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So leben also die Reichen – Entdeckungsreise durch ein Luxuscasino

bild: unsplash

30.06.17, 14:23 02.07.17, 15:05

Mit ein paar Freunden gehe ich in Perth ins Casino, welches sich in einem luxuriösen Hotelkomplex abseits des Stadtzentrums befindet.

Das Crown Casino in Perth in seiner bunten Pracht. bild: gregor stäheli

Ich gehe nicht sehr oft in Casinos. Das letzte Mal war vermutlich in Las Vegas.

Casinos sind eine eigene, verrückte Welt: rund um die Uhr geöffnet, immer die gleiche Musik, das gleiche Licht und die gleichen seltsamen Gestalten. Dies alles lässt die Spielenden Raum und Zeit vergessen und in diese Atmosphäre einsinken.

Am meisten mag ich den Kontrast an Leuten. Die einen laufen in nobelster Abendgarderobe rum, als kämen sie direkt von der Oper, und die anderen sehen aus, als wären sie einer RTL-Doku-Soap entflohen. Ich bin vermutlich etwas dazwischen.

Während des Glücksspiels entwickeln sich bei einigen Leuten je nach Glücks- oder Pechsträhne kleine abergläubische Rituale.

Bei mir natürlich nicht ...

Mit der kleinen Ausnahme, dass ich ausschliesslich Black Jack spiele, weil ich Roulette-Tischen nicht vertraue. Und auch dann nur, wenn das Spiel von einer Asiatin mittleren Alters geführt wird, ich am dritten Platz von rechts sitzen kann und mindestens ein betrunkener Russe mit viel Geld am Tisch sitzt – ganz normale Präferenzen eben.

Während ich und mein Freund Jake unser Geld verlieren, verschwinden meine Mitbewohner Chris und Josh für eine Weile und kehren ganz aufgeregt zurück. 

«Greg, du musst mitkommen. Wir haben ganz viele komische Gänge entdeckt. Das Hotel ist riesig!»

Ich gehe mit ihnen mit. Wir verlassen den Casinobereich und laufen durch die Lobby in eine grosse Halle mit Lounges, einer Bar und einigen Restaurants. Überall hat es Gänge, die an einen neuen Ort führen.

Wir verlassen das Casino, um den Rest des Luxuskomplexes zu erkunden. bild: gregor stäheli

An dieser Stelle muss ich bekräftigen, dass ich nicht zum ersten Mal ein schickes Hotel von innen gesehen habe. Zwar bin ich nie als Gast in so einem, aber manchmal mache ich mir einen Spass daraus, in der Lobby rumzustehen und die Welt der Superreichen zu beobachten, die sich mir (hoffentlich) nie erschliessen wird.

Chris und ich stossen in der Baum-Halle mit unseren imaginären Gläsern auf unseren inexistenten Reichtum an. Prost! bild: gregor stäheli

Doch dies ist was komplett anderes. Dieses Gebäude ist weit mehr als nur ein Luxushotel. Die Anlage scheint unendlich und bizarr, sowas habe ich noch nie erlebt.

Unsere Entdeckungstour beginnt in dieser riesigen Halle. Sie wirkt wie ein Innenhof, ist aber überdacht. bild: gregor stäheli

Ich fühle mich in die Kindheit zurückversetzt, denn all meine liebsten Abenteuergeschichten kommen mir in den Sinn: Die Schatzinsel, Indiana Jones, Die Reise zum Mittelpunkt der Erde, TKKG und so weiter. Nun bin ich mit Josh und Chris auf Entdeckungstour – wie die drei Fragezeichen!

Wir laufen einen Korridor nach dem nächsten entlang. Jeder ist seltsamer und unheimlicher als der vorherige. Der erste erinnert mich an «The Shining». «Jetzt kommt dann bald dieser Bengel auf seinem Dreirad um die Ecke», fährt es mir durch den Kopf.

Schon bald sind alle Gänge wie ausgestorben. bild: gregor stäheli

Der nächste Gang ist auf beiden Seiten mit lauter Kerzen bestückt. An den Wänden befinden sich kleine Fenster. Jenseits des Glases sind Weinregale aufgestellt. Ein paar Fenster weiter hängen präparierte Schweinskadaver am Haken von der Decke. Es handelt sich dabei um den Kühlraum eines Restaurants ... Hoffentlich! Es sieht aus wie in einer gruseligen Erlebnisbahn im Europapark.

Der Gruselkorridor mit der Kerzen-Allee und den ausgestellten Tierkadavern hinter den Fenstern (zum Glück hier nicht im Bild). bild: gregor stäheli

Wir sind nur wenige Minuten vom lebhaften Casino weg, doch hier ist alles wie ausgestorben. Keine Menschenseele ist weit und breit zu sehen oder zu hören. Weder Schickimicki-Gäste noch Serviceangestellte oder Sicherheitspersonal. Wir sind komplett alleine. Wir sollten schon lange umkehren, doch die Neugier zieht uns weiter in diesen surrealen Hotelkomplex hinein.

Foyer nach Foyer, Flur nach Flur, Korridor nach Korridor. Im nächsten Raum steht ein Baum, mitten in einer Halle, einfach so.

Ein Indoor-Baum. Kann man mal machen. bild: gregor stäheli

Solche Lounges finden wir unzählige, allesamt sind unbewohnt. bild: gregor stäheli

Und hier pieseln die Royals, falls ihr euch gewundert habt. bild: gregor stäheli

Die Gänge werden langsam unheimlicher. Josh späht um die Ecke. bild: gregor stäheli

Im darauffolgenden Gang hat es unzählige riesige Holztüren auf beiden Seiten. Zu unserem Schrecken öffnet sich eine davon wie von Geisterhand ein wenig und schliesst sich dann polternd wieder. «Lass dies bitte nur der Durchzug sein», sagt Josh zu mir mit etwas verunsichertem Blick. Chris steckt mutig seinen Kopf durch den Türspalt. Dahinter befindet sich ein Raum voller nichts, was das Ganze nicht minder gruselig macht.

Die Geistertür, die sich von selbst bewegt. Chris schaut mal rein. bild: gregor stäheli

Wir eilen weiter auf eine dicht bewachsene Terrasse mit herrlicher Aussicht auf den Nachthimmel.

Die bewachsene Terrasse. Wer zündet eigentlich all diese Kerzen an? Hier ist NIEMAND. bild: gregor stäheli

Nach einer kurzen Pause geht es weiter im Fünf-Sterne-Labyrinth. Einen weiteren Gang, eine weitere Halle.

Ich sehe kein Ende dieser Korridore. bild: gregor stäheli

Insgesamt sind wir etwa eine Stunde auf unserer Entdeckungstour, bis uns der Weg wieder zurück zur Zivilisation führt.

Dies sieht zum ersten Mal etwas mehr nach tatsächlichem Hotel aus. bild: gregor stäheli

Ich habe bisher noch nie so viel Gefallen daran gefunden, wahllos durch Gänge zu wandern. An diesem Abend habe ich darin jedoch eine neue Leidenschaft entdeckt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit im Labyrinth finden zum ersten Mal wieder menschliches Leben! Doch selbst diese Szenerie hat etwas Schräges, wie ein Wes-Anderson-Film. bild: gregor stäheli

Ich rate euch, dies einfach mal auszuprobieren. Es ist erstaunlich, was für Orte sich in grossen Gebäudekomplexen verborgen liegen können. Um sie zu finden, sollte man manchmal vielleicht einfach weiter laufen als bis zum Punkt, an dem man sich normalerweise denken würde: «Das sieht nicht aus, als würde das noch irgendwo hinführen.»

PS: Es war nirgends ein Schild, eine Abschrankung oder sonst ein Hinweis, dass wir da nicht reindürfen. Es war einfach wirklich niemand da.

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Seine Lehrer sagten früher: «Wenn du ständig überall deinen Senf dazugeben musst, wird nie etwas aus dir.» Diese Herausforderung nahm er dankend an. Heute ist Gregor Stäheli als Slam Poet vor allem auf Bühnen anzutreffen. Ein Austauschsemester in Perth zwingt ihn, diese für ein halbes Jahr zurückzulassen. Da er es dennoch nicht bleiben lassen kann, sich ständig mitteilen zu müssen, nutzt er diese Reise, um für mint zu schreiben. Seien dies Erlebnisse, Begegnungen mit Schweizern, Gespräche mit Freunden oder grundsätzliche Themen, die ihm unterwegs in den Sinn kommen. Das ist KEIN Reiseblog. Deshalb solltest du ihn nicht zu ernst nehmen – das tut er nämlich selbst schon nicht.

Stalke Gregor auf Facebook oder auf seiner Homepage.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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  • Kate Fallet 03.07.2017 05:08
    Highlight Meine schlimmste Entdeckungsreise:
    Neu umgebaute Migros!!!

    😂
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  • bastardo 01.07.2017 14:06
    Highlight Im Titel steht "So leben also die Reichen – Entdeckungsreise durch ein Luxuscasino". Danach kommt eine Wegbeschreibung durch das Hotel. Er sieht Türen, Gänge, Möbel, Bäume. Wirklich toll. Google Maps ist spannender zu lesen.
    38 7 Melden
    • Addidi 03.07.2017 09:37
      Highlight Booring
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  • fischolg 01.07.2017 02:42
    Highlight Die drei Fragezeichen :D http://😍😍
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  • Wilhelm Dingo 30.06.2017 17:09
    Highlight Ist das Luxus? Grauenhaft!
    12 6 Melden
    • DanielaK 01.07.2017 14:38
      Highlight Ich hatte auch gerade das Gefühl so gar nichts zu verpassen. 😂
      8 2 Melden
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Ich war «Mother!» gucken und nach zwei Stunden mit den Nerven am Ende

Schöpfung und Niedergang wird in «Mother!» in einen Mantel aus Horror gepackt und in einer alten spukhaften Villa erzählt. Das macht den Film aber nicht zu einem klassischen Horror-Film, sondern verordnet ihn mehr in die Kategorie «Was zum Teufel habe ich da eigentlich geschaut?».

Als wäre das Wort nicht schon genug bedeutungsschwanger, setzt Regisseur Aronofsky noch ein Ausrufezeichen dahinter. Wir verstehen: «Mother!» – mit Ausrufezeichen – soll also melodramatisch werden. Mother mit Ausrufezeichen kann man nämlich auch auf ganz viele verschiedene Arten aussprechen. Oder schreien: Verzweifelt, verärgert, reuig. Sie ist schliesslich Ursprung des Lebens und deshalb verantwortlich für beides: Freude und Leid.

Das tönt jetzt alles ein bisschen geschwollen und hochgekocht. …

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