Sie überlebte zweimal Krebs: Kylie Minogues Netflix-Doku tut so weh – und so wohl
Die Geschichte des Popstars Kylie Minogue beginnt atemlos. Als Zufall. Und als Märchen. Eines Tages im Jahr 1987 marschiert eine nur 153 Zentimeter grosse Australierin in London in das Büro der Hitfabrik. Also ins Büro von Stock Aitken Waterman (SAW). Sie kommt vom Flughafen, sie hat exakt zweieinhalb Stunden lang Zeit und sie will einen Song aufnehmen. Keiner bei SAW kennt sie.
Aber Hitfabrik ist Hitfabrik, Peter Waterman setzt sich schnell hin, schustert was zusammen, es heisst «I Should Be So Lucky», Kylie Minogue stellt sich ans Mikro, singt, fertig, ab nachhause. Langsam dämmert den Londonern, wen sie da im Studio stehen hatten, nämlich einen australischen Soap-Superstar, den gerade ALLE Teenies in England und Amerika feiern, die Charlene oder Charlie aus «Neighbours», die immer so patent in Latzhose an Autos herumschraubt. Prinzessin Diana persönlich hat schon bei der BBC zwei verpasste «Neighbours»-Folgen bestellt.
Es ist ein wahrer Schatz, auf den Netflix mit seiner dreiteiligen Kylie-Minogue-Dokumentation gestossen ist. Erstens ist da endlich einmal ein Star, der sich so verhält, wie das etwa Victoria Beckham oder Melania Trump nicht getan haben, nämlich ehrlich, uneitel, selbstironisch und selbstkritisch. Zweitens sind da Weggefährten wie Peter Waterman, die noch so gerne und filterfrei reden, besonders all die enorm lustigen Australierinnen und Australier. Und selbstverständlich gibt es Berge von Archivmaterial, dazu Minogues eigenes, von Super-8-Filmen, Fotos, Tagebüchern und Fanpost nur so überquellendes Archiv. Genau so müssen Celebrity-Porträts sein. So menschlich, so reich, so unterhaltsam, so unzensiert. Man muss sehr oft lachen. Und dann wieder weinen.
«I Should Be So Lucky» wird zum Erdbeben, plötzlich ist Kylie Minogue ein Weltstar, abwechslungsweise dreht sie eine Folge Soap, fliegt schnell zu Aufnahmen nach London oder zu Auftritten nach Spanien oder Japan, verkauft mehr Tonträger als jede andere Frau auf der Welt. Im derben britischen Satireformat «Spitting Image» wird sie zu einer festen Figur beziehungsweise Puppe, die Presse schimpft sie einen «singing budgie», einen singenden Wellensittich, und nennt sie «mechanisch, wertlos, bedeutungslos». All das spielt sich innerhalb weniger Monate ab.
Zuhause wartet ihr Boyfriend Jason und ist neidisch auf sie. Er heisst mit ganzem Namen Jason Donovan und spielt auch in «Neighbours» ihren Boyfriend und später den Ehemann. Auch er wird seinen Plattenvertrag noch kriegen.
Kylie Minogue kommt aus einem musikbegeisterten Haushalt, der Vater ist ein Jazz liebender Buchhalter, Popmusik ist für ihn das Letzte, was er hören würde. Doch er hat bereits eine Popstar-Tochter, Kylies Schwester Dannii ist in Australien schon längst ein Riesenstar, für Kylie reicht es erst mit 19, sie gilt als weniger hübsch, deshalb arbeitet sie jahrelang «nur» als Schauspielerin.
Jason würde Kylie gerne heiraten. Doch Kylie möchte lieber Michael heiraten. Zu beiden Hochzeiten kommt es nie. Michael ist Michael Hutchence von INXS, sexy, very bad, voller Selbstvertrauen, er gilt als DAS Sexsymbol Australiens, und nach einem INXS-Konzert 1989 werden Kylie und er vom Flammenwerfer der Liebe versehrt. Jason ist dabei, als es geschieht.
Wenn Jason Donovan und Kylie Minogue heute von dieser zum Erbrechen intensiven Zeit erzählen, haben beide Tränen in den Augen. Er, weil der ganze Liebeskummer wieder in ihm hochsteigt: «Love hurts, mate.» Sie, weil sie mit keinem Mann jemals wieder so glücklich war wie mit Michael: «Ich fühlte mich wie ein Juwel.»
Ein Juwel ist hochwertig. Und zu wertvoll für schnöden Pop. Jedenfalls redet Michael ihr dies ein. Alles an ihr muss wilder werden, die Musik und das Image. Das Resultat ist schliesslich derart verrucht, dass ihr ein TV-Moderator vor laufender Kamera ins Gesicht sagt, es sei, als habe sich «Mary Poppins in eine Prostituierte verwandelt». Sie ist 22. Die Anfeindungen sind knallhart. Sie bleibt freundlich, höflich, zuversichtlich. Ein Jahr später ist die Liebe mit Michael Hutchence am Ende und wieder sechs Jahre später ist er tot, bei einem angeblich autoerotischen Unfall erstickt.
Gut zehn Jahre lang sucht Kylie Minogue nach sich selbst und ihrer Musik, was für sie eins ist, denn nur wenn sie auf der Bühne steht, nur wenn sie mit ihren Fans kommunizieren kann, ist sie glücklich. Oder zuhause in Australien mit ihren Eltern und Dannii.
Der Mensch, der ihr in jenen Jahren am meisten hilft, ist ein anderer Australier, womöglich ist er noch düsterer als Michael Hutchence: Ausgerechnet der elf Jahre ältere, schwermütige Nick Cave also wird zum besten Freund, den sich Kylie Minogue wünschen kann. «Sie hatte alles, sie zog die Massen an, aber sie hatte Glaubwürdigkeit», sagt er heute, «ich hatte Glaubwürdigkeit, aber sonst nicht viel.» Und weil er sie mag, schreibt er für sie beide 1996 das Lustmörder-Duett «Where the Wild Roses Grow». Die Kylie-Minogue-Gemeinde schnappt nach Luft: So gespenstisch und unheimlich kann die Popprinzessin singen und sein?
Sie möchte gern ein Indie-Star werden. Er versucht, sie dabei sanft zu begleiten und zu leiten, sie stösst immer wieder an ihre Grenzen. Texte schreiben etwa kann sie so schlecht, dass ihr neues Label, bei dem sie unter Vertrag ist, sie samt ihrem Album «Impossible Princess» rausschmeisst. Schliesslich sagt ihr Cave, was sie jahrelang nicht hören wollte, nämlich dass ihre wahre Wunderwaffe der Pop sei und sie ein gewaltiger Lichtstrahl, und dass es für sie mit ihren Megawatt-Qualitäten wirklich keinen Sinn mache, sich in der dunklen Krümel-Ecke der Indie-Musik herumzutreiben.
Den Rest kennen wir: goldene Hotpants, prächtige Inszenierungen, pompös-geschmeidige Hymnen wie «Can't Get You Out of My Head», «Spinning Around», «Slow», «Your Disco Needs You», «Padam Padam» … Ein nicht mehr versiegender Strom aus Hits. Und dazwischen: der Krebs. Und noch einmal der Krebs.
Die erste Brustkrebsdiagnose erhält sie 2004. Sie ist jetzt 36, sie schiebt Operation, Bestrahlung und Chemotherapie zuerst ein paar Monate lang auf, weil sich plötzlich ein verzweifelter Kinderwunsch in ihr regt, zudem beginnt ihre riesige Welttournee und ihr erstes Konzert in Glastonbury steht bevor. Aber natürlich ist das unvernünftig, im Mai 2005 wird sie in Melbourne operiert, die Tournee wird abgesagt, Dutzende von Paparazzi belagern ihr Elternhaus und versuchen, das Spitalpersonal zu bestechen, um an Fotos zu kommen. In Glastonbury singt Coldplay extra für sie «Fix You».
18 Monate später setzt sie ihre Tournee fort, gegen 50 Konzerte, die Anstrengung ist übermenschlich, die Aufnahmen von den Proben, bei denen sie einen Weg zurück sucht, zurück in ihren Bühnenkörper und in ihre Stimme, sind herzzerreissend. Sie ist schwach, sie hat Schmerzen, viele Muskeln funktionieren nicht mehr, doch ihr Ziel ist klar, es gibt genau einen Ort, an den sie zurück will: zu ihrem Publikum. Immerimmer mit dabei: Mutter und Schwester. Dannii hat ein paar deutliche und eiskalte Worte für den Umgang der Medien mit Kylie übrig.
Die zweite Krebsdiagnose folgt im Frühjahr 2021, jetzt schafft sie es, dass nichts nach aussen dringt, es ist auch nicht so schwierig, denn keine Tournee muss abgesagt werden, die Pandemie kommt ihr zugute.
Für Netflix erzählt sie dies zum ersten Mal, darüber gesungen hat sie mit grosser Wahrscheinlichkeit schon einmal. 2024 trat sie an einer Frauentags-Feier in Los Angeles mit Madonna zusammen auf, die beiden sangen «I Will Survive» von Gloria Gaynor, und Madonna betonte so innig, dass Kylie selbst ein «Survivor» sei, dass sie damit wohl kaum Kylies frühere Erkrankung gemeint haben konnte. Es steckt viel Überlebenskraft in Kylie Minogue. Und sehr viel sehr ansteckende Lebensfreude.
Kylie heisst auf Australisch übrigens so viel wie Bumerang. Dieses gekrümmte Holz, das man so weit weg werfen kann, wie es nur geht, und es kommt immer wieder zurück.
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