«Trauriger Alltag» in leeren Blumenläden – das ist der Grund
Wer in den vergangenen Tagen Blumen kaufen wollte, war mit grösserer Wahrscheinlichkeit mit einem zerlesenen Angebot konfrontiert. Im schlimmsten Fall bleibt die Blumentheke im Moment gänzlich leer.
Das hat damit zu tun, dass die Blumen in der Hitze leiden. Aber nicht nur. In der Gluthitze sind Blumen auch für einen bestimmten Anlass gerade besonders gefragt: für Beerdigungen.
Das bestätigt Floristin Sonja Köhli. Sie betreibt mit ihrer Mutter Ursula Köhli das Blumengeschäft Frieden in Zürich-Albisrieden. In unmittelbarer Nähe liegt der Friedhof Sihlfeld, der grösste der Stadt.
«Ja, das stimmt, wir bekommen im Sommer mehr Aufträge für Beerdigungen», sagt Köhli. Sie sieht durchaus einen Zusammenhang mit der Hitze. Denn es seien vermehrt betagte Menschen, die in den Sommermonaten sterben. «Für uns Floristinnen ist das, so traurig das klingt, Alltag», sagt Köhli.
Vor dem Blumenladen ist es kahl
Viele andere Pflanzen leiden unter der Hitze: «Wir haben mal vor dem Laden mit einem Thermometer gemessen: Da war es 54 Grad im Schatten», sagt Köhli.
«Wir sind jetzt dazu übergegangen, nichts mehr vor dem Laden zu haben und auch das Schaufenster mit Rollläden zu verdunkeln.» Zum grossen Glück können Ursula und Sonja Köhli im Ladeninnern kühlen und so ihre Schnittblumen schützen.
Ein finanzieller Verlust entsteht den Floristinnen trotzdem. Auch weil weniger Blumen von ihrem Schweizer Lieferanten nachkommen. Ein guter Teil der gesäten Blumen ist in der Hitze eingegangen.
39,9 Grad sind für Blumen prekär
Anruf bei Evelyne Mathis. Zusammen mit ihrem Mann Samuel Mathis pflanzt sie auf dem Blumenfeld beim Wasserturm auf dem Stadtgebiet Basels über 60 Blumenarten an. «Im Moment ist es gerade schon prekär», sagt Mathis. «39,9 Grad, das ist für die Blumen eine enorme Belastung.»
Zwar sei sie erstaunt, wie resistent und tolerant viele ihrer Blumen seien. Das Problem sei ein anderes. Das eine Hektare grosse Blumenfeld richtet sich hauptsächlich an Selbstpflückerinnen und Selbstpflücker. «Ab 26 Grad kommen die nicht mehr», sagt Mathis.
Das ist deshalb besonders ärgerlich für die Blumenzüchterin, weil aufgrund der grossen Hitze im Moment gerade so ziemlich alles blüht. «Sonnenblumen, Gladiolen, Löwenmäulchen, Limonium, Nelken, Schafgarben, Lavendel»: Mathis kommt aus dem Aufzählen nicht mehr heraus.
Wegen der grossen Hitze ist das Blumenfeuerwerk dieses Jahr besonders intensiv – aber auch von besonders kurzer Dauer. Heisst: Kommt in den nächsten Tagen niemand aufs Feld, verblühen viele Blumen ungepflückt.
Soeben ist Mathis eine ganze Charge Lilien verblüht, eine in der Saat am teuersten Blumensorten. «Heisst das jetzt, dass wir nächstes Jahr keine Lilien mehr aussäen sollen?», fragt sich Mathis. Oder folgt auf den grossen Hitzesommer nächstes Jahr wieder ein kühlerer? Die Klimakrise stellt die Blumenhändlerin vor schier unlösbare Probleme.
Bis zu 200 Hitzetote pro Sommer
Genau diese Klimakrise führt auch zu immer mehr Hitzetoten. Seit 2010 betreibt das Bundesamt für Gesundheit ein wöchentliches Monitoring der Anzahl Todesfälle. Das erlaubt es, Aussagen über Zeitperioden zu treffen, in denen es zu tieferer oder höherer Anzahl Todesfälle kommt, als das statistisch zu erwarten wäre. Man spricht von der sogenannten Unter- bzw. Übersterblichkeit.
Überdies berechnet das BAG seit 2023 systematisch die Anzahl hitzebedingter Todesfälle. Zusätzlich modelliert das BAG die Sterblichkeit retrospektiv seit 1980. Die Daten zeigen: Die hitzebedingten Todesfälle an heissen oder sehr heissen Tagen haben über die letzten vier Jahrzehnte zugenommen.
Das BAG schreibt: «In den letzten zehn Jahren gab es jedoch – je nach Hitze – in den Sommermonaten geschätzt rund 20 bis 200 hitzebedingte Todesfälle.»
Rüffel aus Strassburg
Brisant ist das deshalb, weil die Schweiz vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Strassburg verurteilt wurde, zu wenig gegen die Klimakrise zu unternehmen – und damit insbesondere die ältere Bevölkerung der Todesgefahr auszuliefern.
Die 17 Richterinnen und Richter des EGMR urteilten am 9. April 2024: Die unzureichende Klimaschutzpolitik der Schweiz verstösst gegen das Recht auf Achtung des Privatlebens – und damit gegen die Europäische Menschenrechtskonvention.
Nach Ansicht des Gerichts fällt darunter auch das Recht auf einen wirksamen Schutz vor den schwerwiegenden Auswirkungen des Klimawandels.
Die Schweiz hat dieses Urteil bis heute nicht umgesetzt und will das im Wesentlichen auch nicht tun. Die bürgerliche Mehrheit in Stände- und Nationalrat stellte sich auf den Standpunkt, die Schweiz halte ihre geleisteten Klimaverpflichtungen ein. Das Urteil des EGMR sei «unangemessener Aktivismus».
Unheilvoller Vorbote?
Das Monitoring des BAG zeigt für den Moment keine Übersterblichkeit. Allerdings sind die Daten für die letzten drei Wochen auch noch nicht vollständig, wie den methodischen Hinweisen des BAG zu entnehmen ist.
Tatsächlich gab es in den Daten einen merklichen Ausschlag nach oben in der Woche des 24. Mai. Es war die Woche, in der das Thermometer erstmals über 30 Grad Celsius schnellte.
Gut möglich also, dass eine potenzielle Übersterblichkeit bei den über 65-Jährigen erst in ein paar Wochen sichtbar sein wird. Gut möglich, dass die leeren Verkaufstheken der Blumenläden ein unheilvoller Vorbote sind.
