Um Zuwanderung entgegenzuwirken: Jetzt wird der Ruf nach dem Rentenalter 70 laut
Nach der Abstimmung über die 10-Millionen-Schweiz ist klar: Die Bevölkerung will der Zuwanderung nicht einfach den Riegel vorschieben. Und doch gibt es einen Fachkräftemangel. Es sind also immer noch Lösungen gefragt. Besonders betroffen ist etwa die Gastrobranche. Gastronom Rudi Bindella sagt im Interview mit dem Tages-Anzeiger: «Die Politik muss bei der Zuwanderung das richtige Mass finden und diese quantitativ wie qualitativ besser steuern.»
Dennoch gebe es auch im Inland noch Potenzial, das «viel zu schlecht genutzt» werde. «Ich denke dabei an ältere Menschen – die über 50-Jährigen und sogar die über 65-Jährigen. Wenn wir dieses Potenzial richtig pflegen und diese Menschen motivieren, im Arbeitsprozess zu bleiben, wäre die Nachfrage nach Arbeitskräften aus dem Ausland bedeutend geringer.»
Bindella glaubt, dass eine gute Firmenkultur, Investitionen in die Ausbildung und faire Löhne mehr inländisches Personal anlocken würden. «Ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, federt den Mangel spürbar ab. In diesen Bereich wird in vielen Branchen schlicht zu wenig investiert.» Allerdings müsse auch die Leistungsbereitschaft der Schweizerinnen und Schweizer wieder steigen.
Doch nicht nur die potenziellen Arbeitnehmenden sieht Bindella in der Pflicht. Auch die Unternehmen müssten umdenken. «Es darf nicht sein, dass die Dossiers von älteren Bewerberinnen und Bewerbern von vornherein aussortiert und gar nicht erst geprüft werden.»
Ähnlich klingt es bei der Direktorin von Economiesuisse, Monika Rühl. Im Interview mit der NZZ sagt sie: «Wir müssen das inländische Arbeitskräftepotenzial besser nutzen.» Auch Rühl bringt eine Erhöhung des Rentenalters ins Spiel. In der Schweiz werde dies aber tabuisiert. Dabei könnten Arbeitsmodelle, die es Menschen ermöglichen, länger im Erwerbsleben zu bleiben, helfen. Gleichzeitig sollte laut Rühl auch darüber diskutiert werden, Frühpensionierungen unattraktiver zu machen.
Bindella ist da differenzierter. Ihm ist bewusst, dass es härtere und weniger harte Jobs gibt. In der Küche ist längeres Arbeiten wegen der körperlichen Belastung schwieriger, in Service und Administration dagegen gut möglich – auch im Teilzeitpensum. Die Politik hat sich bisher vor der Diskussion rund um die Erhöhung des Rentenalters gescheut. Mit der Lösungsfindung gegen die Zuwanderung könnte sie jedoch erneut ins Rollen kommen. (vro)
