Studie: Tablette gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs ist ein «Game Changer»
Bauchspeicheldrüsenkrebs ist eine der tödlichsten Krebsarten überhaupt. Beinahe neun von zehn Patientinnen und Patienten sterben innerhalb von fünf Jahren nach der Diagnose. Die Hälfte der Betroffenen stirbt sogar innerhalb von nur sieben bis acht Monaten. Der Tumor ist hinterhältig, weil er lange kaum Beschwerden verursacht und damit oft erst spät entdeckt wird. Operiert werden können nach einer Diagnose nur rund 15 bis 20 Prozent der Patienten. Und auch wenn diese Operation gut verläuft, kommt es leider häufig zu Rückfällen. «Etablierte Früherkennungsprogramme gibt es in der Schweiz nicht», sagt Martin Früh, Chefarzt ad interim an der Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie am Kantonsspital St.Gallen.
Nun macht ein Medikament Hoffnung, welches die Überlebenszeit von Bauchspeicheldrüsenkrebs-Patienten gemäss einer aktuellen internationalen Studie verdoppelt. In den USA wird die Tablette Daraxonrasib, die täglich eingenommen werden muss, von Experten bereits als «Game Changer» bezeichnet.
Das RAS-Gen ist ausschlaggebend für das Tumorwachstum
Das Wachstum bei Bauchspeicheldrüsenkrebs wird in etwa 90 Prozent der Fälle durch Veränderungen im sogenannten RAS-Gen angetrieben. RAS ist eine Familie von Eiweissen, die als Wachstumsschalter in den Zellen wirken. «Dieser Signalweg in der Zelle erlaubt Tumoren, rascher als normal zu wachsen und Metastasen zu bilden», erklärt Andreas Wicki von der Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie am Universitätsspital Zürich.
Da setzt das Medikament Daraxonrasib an. Es gehört zur Gruppe der Inhibitoren: Der Wirkstoff blockiert das RAS-Protein und schaltet damit einen wichtigen Wachstumsmotor vieler Krebszellen aus.
Mit Erfolg, wie die internationale Studie mit vorbehandelten Bauchspeicheldrüsenkrebs-Patientinnen und -Patienten zeigt. 500 Erkrankte nahmen teil: Die einen erhielten täglich 300 Milligramm Daraxonrasib, eine Vergleichsgruppe eine Chemotherapie nach Wahl der behandelnden Ärzte. Der Vergleich zwischen den beiden Therapien zeigte, dass die mit dem Wirkstoff behandelten Patienten deutlich länger überlebten.
«Wirkstoff ist ein klarer Fortschritt»
«Das Gesamtüberleben bei Bauchspeicheldrüsenkrebs erhöhte sich von rund 7 auf 13 Monate», sagt Wicki. Dies gelte allerdings für eine Zweitlinientherapie, also nachdem eine vorherige erste Therapie versagt hat. «Bei einigen Tumorarten, wie in diesem Fall dem Bauchspeicheldrüsenkrebs, ist der Wirkstoff ein klarer Fortschritt», sagt Wicki. «Da RAS vorher als schwierig zu behandelndes biologisches Ziel gegolten hat, ist das eine bemerkenswerte Entwicklung.»
Im Stadium, in dem Daraxonrasib eingesetzt wird, bestehe keine Heilungsmöglichkeit, sagt Martin Früh. Aber das Medikament zeige eine für diese Krebsart ungewöhnlich grosse Verbesserung gegenüber der Chemotherapie. Und stelle deswegen einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zur Verbesserung der Prognose dar.
In der Schweiz ist das Krebsmedikament nicht zugelassen und es gibt auch noch keinen Zulassungsantrag, wie die Arzneimittelbehörde Swissmedic erklärt. Aufgrund der vorliegenden Studiendaten rechnet Martin Früh jedoch damit, dass das Medikament künftig auch hier verfügbar wird. Zunächst dürfte es für Patienten eingesetzt werden, deren Tumor trotz einer ersten Behandlung weiterwächst oder erneut aktiv wird.
In den USA existiert bereits ein Programm, das schwer kranken Patienten eine Behandlung vor der Zulassung ermöglicht. Ein solches Angebot gibt es in Europa bislang nicht. «Wir hoffen, dass dies in einigen Monaten auch in Europa und der Schweiz möglich wird», sagt Früh.
Der Onkologe geht davon aus, dass voraussichtlich bis Ende 2026 am Kantonsspital St.Gallen eine klinische Studie beginnen wird, in der Daraxonrasib in einer Erstlinientherapie getestet wird.
Zurzeit können Patienten Daraxonrasib nur im Rahmen klinischer Studien erhalten. «Auch wir haben Zugang zum Medikament in Studien, aber nicht aktuell beim Bauchspeicheldrüsenkrebs», sagt Früh. So untersucht eine klinische Studie in St.Gallen, Basel und Freiburg die Wirkung des Medikaments Daraxonrasib bei Menschen mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs, deren Tumor eine Mutation in diesem RAS-Gen aufweist. Solche genetischen Veränderungen zählen zu den häufigsten Ursachen für die Entstehung von Lungenkrebs.
Auch das Unispital Zürich hat eine Reihe von Studien mit solchen RAS-Inhibitoren. «Daraxonrasib ist aktuell nicht dabei, aber andere, ähnliche Substanzen», sagt Wicki. Die Anzahl von Medikamenten, welche gegen RAS entwickelt werden, sei erheblich. «Wir erwarten, dass in den nächsten Jahren eine grössere Anzahl von Medikamenten in klinischer Testung sein wird.»
So hält Wicki es für möglich, dass Daraxonrasib auch gegen andere Krebsarten eingesetzt werden könnte. «RAS-Mutationen sind häufige Ereignisse bei Tumoren und deshalb gibt es viele Krebsarten, die potenziell von einer Behandlung mit Daraxonrasib oder anderen RAS‑Inhibitoren profitieren könnten», sagt der Zürcher Onkologe.
Denn leider seien bereits Resistenzen gegenüber dem Wirkstoff bekannt. «Das heisst, in aller Regel passt sich der Tumor über die Zeit an den Wirkstoff an und entwickelt neue Wege, wie er weiterwachsen kann», sagt Wicki. (schweizheute.ch)

