Neutralität schützt vor Krieg? Belgien weiss es besser
Seit Wochen ist die Schweiz mit Plakaten zugepflastert, die eine simple Botschaft vermitteln: «Kein Krieg. Ja zur Schweizer Neutralität.» Daneben sieht man eine Friedenstaube. Es ist das Hauptargument, mit dem Christoph Blocher und Konsorten für die Neutralitätsinitiative werben: Die Neutralität helfe der Schweiz, nicht in Kriege hineingezogen zu werden.
Oberflächlich betrachtet leuchtet dies ein: Seit mehr als 200 Jahren hat die Schweiz keinen Krieg erlebt. Sie blieb in beiden Weltkriegen verschont. Andere aber kamen weniger glimpflich davon. «Wir kennen aus der Geschichte zahlreiche Staaten, deren Neutralität im Angriffsfall nicht respektiert wurde», sagte der Historiker Sacha Zala gegenüber «CH Media».
Blocher kümmert dies nicht. «Neutralität von Fall zu Fall wird nicht ernst genommen», lässt sich der SVP-Doyen in der breit gestreuten Abstimmungszeitung zitieren. Dabei gibt es ein Beispiel, das sich für einen Vergleich bestens eignet: Die Neutralität Belgiens erfolgte nicht «von Fall zu Fall», sondern war wie jene der Schweiz am Wiener Kongress 1815 völkerrechtlich verankert.
Sie basierte auf dem Vertrag von London, der 1830 vereinbart wurde. Im gleichen Jahr hatten sich die katholischen Regionen Flandern und Wallonien von den mehrheitlich protestantischen Niederlanden losgelöst. In besagtem Abkommen anerkannten Europas Grossmächte das neue Königreich Belgien als unabhängigen und neutralen Staat.
Der Schlieffen-Plan
Zu den Unterzeichnern gehörte der Deutsche Bund unter der Vorherrschaft Preussens, der Vorläufer des nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 gegründeten Kaiserreichs. Damals hatten die Deutschen die Neutralität Belgiens noch respektiert, doch im Hinblick auf den unvermeidlichen nächsten Krieg änderte sich dies radikal.
Weil die Franzosen nach ihrer Niederlage einen Festungsgürtel im Norden des Landes errichtet hatten, sah der von Generalfeldmarschall Alfred von Schlieffen 1905 entwickelte Angriffsplan einen Vormarsch der deutschen Armee durch Belgien in Richtung Paris vor. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 3. August 1914 wurde er in die Tat umgesetzt.
Vom Widerstand überrascht
Die Neutralität Belgiens wurde dabei nicht nur vorsätzlich gebrochen. Die Deutschen gingen davon aus, dass die Belgier sie ungehindert nach Frankreich durchmarschieren liessen. Und waren dann völlig überrascht, dass die belgische Armee trotz offenkundiger Unterlegenheit erbitterten Widerstand gegen die deutsche Kriegsmaschinerie leistete.
Aufhalten konnte sie diese kaum, aber sie trug dazu bei, dass aus einem Bewegungs- schon früh jener zermürbende Stellungskrieg wurde, der den Ersten Weltkrieg prägen sollte. Die Deutschen reagierten heftig auf den Widerstand. Es kam zu Kriegsverbrechen an der belgischen Zivilbevölkerung und der Zerstörung ganzer Ortschaften.
Neutralität nur ein «Fetzen Papier»
Besonders übel trieben sie es in der mittelalterlichen Stadt Leuven (französisch Louvain, deutsch Löwen). Dort wurde etwa die berühmte Universitätsbibliothek mit unersetzlichen Büchern und Handschriften niedergebrannt. Die Empörung vor allem in Grossbritannien und den USA war riesig, nicht zuletzt wegen des eklatanten Bruchs der belgischen Neutralität.
Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg goss Öl ins Feuer, indem er den Vertrag von London als «Fetzen Papier» bezeichnete. Ein weiterer Tiefpunkt war ein Manifest von 93 Wissenschaftlern, Künstlern und Schriftstellern, in dem diese die Verletzung der Neutralität leugneten und Deutschland als Opfer darstellten.
«Rape of Belgium»
Für das Image der Kulturnation Deutschland jedenfalls waren der Angriff und vor allem die Zerstörung Leuvens ein Desaster. Mit dem «Rape of Belgium» wurden Briten und Amerikaner auf den Krieg eingestellt. Die ««Daily Mail» sprach von einem «Holocaust» in Leuven, die deutschen Soldaten wurden als Hunnen und damit als Barbaren bezeichnet.
Der grösste Teil Belgiens musste sich letztlich ergeben, doch ein kleines Stück im Westen entlang der sogenannten Yser-Front konnte bis Kriegsende mit britischer und französischer Unterstützung gehalten werden. Dank dem unbesetzten Teil konnte Belgien seine staatliche Souveränität behaupten, doch die Neutralität hatte das Königreich nicht geschützt.
Die Schweiz hatte Glück
Galt dies wenigstens für die Schweiz, die im Ersten Weltkrieg verschont wurde? Keineswegs, sie spielte in den deutschen Kriegsplänen durchaus eine Rolle. Zwei Gründe gaben den Ausschlag, warum sie nicht angegriffen wurde, und sie hatten wenig mit der Neutralität zu tun. In erster Linie halfen ihr die geografische Lage und die Topografie.
Ein Vormarsch nach Frankreich über den Jura wäre für die deutsche Armee schwierig und der Weg nach Paris sehr weit gewesen. Die Schweizer Armee hatte beim Staatsbesuch des deutschen Kaisers Wilhelm II. 1912 zudem in einem Manöver ihre Kampfbereitschaft demonstriert. Hinzu kam, dass die Deutschschweiz überwiegend deutschfreundlich eingestellt war.
Blochers germanophilier Opa
Ein lautstarker Verfechter dieser Germanophilie war ein evangelischer Pfarrer namens Eduard Blocher – der Grossvater von Christoph. Er scheint das mit der Neutralität nicht so eng gesehen zu haben wie der Enkel. Ohnehin kam die Schweiz nicht ihretwegen unbeschadet davon, sondern vor allem dank Glück und weil sie den Nazis im Zweiten Weltkrieg als unbesetztes Land mit eigener harter Währung nützlich war.
Die Belgier hatten dieses Glück nicht. Sie wurden auch im Zweiten Weltkrieg 1940 von den Deutschen besetzt. Gleiches galt für die Niederlande, die von 1914 bis 1918 unversehrt geblieben waren und sich einseitig für neutral erklärt hatten. Das Grossherzogtum Luxemburg hatte in beiden Weltkriegen gegen die Deutschen ohnehin nichts zu bestellen.
Die drei Benelux-Staaten zogen nach dem Zweiten Weltkrieg die Konsequenzen: Sie liessen die Neutralität sausen und wurden zu Gründungsmitgliedern der NATO und der heutigen Europäischen Union. Andere Länder, die mit der Neutralität ebenfalls schlechte Erfahrungen gemacht hatten, taten es ihnen gleich, etwa die drei baltischen Republiken.
Zuletzt traten Finnland und Schweden nach dem russischen Überfall auf die Ukraine der NATO bei. Für die Schweden war es ein epochaler Schritt, denn sie waren wie die Schweiz in den beiden Weltkriegen verschont geblieben. Eine grosse Mehrheit der Bevölkerung aber erkannte, was manche bei uns nicht wahrhaben wollen: Neutralität schützt nicht vor Krieg.
- Blocher sieht Schweizer Neutralität durch Bundesbern gefährdet
- Neue Umfrage: Neutralitätsinitiative droht klares Nein – vor allem bei diesen Personen
- «Die Meinungen sind gemacht» – das sagt ein Politologe zur Abstimmungsumfrage
- Zwei Millionen für die Kampagne – doch am Abstimmungssonntag schwänzt Blocher
