Wissen
Schweiz

Hitzewelle und Klimawandel: Klimaforscherin warnt

26.10.2025, Sachsen, Chemnitz: Sonia Isabelle Seneviratne, Professorin an der ETH Zürich und Vizepräsidentin des Weltklimarats IPCC, lächelt bei der Verleihung des Deutschen Umweltpreises. Die mit ein ...
Sonia Seneviratne erhielt als erste Schweizer Forschende 2025 den Deutschen Umweltpreis.Bild: DPA
Interview

Klimaforscherin zu Extremwetter: «Wir wiegen uns in falscher Sicherheit»

Der vergangene Monat war der zweitheisseste Juni in der Schweiz seit Aufzeichnungsbeginn. Während die Wetterextreme global zunehmen, erwärmt sich das Klima in der Schweiz und Zentraleuropa besonders rasant. Dennoch werde unterschätzt, wie stark die Schweiz vom Klimawandel betroffen sei, sagt die Klimaforscherin und ETH-Professorin Sonia Seneviratne.
05.07.2026, 13:5305.07.2026, 13:53

Extreme Hitze, Trockenheit und Starkregen. Seit Jahrzehnten warnen Klimaforschende davor, dass Extremwetterereignisse wie jene der vergangenen Wochen durch den menschengemachten Klimawandel häufiger und stärker auftreten werden. So auch die renommierte Wissenschaftlerin und Leiterin des Instituts für Atmosphäre und Klima an der ETH Zürich, Sonia Seneviratne.

Im Gespräch mit watson spricht die Vizevorsitzende einer Arbeitsgruppe des Weltklimarats über die vergangenen Extremwetterereignisse, die Schweizer Klimapolitik und darüber, weshalb der Satz «Das gab es früher auch schon» zu kurz gedacht sei.

Frau Seneviratne, wir haben eine historische Hitzewelle hinter uns, gefolgt von Starkniederschlägen. Überraschte Sie die Intensität der Ereignisse?
Sonia Seneviratne:
Nein, ich war nicht erstaunt. Das sind exakt die Ereignisse, die wir bei dem aktuellen Stand der Erderwärmung erwarten müssen. Während wir global aktuell bei 1,4 Grad stehen, verzeichnen wir in der Schweiz eine regionale Erwärmung von mehr als drei Grad. Solche Hitzewellen und Starkniederschläge sind ein sehr deutliches Signal. Dass diese Ereignisse in Zukunft noch heftiger ausfallen werden, steht ausser Frage.

Ist die Schweiz von solchen Extremwetterereignissen besonders stark betroffen?
Ja, in der Schweiz, wie in anderen Ländern Zentraleuropas, schreitet die Klimaerwärmung besonders rasch voran. Gleichzeitig erleben wir eine Kombination aus zunehmender Trockenheit, häufigeren Starkregenfällen und Hitzewellen. Hinzu kommen die Folgen in den Bergen: Das Schmelzen des Permafrosts erhöht das Risiko von Bergstürzen, während der Gletscherschwund rasant voranschreitet. Das Schmelzwasser kaschiert die Trockenheit derzeit noch ein wenig, doch mit dem Verlust dieses natürlichen Wasserspeichers wird sich die Wasserknappheit noch weiter verschärfen. Die Vielfalt, in der die Schweiz vom Klimawandel betroffen ist, ist aussergewöhnlich.

Wie ordnen Sie die jüngste Hitzewelle im Vergleich zu früheren Hitzeperioden ein?
Die Hitzewelle war insbesondere in Bezug auf den Zeitpunkt des Auftretens und deren Länge bemerkenswert. Eine derart starke Hitzeperiode mit Rekordwerten so früh im Sommer lässt vermuten, dass uns später im Sommer noch höhere Temperaturen erwarten könnten.

Nehmen solche Omega-Lagen, die für stabile und langanhaltende Hitzewellen sorgen, durch den Klimawandel zu?
Dieser Schluss kann gemäss aktuellem Forschungsstand nicht gezogen werden. Wir verzeichnen in der Vergangenheit tatsächlich eine Häufung solcher Hochdrucklagen in Europa. Der Einfluss des menschengemachten Klimawandels auf die Zirkulation von Hoch- und Tiefdruckgebieten ist aktuell jedoch nicht belegt.

Wie der Klimawandel Extremwetterereignisse verstärkt

Der menschengemachte Klimawandel erhöht durch steigende Treibhausgaskonzentrationen wie CO₂ die globale Durchschnittstemperatur. Diese Gase lassen kurzwellige Sonnenstrahlung weitgehend passieren, halten aber einen Teil der von der Erde abgegebenen langwelligen Wärmestrahlung in der Atmosphäre zurück. Dadurch bleibt mehr Energie in der Atmosphäre, und das Klimasystem erwärmt sich.

Die zusätzliche Wärme verstärkt den Wasserkreislauf zwischen Erde, Meer und Atmosphäre. Hitzewellen werden häufiger und intensiver, da mehr Wärme im System ist. Die wärmere Luft wiederum kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen, was dazu führt, dass insgesamt eine grössere Menge an Wasser in der Atmosphäre ist was zu stärkeren Niederschlägen führt.

Gleichzeitig steigt durch höhere Temperaturen die Verdunstung, wodurch Böden schneller austrocknen und Dürren zunehmen. Insgesamt führt die Erwärmung dazu, dass sowohl Hitze-, Niederschlags- als auch Trockenextreme häufiger und intensiver auftreten. Diese Zusammenhänge sind in der Klimaforschung gut belegt.

Extremwetter gab es schon immer, auch früher. Wie begegnen Sie diesem Argument?
Natürlich gab es das auch schon früher, nur noch nie in der Häufigkeit und in dem globalen Ausmass wie heute. Das ist, als würde ich bei einer Grippe-Epidemie sagen, früher hatte auch schon mal jemand die Grippe. Wenn jedoch 30 Prozent der Bevölkerung an der Grippe erkrankt sind, dann ist das Problem ein komplett anderes.

Wie gut ist die Schweiz auf solche Extremwetterereignisse vorbereitet?
Das Problem in der Schweiz und vielen anderen Ländern ist, dass der Grossteil der Infrastruktur noch aus dem 20. Jahrhundert stammt. Die klimatischen Anforderungen haben sich seitdem jedoch stark verändert. Auf diese veränderten Bedingungen ist unsere Infrastruktur nicht angepasst.

Da sind Länder, die sich höhere Temperaturen bereits gewohnt sind, uns deutlich voraus. Die Auswirkungen auf die Infrastruktur sind weitreichend, von der städtischen Architektur bis zur Landwirtschaft und dem Gesundheitssystem. Anpassung ist zweifelsohne wichtig, jedoch nicht die Lösung des Problems. Wir müssen unsere Emissionen in den Griff bekommen.

Das offizielle Ziel der Schweiz dahingehend lautet Netto-Null bis 2050. Ist das überhaupt noch realistisch?

Es ist möglich, aber die Schweiz macht noch zu wenig. Damit sich die Erderwärmung auf rund 1,5 Grad begrenzen lässt, müssen zusätzlich die Emissionen bis 2030 circa halbiert werden. Da sind wir definitiv nicht auf einem guten Weg. Auch das Bundesamt für Umwelt gab kürzlich bekannt, dass dieses Etappenziel nicht erreicht werde.

Woran liegt das?
Ein Hauptproblem ist, dass die Schweiz versucht, ihre Ziele mit Kompensationen im Ausland zu erreichen. Der Fokus muss jedoch darauf gerichtet sein, die eigenen Emissionen zu reduzieren und nicht diese andernorts zu kompensieren.

Wo entstehen in der Schweiz die meisten Emissionen?
Die grössten CO₂-Emissionen entstehen in der Schweiz im Verkehr, insbesondere durch Benzin- und Dieselautos, sowie beim Heizen mit Öl und Gas. Mit einem konsequenten Umstieg auf Elektroautos, Wärmepumpen oder Geothermie liesse sich hier viel erreichen. Zwar gibt es Fortschritte, aber gerade beim Ausbau der Elektromobilität geht es in der Schweiz noch viel zu zögerlich voran.

Auch bei Industrieprozessen besteht noch viel Potenzial, fossile Energieträger zu ersetzen. Als globaler Finanzplatz kann die Schweiz zudem über ihre Grenzen hinauswirken, etwa durch sogenanntes Deinvestment, also den gezielten Abzug von Kapital aus klimaschädlichen Branchen und die Umlenkung in nachhaltige Wirtschaftszweige.

Bundesrat und Umweltminister Albert Rösti sagte kürzlich auf SRF 1, die Schweiz könne beim Klimaschutz nicht allein vorpreschen. Wie beurteilen Sie diese Aussage?
Es ist wichtig, wie sich die Schweiz in diesen Fragen verhält. Wenn wir uns in Sachen Klimaschutz zögerlich verhalten, dann kann das eine Signalwirkung auf andere Länder haben. Diese könnten dieselbe Logik anwenden und sagen: Wenn es die Schweiz als reiches Land mit so vielen Mitteln nicht hinkriegt, weshalb sollen wir das tun? Am Ende ist es natürlich richtig, dass jedes Land seinen Beitrag leisten muss, nur verfügt die Schweiz diesbezüglich über besondere Möglichkeiten und Mittel.

Gleichzeitig verursacht der Konsum von Schweizerinnen und Schweizern auch Emissionen im Ausland. Wie relevant ist dies?
Die Emissionen, welche durch den Schweizer Konsum im Ausland verursacht werden, sind dreimal so hoch wie die Emissionen, die Schweizerinnen und Schweizer im Inland verursachen. Auch beim Konsum gibt es Ansatzpunkte, um Emissionen zu senken, etwa Fast Fashion und Produkte, die kaum genutzt werden, zu vermeiden und stattdessen stärker auf lokal produzierte, emissionsärmere Waren zu setzen.

Denken Sie, dass Ereignisse wie die vergangene Hitzewelle der Klimapolitik auch einen Schub verleihen können?
Es ist zu hoffen. Die Konsequenzen für die gesamte Bevölkerung werden immer deutlicher. Doch das, was wir jetzt erleben, ist nichts im Vergleich zu dem, was noch kommt, wenn es uns nicht gelingt, Gegensteuer zu geben. Hitzewellen wie die der letzten Woche werden wir immer wieder erleben, wir können jedoch vermeiden, dass sich die Lage noch weiter verschlimmert.

Die bisherigen Auswirkungen des Klimawandels lassen sich also nicht mehr rückgängig machen?
Nein, und das ist genau der Punkt, den viele nicht verstehen. Das bereits ausgestossene CO₂ bleibt hunderte bis tausende Jahre in der Atmosphäre. Würden wir von heute auf morgen plötzlich keine Emissionen mehr ausstossen, würden die klimatischen Bedingungen mindestens so bleiben, wie sie aktuell sind. Ein grosser Teil davon ist auf unserer menschlichen Zeitskala einfach nicht mehr rückgängig zu machen.

Umweltminister Rösti nannte die Hitzewelle ein klares Zeichen des Klimawandels, warnte gleichzeitig vor Alarmismus. Was ging Ihnen beim Hören dieser Worte durch den Kopf?
Solche Aussagen bedauere ich sehr, insbesondere wenn man sich vor Augen führt, dass bereits heute Menschen an den Auswirkungen solcher Hitzewellen sterben. Das ist wissenschaftlich belegt, in einer Studie zusammen mit der Universität Bern konnten wir nachweisen, dass mehrere Hundert Personen im Sommer 2022 an Hitzewellen gestorben sind und dass diese Todesfälle klar auf den menschenverursachten Klimawandel zurückzuführen sind.

Albert Rösti warnt vor Alarmismus, Sie sagen hingegen, dass wir den Klimawandel und seine Folgen noch immer nicht ernst genug nehmen?
Es herrscht teilweise ein falsches Gefühl von Sicherheit in der Schweiz. Das zeigte sich an den schockierten Reaktionen einiger Menschen, als das Thermometer vergangene Woche Richtung 40 Grad anstieg. Die Klimakrise wird teils immer noch verharmlost, viele denken, in der Schweiz wird es uns schon nicht so hart treffen. Die Gefahren werden noch immer unterschätzt.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Diese 31 Bilder zeigen, wie Europa der Hitzewelle trotzt
1 / 33
Diese 31 Bilder zeigen, wie Europa der Hitzewelle trotzt

Am Sonntag wurde es in Paris 37 Grad.

quelle: keystone / michel euler
Auf Facebook teilenAuf X teilen
In Zukunft dürfte uns die Hitze noch härter treffen!
Video: srf
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
257 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Schlaf
05.07.2026 14:08registriert Oktober 2019
Unser Problem ist halt auch, dass die mit Abstand stärkste Partei im Lande eine stupide Vorstellung von all dem hat und auch noch äusserst dümmliche Aussagen zu dieser wichtigen Thematik macht.

Da der Chefe dieser Partei ein Bauerist, wird er mit seinen Berufskollegen einer der ersten sein, welche die hohle Hand beim Bund machen werden, wegen dem Klimawandel.

Die nächste lange Hitze/Trockenphase haben wir die nächsten Tage vor uns…
24146
Melden
Zum Kommentar
avatar
die 200
05.07.2026 14:07registriert Januar 2017
Danke für die ehrlichen, politisch ungefärbten Worte... bitte lesen, Schweizer Verräter Partei!
21240
Melden
Zum Kommentar
avatar
Violett
05.07.2026 14:13registriert Juni 2020
Danke für diesen Beitrag. Es ist gut zu hören, nicht alleine so zu denken. Danke für die klaren Worte.
17818
Melden
Zum Kommentar
257
So wollen Forschende das Rätsel um die «akute Bergkrankheit» entschlüsseln
Forschende aus Österreich, Italien und der Schweiz wollen mit einer Übersichtsarbeit dazu beitragen, das Rätsel um die sogenannte «akute Bergkrankheit» zu lösen. Deren Diagnose sei bisher auch deshalb oft schwierig, weil es sich wohl nicht um eine einheitliche Erkrankung handle, sagten die Forschenden zur österreichischen Nachrichtenagentur APA.
Zur Story