Benzinpreis explodiert wegen Trockenheit: 9 Fragen und Antworten
Die Schweiz ächzt unter der Hitze – und unter ausbleibenden Niederschlägen. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) spricht von einer «extremen Trockenheit». Und die angekündigten Niederschläge bringen kaum Linderung. Sie sind buchstäblich ein Tropfen auf den heissen Stein.
Der Bund sieht denn auch «keine Anzeichen für länger anhaltende, flächige Niederschlagsperioden». Es sei deshalb weiter mit einer Zunahme des Niederschlagsdefizits zu rechnen. Das hat auch Folgen für die Benzinpreise. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Wie beeinflusst die Trockenheit die Preise?
Wenn der Pegel des Rheins tief ist, können die Schiffe weniger Waren laden. Deshalb verteuern sich alle Produkte, die über den Fluss in die Schweiz kommen. Dazu gehören neben Baumaterialien oder Nahrungsmitteln auch der Treibstoff. Ein Fünftel des Benzins kommt über den Rhein in die Schweiz. Das sind über zwei Millionen Tonnen. Die Kostensteigerung ist beträchtlich. Laut TCS haben sich die Frachtkosten pro Tonne innerhalb eines Monats von 33.5 auf 143 Franken vervierfacht.
Wie viel Wasser führt der Rhein derzeit?
«Aktuell ist der Abfluss des Rheins für die Jahreszeit sehr tief», sagt Michèle Oberhänsli, Hydrologin beim Bafu. Konkret lag er am Freitag bei rund 527 Kubikmetern pro Sekunde. Damit liegt der Abfluss tiefer als zur gleichen Jahreszeit im Hitzesommer 2003, wobei die tiefsten Abflüsse damals erst im August und September erreicht wurden. Deshalb ist noch unklar, ob diese Tiefstwerte ebenfalls erreicht oder unterschritten werden.
Sind das Rekordwerte?
Für den Monat Juli zeichnet sich ein neues tiefstes Monatsminimum seit Messbeginn ab. Am 31. Juli 1949 führte der Rhein im Tagesmittel 553 Kubikmeter pro Sekunde. Dieser Tiefstwert dürfte im laufenden Monat unterschritten werden. «Aufgrund der aktuell tiefen Abflüsse wird für den Monat Juli sowohl beim Abflusstagesmittel als auch beim Abflusstagesminimum ein neuer Tiefstwert seit Messbeginn erreicht», sagt Oberhänsli. Der historisch tiefste Wert beträgt 313 Kubikmeter pro Sekunde und wurde im März 1921 erreicht. «Das entspricht einem Ereignis mit einer statistischen Wiederkehrperiode von mehr als 150 Jahren», sagt die Hydrologin.
Wie stark steigen deshalb die Benzinpreise?
Wenn die Frachtkosten um 13 Franken pro Tonne steigen, schlägt das mit einem Rappen pro Liter auf das Benzin durch. «Das bedeutet, dass die aktuellen Frachten gegenüber einem normalen Frachtniveau den Benzinpreis um rund neun Rappen pro Liter beeinflussen», sagt Matthias Hübscher vom Tankstellenbetreiber Volenergy. Die Gruppe betreibt hierzulande 700 Tankstellen.
Wann waren die Frachtpreise zuletzt explodiert?
Die bisher höchsten Transportkosten über den Rhein fielen im August 2022 an. Damals kostete der Transport einer Tonne Benzin 260 Franken. Da gleichzeitig der Ukraine-Krieg an den Energiemärkten für Verwerfungen sorgte, stiegen die Preise an der Zapfsäule massiv an. Damals kletterte der Benzinpreis auf 2.31 Franken, der Liter Diesel kostete gar über 2.40 Franken.
Heute ist die Situation ähnlich. Der Iran-Krieg ist wieder aufgeflammt und treibt die Ölpreise nach oben. Zudem sind die Raffinerien im Persischen Golf beschädigt, weshalb es an Kapazitäten fehlt. Hinzu kommt nun die Trockenheit. Wenn diese weiter anhalte, seien Frachtpreise um die 200 Franken pro Tonne «sicher wieder möglich», sagt Hübscher. Es könnte also zur Neuauflage eines explosiven Gemischs wie zuletzt vor vier Jahren kommen. Laut TCS kostet der Liter Bleifrei 95 derzeit 1.87 Franken, beim Diesel sind es 2.05 Franken.
Welche Faktoren beeinflussen den Benzinpreis sonst noch?
Die Frachtpreise sind nur ein Element. Der Treibstoffpreis reagiert unter anderem auf den Rohölpreis, den Wechselkurs zum US-Dollar, die Raffineriekapazitäten, aber auch auf Steuern sowie Krieg und Krisen. Die Tankstellen kalkulieren den Preis aus drei Kostenblöcken: dem Einkauf, den Steuerabgaben und ihrer Marge, wobei die Steuerabgaben mehr als die Hälfte ausmachen.
Tanken die Autofahrer wegen steigender Preise weniger?
Nein, sagt Matthias Hübscher von Volenergy. «Die aktuellen Preiserhöhungen führen kurzfristig nicht zu weniger Nachfrage, da es sich beim Tanken für viele um ein Grundbedürfnis handelt.» Man müsse auch etwas relativieren, da etwa bei einem durchschnittlichen Tankvolumen von 40 Litern die Mehrkosten aktuell «nur» zwei bis vier Franken pro Tankfüllung ausmachten.
Wo lässt es sich aktuell günstig tanken?
Es bestünden trotz der angespannten Marktsituation in verschiedenen Regionen der Schweiz «weiterhin erhebliche Preisunterschiede zwischen den Tankstellen», schreibt der TCS. Discount-Tankstellen böten Benzin und Diesel teilweise mehr als zehn Rappen pro Liter günstiger an als der nationale Durchschnitt. Der Vergleich lohnt sich also. Eine entsprechende App stellt der TCS zur Verfügung.
Zu weit sollte man bei der Jagd aufs günstige Benzin aber nicht fahren. Der TCS rät zur Drei-Fünf-Regel. Demnach lohnt sich ein Umweg von fünf Kilometern nicht, wenn die Ersparnis bei einer Tankfüllung von 50 Litern weniger als fünf Rappen pro Liter beträgt. Hier kann die Einsparung den Zeitaufwand und den Spritverbrauch nicht ausgleichen.
Was bewirken solche systematischen Preisvergleiche?
Der Preisüberwacher Stefan Meierhans verspricht sich viel davon. Echtzeit-Vergleiche bauten Druck auf die Tankstellen auf, weil die Konsumenten damit günstigere Angebote in der Nähe finden können. Die TCS-App etwa nutzen bereits mehrere tausend Automobilisten pro Tag. Der TCS beobachtet, «dass wenn eine Tankstelle den Preis senkt, andere Tankstellen in der Umgebung nachziehen». (schweizheute.ch)
