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Studie: Zahl der Aboriginals war vor Kolonialisierung höher als gedacht

Aboriginals dance in front of Old Parliament House in Canberra, Australia on Monday February 11, 2008. Prime Minister Kevin Rudd on Wednesday will formally say sorry to Aboriginal people for past admi ...
Laut einer neuen Studie lebten 1788 im heutigen Australien rund 2,22 Millionen Aboriginals und indigene Bewohner. Bild: AP

Studie: Zahl der Aboriginals war vor Kolonialisierung höher als gedacht

18.09.2026, 08:0718.09.2026, 08:07

Die indigene Bevölkerung Australiens war laut einer Studie vor der europäischen Kolonisierung offenbar deutlich grösser als bislang angenommen. Zugleich wird klar, wie drastisch die indigene Bevölkerung danach schrumpfte.

Einer neuen Studie zufolge lebten 1788 im heutigen Australien rund 2,22 Millionen Aboriginals und indigene Bewohner der Torres-Strait-Inseln. 1861 – nur rund 70 Jahre später – waren demnach 93 Prozent dieser Bevölkerung durch die Folgen der Kolonisierung verschwunden. Frühere Schätzungen gingen von 250'000 bis zu einer Million Menschen vor der Ankunft der Europäer aus.

Die Studie eines Forschungsteams verschiedener australischer Universitäten wurde im Fachjournal «Nature Human Behaviour» veröffentlicht. Die Forschenden werteten ethnographische Beobachtungen sowie archäologische und genetische Rekonstruktionen aus und kombinierten diese mit Computermodellen, um zu ermitteln, wie viele Menschen der Kontinent damals ernähren konnte.

Das Team errechnete so eine mittlere Vorkolonialbevölkerung von etwa 2,22 Millionen Menschen beziehungsweise 0,29 Menschen pro Quadratkilometer. Damit liegt die neue Schätzung viel höher als frühere Angaben.

Krankheiten, Gewalt und Vertreibung

Schätzungen gingen lange auf den Anthropologen Alfred Radcliffe-Brown zurück, der in den 1930er Jahren die Zahl der Indigenen vor der Kolonialisierung auf mindestens 250'000 Menschen bezifferte. Die Forschenden halten diese Zahl für deutlich zu niedrig, weil ihren Untersuchungen zufolge die Bevölkerung bereits stark dezimiert war, bevor genauere Zählungen begannen. Radcliffe-Brown war sich laut aktueller Studie dessen bewusst und habe selbst darauf hingewiesen, dass seine Schätzungen höchstwahrscheinlich zu niedrig gewesen seien. Dennoch hätten sich viele Forschende später darauf berufen.

Nach dem neuen Modell war die indigene Bevölkerung bis 1861 auf rund 155'000 Menschen geschrumpft – etwa sieben Prozent der für 1788 geschätzten Zahl. Gründe für den dramatischen Rückgang waren nach Angaben des Forschungsteams vor allem Krankheiten und Gewalt durch die Siedler, aber auch Vertreibung und die damit verbundenen Veränderungen der Lebensweise. Die indigene Bevölkerung Australiens hatte seit jeher eine sehr tiefe Verwurzelung mit dem Land, auf dem sie lebten, auch spirituell. Nun fielen Wanderrouten und Jagdgründe weg, was zum Teil zu Hungernöten führte.

Der Sender ABC berichtet zudem von Massakern als einem weiteren wichtigen Faktor. «Die Dezimierung der indigenen Bevölkerung um 93 Prozent innerhalb von 70 Jahren kann nur als verheerend interpretiert werden», zitierte die ABC den Co-Autor Corey Brasdshaw von der Flinders University. Die indigene Professorin Larissa Behrendt von der University of Technology Sydney sprach von einer «demografischen Katastrophe im Herzen der australischen Geschichte».

Zahl der Indigenen steigt

Seit den 1950er Jahren wächst die indigene Bevölkerung Australiens wieder. Einem Zensus zufolge lag sie 2021 bei etwa 813'000 Aboriginals sowie indigenen Bewohnerinnen und Bewohnern der Torres-Strait-Inseln. Damit erreichte sie rund 37 Prozent der nun geschätzten Bevölkerungszahl der vorkolonialen Zeit. Wenn das Wachstum anhält, könnte sie nach Berechnungen der Forschenden um das Jahr 2047 wieder das damalige Niveau erreichen.

Die Untersuchung soll nach Angaben des Forschungsteams auch zum Verständnis der Folgen der Kolonisierung, von generationenübergreifenden Traumata und zur weiteren Aufarbeitung der australischen Geschichte beitragen. Denn die Ereignisse seit der Ankunft der ersten Siedler prägen das Leben der indigenen Bevölkerung bis heute.

Folgen der Kolonisierung bis heute spürbar

Mit der Ankunft der britischen «First Fleet» (Erste Flotte) in Sydney Cove 1788 begann für die indigene Bevölkerung eine Zeit der Unterdrückung und Diskriminierung. Die Menschen wurden vertrieben und getötet – oder starben an aus Europa eingeschleppten Krankheiten. In der 1901 verabschiedeten Verfassung wurden sie nicht einmal erwähnt.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden zudem indigene Kinder ihren Familien entrissen, um in christlichen Einrichtungen oder bei weissen Familien «umerzogen» zu werden. Die Opfer werden als «Stolen Generations» bezeichnet. Nach Angaben des Australischen Instituts für Gesundheit und Wohlfahrt (AIHW) leiden viele indigene Australierinnen und Australier heute vor allem unter den Folgen von Armut, sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung. Auch gesundheitliche Probleme, etwa durch übermässigen Alkoholkonsum, sind verbreitet. (sda/dpa)

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