Ist Mississippi wirklich reicher als Frankreich?
Im Jahr 2014 betrug das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen pro Jahr in Frankreich 37'024 Dollar, im amerikanischen Bundesstaat Mississippi 36'184 Dollar. Zehn Jahre später hingegen hat der durchschnittliche Franzose 46'103 Dollar pro Jahr verdient, sein Gegenüber in Mississippi hingegen 55'876 Dollar.
Zahlen lügen nicht, also: Klappe zu, Affe tot. Den Menschen im ärmsten amerikanischen Bundesstaat geht es wirtschaftlich besser als denen in einem der reichsten europäischen Länder. (Der «Economist» hat vor Jahren übrigens ähnliche Zahlen für Deutschland präsentiert.) Alle Ökonomen, die den Niedergang Europas beklagen, und alle amerikanischen CEOs, die sich über ihre europäischen Kollegen lustig machen, haben somit Recht.
Was gilt: BIP oder PPP?
Oder doch nicht? Wie kommt es denn, dass derzeit die Erschwinglichkeitskrise das dominante Thema in den USA ist? Weshalb lesen wir auch, dass im angeblich reichsten Land der Welt rund die Hälfte der Menschen von Paycheck zu Paycheck (von Lohntüte zu Lohntüte) lebt und schon durch eine nicht geplante Ausgabe von 400 Dollar aus der finanziellen Bahn geworfen wird?
Die Ökonomie erhebt zwar immer wieder den Anspruch, eine exakte Wissenschaft zu sein. Sie ist es aber nicht. Es kommt darauf an, was man vergleicht. Nimmt man das Bruttoinlandprodukt (BIP) – also alle Güter und Dienstleistungen, die in einem Land produziert werden – zum Massstab, dann haben alle Recht, die Europa bereits abgeschrieben haben. Vergleicht man jedoch die Kaufkraft, das PPP (Purchasing Power Parity), sieht das Ganze schon anders aus.
Wie Nobelpreisträger Paul Krugman festhält, hat sich bezüglich PPP das Verhältnis zwischen den USA und Frankreich in den letzten 25 Jahren kaum verändert. Krugman empfiehlt daher auch einen sogenannten «walking around test«, will heissen: Man wandert, sieht sich um und lässt sich von diesen Eindrücken leiten. Bei diesem Test sieht es schlecht aus für Mississippi.
Mit Paris besitzt Frankreich eine der schönsten, vielleicht sogar die schönste Stadt der Welt. Und: Hand aufs Herz? Wer kennt schon die Hauptstadt von Mississippi? Sie heisst Jackson und was ihre Attraktivität betrifft: Anders als Paris leidet sie nicht wirklich unter Overtourism.
Paul Krugman stellt daher fest: «Europa ist schlicht nicht auf die gleiche Art arm wie Mississippi. Mehr noch, in verschiedenster Hinsicht kann Europa durchaus mit den Vereinigten Staaten mithalten.»
Unbestreitbar ist jedoch, dass die Produktivität in der amerikanischen Wirtschaft deutlich stärker zugenommen hat als in der europäischen. Verantwortlich dafür ist jedoch fast ausschliesslich der Tech-Sektor. Von den Produkten aus dem Silicon Valley profitieren jedoch alle Menschen gleichmässig, ein iPhone funktioniert überall auf der Welt gleich.
Das gilt auch im Verhältnis zwischen den amerikanischen Bundesstaaten. «Das Pro-Kopf-Einkommen hat gemessen an fixen Preisen in Kalifornien stärker zugenommen als in Texas», so Krugman. «Trotzdem gibt die texanische Regierung (…) keine Studien in Auftrag, welche die schwindende Wettbewerbsfähigkeit ihres Staates untersuchen sollen.»
Die EU hingegen hat genau dies getan. Mario Draghi, der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank und italienische Premierminister, hat 2023 einen solchen Report erstellt und dabei eine ganze Reihe von Massnahmen aufgelistet, wie Europa seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern kann. Wie weit sie umgesetzt werden, ist eine andere Geschichte.
Die höhere Produktivität in den USA hat auch einen ganz banalen Grund: Die Amerikaner arbeiten mehr und länger, die Europäer hingegen geniessen ihre Ferien und können sich auf einen besser ausgebauten Sozialstaat verlassen. «Das tiefere Pro-Kopf-Einkommen in Europa kann man daher auch nicht als Problem, sondern als das Resultat einer Wahl betrachten», stellt Krugman fest. «Als eine Wahl, die es vorzieht, andere Dinge als wichtiger zu betrachten als Arbeit.»
Franzosen leben länger
So gesehen ist es auch kein Zufall, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in Frankreich 4,7 Jahre höher ist als in den USA. Nimmt man Alabama – einen ebenso armen Bundesstaat wie Mississippi – zum Vergleich, sind es gar neun Jahre.
Der Draghi-Report zeigt, dass Europa tatsächlich einige Reformen braucht, will es den Anschluss an die USA und vielleicht bald auch China nicht verlieren. Doch die viel zitierte Angst, dass Europa zu einem grossen Disneyland wird, ist unbegründet. So sind in der jüngsten Hitparade der Städte mit der höchsten Lebensqualität vier europäische Städte aufgelistet – darunter auch Zürich und Genf –, aber keine einzige amerikanische.
