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Immer mehr Rechenzentren in der Schweiz – aber auch immer mehr Kritik

Immer mehr stromfressende Rechenzentren in der Schweiz – aber auch immer mehr Kritik

In der Schweiz werden immer mehr Rechenzentren gebaut. Besonders US-Firmen investieren Hunderte Millionen Franken. Doch jetzt wächst der Protest.
26.07.2026, 02:4226.07.2026, 02:42
Das sich im Bau befindende Datacenter, am Freitag, 3. Juli 2026, in Beringen. Die Gruppe "Aufstaende der Allmende" wollte in Benken ein einwoechiges Widerstandscamp gegen Datacenter abhalten ...
Am Rechenzentrum in Beringen SH entzündete sich zuletzt heftiger Protest.Bild: keystone

Kameras überwachen die Baustelle im Zürcher Vorort Glattbrugg, auf welcher der US-Anbieter Digital Realty bis voraussichtlich Mitte 2028 das Rechenzentrum ZUR4 baut. Es wird sein viertes auf dem Areal. Die Leistung des Zürcher Campus steigt auf über 60 Megawatt. Bei voller Auslastung bräuchte er jährlich mit etwa 500 Gigawattstunden etwa viermal so viel Strom wie die Stadt Aarau. Einige Kilometer weiter wird bald noch mehr Strom geliefert: Das US-Unternehmen Vantage baut in Volketswil ZH einen Campus mit einer Leistung von 100 Megawatt.

Laut Zahlen des Immobilienberaters CBRE hat sich die installierte Leistung im Raum Zürich zwischen 2016 und 2026 mehr als verfünffacht, ein stärkeres Wachstum als im Rest von Europa. Pro Kopf gibt es in der Schweiz nach den Niederlanden am meisten Rechenzentren, in Sachen Leistung weisen nur wenige Länder wie Dänemark oder Irland höhere Werte auf.

Der rasante Zubau sorgt zusehends für Kritik. Rechenzentren sind stromhungrig und brauchen viel Wasser für die Kühlung. Kürzlich protestierten Aktivisten gegen den Bau eines Rechenzentrums der US-Firma Stack Infrastructure in Beringen SH. Es soll bis zu 350 Gigawattstunden Strom pro Jahr benötigen – fast drei Viertel des Stromverbrauchs des Kantons. Das Protestcamp wurde von der Polizei aufgelöst.

Rechenzentren stehen auch weltweit im Gegenwind. Im deutschen Bundesland Hessen sorgte eine Bürgerbewegung für einen vorläufigen Baustopp. Die Bauherrin, die US-Firma Edgeconnex, wollte für den Betrieb gar ein Gaskraftwerk in Betrieb nehmen. In den USA gingen kürzlich Tausende Menschen in über 100 Orten auf die Strasse, um gegen Rechenzentren zu protestieren. Im österreichischen Kronstorf kämpfen Umweltschützer und die Grünen gegen ein Rechenzentrum von Google.

Doch die Situation in der Schweiz unterscheidet sich in einem Punkt. Hier stehen keine riesigen Rechenzentren mit mehreren Hundert Megawatt Leistung, die etwa für das Trainieren von KI-Modellen genutzt werden. Dafür sind die Kosten für Strom, Bau und Personal zu hoch. Die hiesigen Rechenzentren decken vor allem die lokale Nachfrage – etwa nach Cloud- oder Software-Dienstleistungen und Datenspeicher.

Anbieter wie Google, Microsoft oder Amazon, aber auch lokale Software-Hersteller mieten Teile oder ganze Rechenzentren, um nahe bei den Kunden zu sein. Das ist – etwa im Finanzbereich – aus regulatorischen Gründen wichtig. Nähe garantiert aber auch eine schnelle Reaktionszeit («Latenz») und Redundanz, also eine oder mehrere Rückfallebenen bei Pannen. Dafür können mehrere Zentren in einer Region verbunden werden.

Viele Rechenzentren beherbergen zudem Server von externen Firmen («Colocation») oder dienen der Verbindung von IT-Systemen, Cloud-Anbietern und Netzwerken («Interconnection»).

Auch private Konsumentinnen und Konsumenten greifen auf Rechenzentren zurück. Suchanfragen bei Google gehen etwa nicht in die USA, sondern an sogenannte Cacheserver in einem solchen Zentrum. Das verkürzt den Prozess. Streaming-Anbieter wie Netflix oder Disney+ wiederum unterhalten Server, auf denen für ein ruckelfreies Film- und Serienerlebnis die wichtigsten Inhalte lokal gespeichert sind.

In Glattbrugg ZH betreibt Digital Realty den bald grössten Rechenzentrums-Standort der Schweiz.
In Glattbrugg ZH betreibt Digital Realty den bald grössten Rechenzentrums-Standort der Schweiz.Bild: Stefan Ehrbar/CH media

Stehen die Rechenzentren also zu unrecht am Pranger – und sind schlicht unabdingbar für hiesige Firmen und Konsumenten? Yves Zischek, der Länderchef von Schweiz und Österreich bei Digital Realty, verweist darauf, dass seine Firma ausschliesslich erneuerbare Energie einsetze. Das Rechenzentrum ZUR2 in Glattbrugg sei gar das «messbar effizienteste der Welt».

Digital Realty habe inklusive ZUR4 über eine Milliarde Franken in die Schweiz investiert, gebe jährlich zweistellige Millionenbeträge für Erneuerung und Wartung aus und beschäftige über 100 Mitarbeitende. Die technologische Infrastruktur im Land zu haben, steigere auch die Unabhängigkeit. «Natürlich wünschen wir uns, dass von der politischen Schweiz noch mehr erkannt wird, was wir als nachhaltig agierender Anbieter hinsichtlich digitaler Souveränität für die Schweiz tun.»

Die Firma biete vor allem Colocation- und Interconnection-Services an.  «Die Schweiz beherbergt viele internationale Grosskonzerne, aber auch eine stark wachsende KMU- und Start-up-Welt», sagt Zischek. Zu seinen Kunden gehörten Firmen aus allen Branchen, inklusive bundesnahe Betriebe.

Mehr Strom als die Stadt Zürich

Die hiesige Wirtschaft mit ihrem starken Fokus auf Dienstleistungen, IT und Forschung benötigt viel Rechenkapazität und Speicherplatz. Die Schweiz bleibe für seine Firma ein «zentraler und spannender Markt», der ein eher moderates, aber sehr konstantes Wachstum aufzeige, sagt Zischek. Neben dem Bau von ZUR4 diskutiere Digital Realty Pläne für weiteres Wachstum – entweder in bestehender Infrastruktur oder mit allfälligen neuen Projekten.

Der Bund geht ebenfalls von einem Wachstum aus. Er rechnet damit, dass der Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2029 gegenüber 2024 um weitere 43 Prozent ansteigt auf rund 3 Terawattstunden pro Jahr. Das entspricht gut 5 Prozent des gesamten hiesigen Strombedarfs und wäre mehr, als die Stadt Zürich verbraucht.

Geographisch sind die Zentren ungleich verteilt. Im Jahr 2024 entfiel mehr als die Hälfte des Stromverbrauchs der Schweizer Rechenzentren auf den Kanton Zürich. Laut einer Einschätzung von CBRE soll sich die installierte Leistung im Grossraum Zürich zwischen 2026 und 2030 noch einmal mehr als verdoppeln, von 209 auf 483 Megawatt. Bis 2030 könnte der Raum Zürich drei Viertel der hiesigen Kapazitäten auf sich vereinen.

Mehr Zentren auch im Aargau

Ein Grund für diese zunehmende Konzentration ist die «data gravity». So wie ein Planet aufgrund seiner Masse andere Objekte anzieht, entwickeln auch grosse Datenmengen eine Art «Anziehungskraft». Apps und Services werden dort betrieben, wo sich die Daten befinden, weil deren Verschiebung mit steigender Menge teurer und komplexer wird.

Weil das Land aber knapp ist und nicht jeder Stromversorger unendlich Leistung bereitstellen kann, gehen die Experten bei CBRE davon aus, dass auch in Nachbarkantonen mehr Zentren entstehen. Konkret nennen sie Schaffhausen und Aargau.

Zu den grösseren Anbietern gehört hierzulande die US-Firma Equinix. Sie betreibt gemäss Angaben des Anbieters Datacentermap drei Rechenzentren in Zürich und zwei in Genf. Sprecher Tom Farthing sagt, zu den wichtigsten Kunden zählten Firmen aus den Bereichen Finanzen, Pharma, Technologie und Telekom.

Microsoft investiert 330 Millionen Franken

Die Schweiz sei ein «strategisch wichtiger Markt». Strenge Datenschutzgesetze und Anforderungen an die Datenhoheit machten sie attraktiv für Unternehmen, die vertrauenswürdige Colocation- und Interconnection-Dienste suchten, «insbesondere in stark regulierten Branchen». Als politisch stabiler Markt mit einer anhaltend starken Nachfrage biete die Schweiz «erhebliche Wachstumschancen». Equinix wolle weiter investieren.

Die Stromversorgung sei hierzulande «sehr zuverlässig», die Arbeitskräfte seien hochqualifiziert und die digitale Infrastruktur sei fortschrittlich. Aber: «Hohe Betriebskosten können eine Expansion teurer machen als in anderen Märkten». Zudem könne der regulatorische Rahmen «komplex» sein.

In den Bau von Rechenzentren fliessen jährlich Hunderte Millionen Franken. Vantage investierte beispielsweise 370 Millionen Franken in ein Rechenzentrum in Glattfelden ZH und 70 Millionen Franken in einen Trakt in Winterthur, das Unternehmen Stack Infrastructure lässt sich den Ausbau des Campus in Gland VD 132 Millionen Franken kosten. Microsoft hat 2025 angekündigt, 330 Millionen Franken in hiesige Rechenzentren zu investieren.

Vom Boom der Branche profitiert auch die Bauindustrie. In den Bau in Glattfelden waren zeitweise 400 Personen involviert. Für den Betrieb allerdings werden nur etwa 25 Personen benötigt. Zwar profitieren auch IT-Dienstleister und Strom- sowie Telekom‑Versorger. Doch für sich genommen sind Rechenzentren keine bedeutenden Erzeuger von Arbeitsplätzen. Viel eher sind sie zusehends Voraussetzung dafür, dass die Firmen ihr Geschäft überhaupt betreiben können. (schweizheute.ch)

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