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Digitale Desinformation: Warum Facebook die grösste Gerüchteküche der Welt ist



Letzten Sommer fand in mehreren US-Bundesstaaten ein Manöver der Streitkräfte unter dem Namen «Jade Helm 15» statt. Innert kürzester Zeit kursierten auf sozialen Medien Gerüchte, es handle sich um einen Geheimplan der Regierung, um Waffen in Privatbesitz zu konfiszieren, Texas zu besetzen oder den Einmarsch chinesischer Truppen vorzubereiten. 

Das Manöver war am 9. September beendet; keines der Gerüchte hat sich bewahrheitet. Dasselbe gilt für Fehlinformationen, die während der Ebola-Epidemie in Westafrika die sozialen Medien überschwemmten und weltweit für Verunsicherung beim Pflegepersonal sorgten. 

«Diese massive digitale Desinformation ist inzwischen so allgegenwärtig, dass das World Economic Forum (WEF) sie als eine der Hauptbedrohungen für unsere Gesellschaft listet.»

Michela Del Vicario e.a.

In sozialen Medien wie Facebook breiten sich solche Gerüchte und Verschwörungstheorien besonders schnell aus. Das ist das Ergebnis einer Studie von Michela Del Vicario vom Labor für Computer-Sozialwissenschaften in Lucca und ihrem Team. Die Forscher untersuchten, welche Faktoren für diese schnelle Verbreitung verantwortlich sind.

Kreise von Gleichgesinnten

Zu diesem Zweck protokollierten Del Vicario und ihre Kollegen fünf Jahre lang 67 Facebook-Seiten, bei denen die User den Inhalt öffentlich sichtbar teilen. Sie verfolgten dabei, wer welche Nachrichten teilte und an wen. Nur bei 32 der Seiten ging es vornehmlich um Verschwörungstheorien, bei den anderen standen Meldungen aus dem Bereich der Wissenschaft im Vordergrund. 

Ein Ergebnis der Studie war, dass die Meldungen in erster Linie in einem virtuellen Freundeskreis von Gleichgesinnten kursieren, und zwar sowohl bei den Verschwörungstheorien wie bei den Wissenschafts-Meldungen. Die beiden Netzwerke überlappen sich jedoch nicht: «Unsere Auswertungen zeigen, dass zwei ausgeprägte und deutlich getrennte Gemeinschaften im Netz existieren – eine rund um die Verschwörungstheorien und eine bezogen auf wissenschaftliche Themen», erklären die Forscher. 

Die Wissenschaftler nennen diese nahezu geschlossenen Communities «Echokammern». Der Begriff umschreibt ein ähnliches Phänomen wie die etwas bekanntere «Filter bubble»: Was in die Echokammer hineingelangt, wird dort hin und her geteilt und hilft so, bereits vorhandene Einstellungen zu verstärken. 

Unterschiedliche Geschwindigkeiten

Ein weiteres Resultat der Studie: Die beiden Netzwerke unterscheiden sich deutlich bei der Dynamik, mit der Meldungen weitergegeben werden. Die Verbreitung bei Wissenschafts-Meldungen erfolgt sehr schnell –  ein Viertel wird schon in den ersten zwei Stunden geteilt. Danach flaut das Interesse aber bald wieder ab, und zwar ohne Zusammenhang damit, ob die Meldung spannend ist oder nicht.

Grafik: Verbreitung von Meldungen auf Facebook

Verlauf der Ausbreitung bei Verschwörungstheorien (l.) und Wissenschafts-Meldungen: Verschwörungstheorien und Gerüchte verbreiten sich zunächst langsamer, dafür anhaltend. 
Grafik: PNAS.org

Verschwörungstheorien indes kommen nur langsam auf Touren, können dafür ein stetig wachsendes Interesse verzeichnen. Je länger sie kursieren, desto häufiger werden sie geteilt. Manche Gerüchte können sich dadurch lawinenartig verbreiten. 

Der Wildwuchs von zum Teil vollkommen erfundenen Gerüchten und Verschwörungstheorien im Web beunruhigt die Forscher. Sie warnen: «Diese massive digitale Desinformation ist inzwischen so allgegenwärtig, dass das World Economic Forum (WEF) sie als eine der Hauptbedrohungen für unsere Gesellschaft listet.» (dhr)

Facebook-Kommentare

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