US-Forscher entdecken uralte Kanus von verlorener indigener Baukunst
Im Winter friert der Lake Mendota im US-Bundesstaat Wisconsin häufig komplett zu. Dann bildet sich eine einzige, dicke Eisschicht. Während der Sommermonate sind auf dem Wasser hingegen zahlreiche Segelboote zu sehen; manche Menschen nutzen Stand-up-Paddleboards, andere steigen in ein Kajak oder Kanu.
Letzteres Transportmittel hat wohl eine längere Geschichte, als viele Menschen annehmen würden. Am Grund des Lake Mendota haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nämlich eine Reihe von Kanus gefunden, die ein stattliches Alter haben.
Jahrtausendealter Fund
«Wir dachten, es wäre – wenn wir aussergewöhnliches Glück hätten – vielleicht 300 Jahre alt», sagt die Archäologin Amy L. Rosebrough über den Moment, als sie über den Fund eines Kanus im Jahr 2021 informiert wurde. Am Ende stellte sich aber heraus, dass es rund 1200 Jahre alt war. «Alle waren völlig fassungslos», erinnert sich Rosebrough. Dabei war dieses Kanu bei Weitem nicht das älteste.
Bis heute sind 15 weitere Kanus entdeckt worden. Mittels einer Radiokohlenstoff-Datierung gelang es den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, das Alter der Boote zu ermitteln. Das jüngste ist demnach 700 Jahre alt, das älteste 5200 Jahre.
Das bedeutet laut BBC, dass die indigenen Einwohnerinnen und Einwohner Amerikas bereits 4000 Jahre vor Ankunft der ersten Europäerinnen und Europäer auf dem Lake Mendota unterwegs waren – und 400 Jahre, bevor in Ägypten die ersten Pyramiden errichtet wurden. Damit liefern die Funde einen aussergewöhnlich frühen Beleg indigener Geschichte in Nordamerika.
Indigene Gemeinschaft versucht alte Traditionen wiederzubeleben
Der Ho-Chunk Nation helfen die uralten Kanus zudem dabei, ihre eigene Geschichte zu verstehen. Die indigene Gruppe ist vermutlich seit der Zeit um 500 bis 1200 n. Chr. in der Region um den Lake Mendota heimisch geworden.
Die Tradition des Baus von Einbäumen sei innerhalb des Stamms verloren gegangen, erklärt Bill Quackenbush der BBC zufolge. Viele Ho-Chunk seien aus der Region der Grossen Seen vertrieben und gezwungen worden, ihre kulturellen Bräuche aufzugeben. Quackenbush ist Beauftragter für die Bewahrung des historischen Erbes und Leiter der Abteilung für kulturelle Ressourcen der Ho-Chunk Nation.
Seit der Entdeckung der uralten Kanus versucht die Gemeinschaft, wieder alte Traditionen aufleben zu lassen. So wird unter anderem eine Kanu-Tour entlang historischer Wasserwege der indigenen Gruppe organisiert.
Solche Veranstaltungen sollen sowohl die kulturelle Heilung innerhalb der Nation fördern als auch ein breiteres öffentliches Interesse an der Geschichte der Ho-Chunk wecken. Dazu erklärt Quackenbush: «Wir haben immer noch Aspekte unserer Kultur und wir sehnen uns danach, das, was wir verloren haben, wiederzuerlangen.»
