DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Der Leuchter in der Kirche von Rothenthurm, wo er seit 1995 den Innenraum verschönert.
Der Leuchter in der Kirche von Rothenthurm, wo er seit 1995 den Innenraum verschönert.
Bild: Michael van Orsouw

Napoleons Kronleuchter: Jerusalem in Rothenthurm

Dies ist die Geschichte eines politischen Flüchtlings in der Schweiz, der er es zum Kaiser Frankreichs brachte. Und auf seinem Weg einige Spuren hinterliess. Auch solche, die bis heute hell leuchten.
06.06.2021, 19:34
Michael van Orsouw / Schweizerisches Nationalmuseum

Die Kirche Rothenthurm St.Antonius steht quer zur Landschaft und zur Hauptstrasse: Der hohe Giebel wirkt wie ein gebauter Riegel im Hochtal, der 65 Meter hohe Turm ist unübersehbar. Eine immense Länge des Kirchenbaus von 57 Metern weist das Gotteshaus auf, denn die Rothenthurmer Kirche sollte, so die Legende, grösser werden als jene in Schwyz. Und das soll sie sein, denn man sagt, sie überrage die nahe Konkurrenz genau um einen Fuss.

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum
Mehrmals wöchentlich spannende Storys zur Geschichte der Schweiz: Die Themenpalette reicht von den alten Römern über Auswandererfamilien bis hin zu den Anfängen des Frauenfussballs.
blog.nationalmuseum.ch

Ebenso wenig zu übersehen ist auch der Kronleuchter, der im Innern der Kirche hängt: Er ist über fünf Meter hoch und hat einen Durchmesser von vier Metern! Das ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zuerst ist der Leuchter viel älter als die Kirche, er stammt nämlich von 1865, während die Kirche erst 1940 ihre Einweihung erlebte. Doch das ist nicht aussergewöhnlich und kommt in vielen Kirchen hierzulande vor, dass ein Altar, ein Bild oder eine Skulptur viel älter ist als das Gebäude.

Ansichten der Kirche St.Antonius in Rothenthurm.
Ansichten der Kirche St.Antonius in Rothenthurm.
Bild: Michael van Orsouw
Bild: Michael van Orsouw

Aussergewöhnlich ist hingegen die Geschichte des Leuchters. Er ist quasi kaiserlich geadelt. Denn der französische Kaiser Napoleon III. schenkte das Schwergewicht 1865 dem Kloster Einsiedeln. Nur, was hat ein französischer Kaiser mit einem Schweizer Regionalkloster zu tun? Mehr, als man vermuten würde! Denn der Kaiser war in jungen Jahren – damals 1815 – mit seiner Mutter auf der Flucht. Louis Napoléon, wie er vormalig hiess, war nach dem Fall seines Onkels Napoléon Bonaparte ohne festen Wohnsitz und ohne klaren Plan am Umherirren: Es kommt einem die biblische Weihnachtsgeschichte in den Sinn.

Das ist reichlich übertrieben, denn Hortense und ihr Prinz Louis-Napoléon sind zwar Verbannte, aber haben doch einiges mehr als nur einen Esel und Stall zur Verfügung, nämlich drei Kutschen für sich, ihre Bediensteten und das Gepäck. Bevor sie sich für kurze Zeit in Konstanz und dann für Jahre in Salenstein im Thurgau niederlassen, finden die französischen Flüchtlinge für ein paar Tage Unterschlupf im Kloster Einsiedeln. Dafür sind sie ewig dankbar.

Herrenporträt von Kaiser Napoleon III.
Herrenporträt von Kaiser Napoleon III.

Der Kaiser spricht Thurgauer Dialekt

1865 kehrt Louis-Napoléon als Kaiser von Frankreich in die Schweiz zurück. Es ist ein triumphaler Empfang, der zu Ehren des einstigen Flüchtlings in seiner alten Heimat am Bodensee geboten wird: Bollerschüsse annoncieren den freudigen Besuch, der Salensteiner Männerchor bringt ein Ständchen, Triumphbögen schmücken die Strassen, ein grosses Feuerwerk erhellt den Nachthimmel.

Napoleon III. freut sich, mit dem Thurgau «den Ort der glücklichen Jugendzeit» wiederzusehen und füllt auf Schloss Arenenberg eigenhändig die Kelche seiner Gäste mit Champagner. Er verteilt Auszeichnungen, schüttelt volksnah die Hände des jubelnden Publikums und spricht mit den Gästen in bestem Thurgauer Dialekt, den er noch immer beherrscht.

Auch die «Konstanzer Zeitung» schwingt sich angesichts des kaiserlichen Besuchs zu poetischen Höhen empor: «Wie ein unberechneter Komet kam er blitzeschnell mit Dampfesflügeln dahergefahren, einen Schweif von Hofleuten und Mouchards hinter sich herziehend, und ist, nachdem man sich kaum vom Erstaunen erholt hatte, eben so geschwind wieder verschwunden, einen Goldregen über Arenenbergs Umgebung sprühend ...» Tatsächlich beschenkt der Kaiser die drei Kirchgemeinden mit insgesamt 30'000 Franken zugunsten der Armen in der Gegend.

Das Schloss Arenenberg im thurgauischen Salenstein, 1922.
Das Schloss Arenenberg im thurgauischen Salenstein, 1922.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Weiter geht die Reise nach Einsiedeln, zum Kloster, das ihm und seiner Mutter einst Zuflucht geboten und wo er seine Erstkommunion empfangen hat. Der Kaiser beschenkt das Kloster mit dem prächtigen, vergoldeten Kronleuchter. Damit ist also der Bezug zwischen Einsiedeln und dem Kaiser geklärt. Aber Einsiedeln ist nicht Rothenthurm. Wie kommt also der Leuchter dorthin?

Zunächst kommt das meisterhafte Werk aus der Pariser Goldschmiedewerkstatt von Louis Bachelet in den Predigtraum der Stiftskirche Einsiedeln, auch wenn der Leuchter nicht richtig in die barocke Welt der Klosterkirche passt. Zudem verdeckt er die freie Sicht auf die kunstvollen Deckenmalereien. Aber ein kaiserliches Geschenk, das schon damals einen ungemein hohen Wert von rund 40'000 Franken hat, will man nicht einfach verschmähen.

Druckgrafik des Klosters Einsiedeln aus dem 19. Jahrhundert.
Druckgrafik des Klosters Einsiedeln aus dem 19. Jahrhundert.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Nach 88 Jahren ist dann aber genug: Das Kloster Einsiedeln schickt den gewichtigen Leuchter – immerhin 1200 Kilogramm schwer! – in den Ruhestand. Der Leuchter wird demontiert, in Teile zerlegt und nach Arth verkauft. Damit ist der Rothenthurmer Teil der Geschichte noch immer nicht erklärt. Dafür erhellt der zwei Meter hohe Innenteil des Leuchters jetzt während Jahrzehnten eine private Wohnstube. 1976 wird der Arther Arzt Norbert Kamer dorthin gerufen. Er sieht das prächtige Stück und erinnert sich daran, dass er den Leuchter seinerzeit in der Klosterkirche gesehen hat, damals als Klosterschüler. Kamer kauft daraufhin den Leuchter seinem sehr überraschten Patienten ab.

Der Arzt lässt den Leuchter zerlegen, in 35 Jutesäcke verpacken und mit Ross und Heuwagen in seinen Keller transportieren. Kamer lagert ihn während fast 20 Jahren ein. Als der Schwyzer Denkmalpfleger Markus Bamert 1992 die Kirche Rothenthurm restauriert, erinnert er sich an den eingelagerten Leuchter. In einer Scheune lässt er den Leuchter probehalber aufhängen, erstellt Fotomontagen und überzeugt schliesslich die Kirchgemeinde Rothenthurm, dem kaiserlichen Leuchter ein Asyl zu geben. Die Einsiedler gaben einst dem Kaiser ein Obdach, die Rothenthurmer jetzt seinem Leuchter.

Blick auf Rothenthurm, um 1921.
Blick auf Rothenthurm, um 1921.
Bild: ETH Bibliothek Zürich

Der Leuchter weist drei Stücke auf und 96 Leuchtstellen. Stilistisch mahnt er an mittelalterliche Radleuchter. Drei Ringe tragen ein Tempelchen im Innern des Leuchters, sogenannte Tempietto, die sich ikonografisch auf die Grabesrotunde in Jerusalem beziehen. In einem Schmelzüberzug aus Email sind verschiedenfarbige pflanzliche Motiven sowie transparente Gläser eingelassen. Der Leuchter hängt an einer geschmiedeten Eisenstange, die im Gewölbe des Kirchendachs befestigt ist. Weil der Leuchter so schwer ist, mussten die Zimmerleute den Dachstuhl massiv verstärken!

Nach der Fertigstellung der Renovation 1995 entdeckte Denkmalpfleger Bamert eine Entwurfszeichnung für vier Leuchter in der Kirche St.Antonius: Es waren Miniaturversionen des kaiserlichen Leuchters. Sie wurden nie realisiert.

Die Royals kommen
13.03.2021 03.10.2021
Forum Schweizer Geschichte Schwyz
Die Schweiz kennt keine royale Tradition, hatte nie einen König oder eine Königin. Dennoch begeistern sich die demokratischen Schweizerinnen und Schweizer für die Geschichten der Königshäuser. Das zeigt sich am frenetischen Jubel bei Besuchen von gekrönten Häuptern. Die Ausstellung erzählt Schweizer Geschichten der Royals und zeigt seltene Erinnerungsstücke ihrer Reisen.
>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch
watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Jerusalem in Rothenthurm» erschien am 2. Juni.
blog.nationalmuseum.ch/2021/06/napoleons-kronleuchter
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

History Porn Teil LXVI: Geschichte in 27 Wahnsinns-Bildern

1 / 29
History Porn Teil LXVI: Geschichte in 27 Wahnsinns-Bildern
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Lausbuben attackieren den König von Thailand

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Wenn Kantonswappen ehrlich wären – die komplette Edition

Vor ein paar Jahren, watson hatte nur ein paar Freak-Leser (Danke, Freak-Leser!), publizierten wir eine Auswahl an «ehrlichen» Kantonswappen. Die Story fand derart guten Anklang, dass wir ein Sequel produzierten – für ganz alle Kantone reichte es aber nie.

Nun fragten uns vor wenigen Tagen die Lehrlinge der Firma Hoffmann Neopac AG, die einen Webshop mit bedruckten Blechdosen (Korrektur: Hier stand vorher Aluminiumdosen) betreiben, an, ob sie die Sujets für eine 1.-August-Sonderedition …

Artikel lesen
Link zum Artikel