Herr Spieler, die SNB belässt den Leitzins bei 1,75 Prozent. Warum muss mich das interessieren?
Martin Spieler: Weil das die breite Öffentlichkeit genauso wie Sie als Konsumentin unmittelbar betrifft. Mit dem Zins-Stopp will Nationalbank-Präsident Thomas Jordan schauen, was die bisherigen Zinserhöhungen gebracht haben. Ob diese bei der Inflations-Bekämpfung fruchten.
Die Teuerung hat sich wieder abgeschwächt, sie liegt aktuell bei 1,6 Prozent. Kann ich als Konsumentin aufschnaufen?
Ja. Aber nur vorübergehend. Die Teuerung wird wieder anziehen.
Im Spätherbst steigen die Mieten. Die Krankenkassenprämien. Die Strompreise. Was tun?
Da können Sie unmittelbar nicht viel machen, ausser etwa zu einer Krankenkasse mit tieferen Prämien wechseln. Und: Bei der Inflation gibt es keine Entwarnung. Diese wird uns in den nächsten Monaten und auch im 2024 weiter beschäftigen.
Was also habe ich davon, dass der Leitzins nicht erhöht wurde?
Der Entscheid der Notenbank ist gleichwohl klug. Bei jeder Zinserhöhung geht eine Notenbank das Risiko ein, es zu übertreiben. Der erste Reflex: Man sieht die hohe Inflation - und erhöht den Leitzins. Das hat auch die Schweiz genauso gemacht. Doch bei so stark steigenden Zinsen gibt es negative Wirkungen.
Konkret?
Die Konjunktur droht abzustürzen. Das sehen wir jetzt bereits: Die Schweizer Wirtschaft ist nicht mehr gleich in Fahrt. Im zweiten Quartal 2023 gab es sogar eine Stagnation. Die Notenbank muss aufpassen, dass sie die Wirtschaft nicht abwürgt. Der Zins-Stopp heisst: Die Notenbank hat diese Gefahr erkannt. Es ist eine extrem schwierige Gratwanderung. Einerseits Teuerungsbekämpfung, andererseits will niemand die Wirtschaft abwürgen. Fiele die Wirtschaft in eine Rezession, wäre das für uns alle verheerend.
Nur: Steigende Mieten und Krankenkassenprämien bedeuten, mir geht es jetzt ganz konkret ans Portemonnaie. Ist eine vielleicht in ferner Zukunft drohende Rezession nicht verkraftbarer?
Da bin ich mir ganz und gar nicht sicher, nein. Sicher aber bin ich: Das war nur eine Zinspause. Wir werden noch in diesem Jahr eine weitere Zinserhöhung sehen. Insbesondere deshalb, weil die Teuerung durch die steigenden Kosten nochmals anziehen wird.
Was bedeutet das für den Schweizer Franken?
Wir werden weiterhin einen starken Franken sehen. Im restlichen Europa ist die Inflation nach wie vor wesentlich höher als bei uns. Das gleiche gilt für die Schuldenberge. Plus sind die wirtschaftlichen Aussichten im Ausland schlechter. Wir haben einige Pluspunkte auf unserer Seite. Das führt dazu, dass der Schweizer Franken ein sicherer Hafen bleibt.
Wir haben längst keine Negativzinsen mehr. Warum geben die Banken mir als Kleinsparerin das nicht weiter etwa bei den Zinsen und den Kontogebühren?
Tja. Weil das ein wunderbares Geschäft für die Banken ist. Immerhin: Die Banken werden das nicht lange durchziehen können. Der Druck, das zumindest etwas angepasst wird, steigt.
Die Banken spielen auf Zeit?
Es ist klar, dass sie diese Situation versuchen auszunutzen. Wir Sparer und Sparerinnen sind gefordert, die Konditionen der einzelnen Banken zu vergleichen. Und unser Geld zu verschieben. Sobald die Banken das merken, werden sie reagieren.
Ein Appell, genau hinzuschauen und zu handeln?
Das ist sonnenklar. Beim Detailhandel vergleichen wir die Preise ja auch. Das gilt auch bei den Banken. Es geht um viel Geld.
Mache ich seit 2-3 Jahren so wie bei der Krankenkasse. Wenn es ein besseres Angebot gibt, wechsle ich. Es wird ja immer gesagt, der Markt regelt das selber. Dann machen wir das doch so. :) Dieses Jahr musste halt die Raiffeisen dran glauben.
Die Krankenkasseninflation hingegen hat nichts mit der normalen Inflation zu tun, denn dort sinken oder stagnieren die Vergütungen für medizinische Leistungen seit Jahrzehten, die Kosten steigen wegen dem erhöhten „Konsum“ von eben diesen Leistungen, siehe 2 Mio Schweizer jährlich in Physio, da hilfts auch nichts, dass deren Lohn seit Jahrzehnten nicht angepasst wurde.