Prozent denken, dass der EU-Austritt richtig war.
Der wirtschaftliche Kollaps des einstigen Imperiums blieb bislang aus. Wirtschaftsexperten der Universität Cambridge geben indes aber an, dass «der ökonomische Grundkonsens über die negativen Auswirkungen des Brexits insgesamt gesehen bestätigt» sei.
Aber hat sich die britische Wirtschaft in dieser Zeit auch verändert? Während die einstige Industrienation Grossbritannien heute deutlich hinter anderen G7-Nationen hinterherhinkt, konnte der Dienstleistungssektor post-Brexit eine Vorreiterposition einnehmen. London blieb der wichtigste Finanzplatz Europas.
Die Angst vor sinkendem Wohlstand, dem Verlust der Unabhängigkeit an die EU, weiterhin stagnierenden Löhnen und der Überfremdung durch die Migration hatte am 23. Juni 2023 viele Menschen für den Brexit stimmen lassen. Doch wurden viele dieser Ängste durch diesen eher weiter befeuert.
