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Party mit 19-Jährigen? Ich bin zu alt für diesen Scheiss

shutterstock
Gregor ist endlich in Australien angekommen. Aber noch bevor er auspacken kann, «muss» er in den Ausgang. Mit seinen neuen Freunden. Seinen neuen, jüngeren Freunden.
17.03.2017, 16:0918.03.2017, 11:53
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Und nun zurück zum Artikel.

Direkt nach meiner Ankunft in Perth geht es in den Ausgang, na prima. Der Koffer ist noch ungeöffnet, das Bett noch nicht bezogen. Doch man will bekanntlich ja nicht der Typ sein. Der Stubenhocker, der Partymuffel. Mein Mitbewohner Sam begrüsst mich mit einem Bier und nimmt mich in eine andere Wohnung im Studenten-Komplex mit. Sie ist gefüllt mit anderen Austauschstudierenden. Die Gruppe besteht zu 80% aus Amerikanern im «reifen» Alter von 19-20 Jahren. Und sie alle sind betrunken.

Ich bin es nicht.

Jaja, wer’s glaubt.
Jaja, wer’s glaubt.bild: gregor stäheli

Stocknüchtern stehe ich da und schaue mir das Szenario an. Wer schon einmal an einem Wochenende lange arbeiten musste und danach so gegen halb zehn abends über den Hauptbahnhof in Zürich geschlendert ist, kann sich jetzt gut in mich hineinfühlen. Der einzige Unterschied ist, dass nirgends ein Teenagermädchen betrunken in der Ecke sitzt und heult, weil der «Shadz» des Lebens nach zwei Wochen Facebookbeziehung schlussgemacht hat.

Nein, so ist es nicht. Eigentlich ist die Stimmung ganz fantastisch! Für die anderen.

Ein Gespräch anzufangen, ist kein Problem. Wenn Amerikaner etwas sind, dann neugierig:

«Was ist denn das für ein Akzent? WOHER kommst du? Wo liegt das? Habt ihr Strom da?»

Und während ich an ihren Gesichtern erkenne, dass sie bemüht versuchen, sich vorzustellen, wo dieses «Schweiz» denn in etwa sein könnte, verzeihe ich ihnen ihre Unwissenheit. Sie haben es sich schliesslich nicht ausgesucht, dass zuhause mehr Geld in Kriegsführung statt in Bildung investiert wird. Und sowieso; sie sind betrunken. Wer weiss betrunken schon, wo irgendetwas liegt.

Ich nippe an meinem Bier und stosse gedanklich mit mir selbst an:

Auf die Generation von morgen!

Okay, das ist jetzt vielleicht etwas unfair. Diese Kinder sind immerhin tausende Kilometer gereist, um der Alkohol-ab-21-Limite aus ihrem Land zu entfliehen. Zudem waren wir damals ja auch schon mit 15 Jahren unter den Büschen unserer Stadtparks liegend mit einem viel zu süssen Alkopop in der Hand anzutreffen.

Ich rede schon von damals ...

Nun fühle ich mich noch älter als die ohnehin schon 6-7 Jahre Unterschied zu diesen jungen Wilden.

Auch als ich mit ihnen dann endlich Richtung Club ziehe, ändert sich dieses Denken nicht. Anstatt in Partystimmung zu kommen, verwandle ich mich in einen der Balkon-Opas aus der Muppet-Show und ziehe innerlich über alles her.

Die beiden waren mir schon immer am sympathischsten.
Die beiden waren mir schon immer am sympathischsten.bild: wikipedia
  • Zuerst ist der Bus zu voll und die Gruppe zu laut.
  • Dann ist der Klub zu voll und die Musik zu laut.
  • Schliesslich sind die Kollegen zu voll und mein innerer Nörgler zu laut.

Ich will raus hier.

gregor stäheli

Nostalgisch erinnere ich mich zurück an die Tage, als ich noch Freude dran hatte, von Mittwoch bis Samstag auszugehen. Damals, als ein Kater nur einen Vormittag lang hielt und mit dem Nachhauseweg-Döner meist schon gekontert war. Jetzt reicht ein feuchtfröhlicher Apéro riche und das Wochenende ist gelaufen. Am nächsten Morgen wache ich auf und schreibe innerlich schon mein Testament.

Damals, als Sorgen einfach abgeschaltet werden konnten. Mit einem Gummibärli in der Hand hatte die Welt keine Probleme mehr. Heute kann man sich beim Glas Wein kaum entspannen und denkt an...

  • die Steuererklärung, die eigentlich schon lange fällig wäre.
  • das Kundenbriefing am Montag, das noch vorbereitet werden muss.
  • die Klimaerwärmung.
  • den Welthunger.
  • und die Genderfrage im Generellen.

Damals, als alles noch einfach war.

Damals, als ich den Ausgang noch wirklich geliebt habe.

bild: gregor stäheli

An dieser Stelle erwarte ich bereits Kommentare von Mittdreissigern, die meinen:

«Der Grünschnabel ist erst 26... was weiss der schon vom Leben...»

Gleichzeitig denken sich die Endvierziger genau das Gleiche über die reklamierenden Mittdreissiger. Die Kette geht immer weiter rauf und rauf, denn jeder mit weniger Lebenserfahrung hat doch sowieso keine Ahnung. Das Ganze gipfelt bei der Oma, die bequem im Schaukelstuhl sitzt und sich denkt: 

«Hebet doch alli d’Frässi, ihr Jammeris.»
Denn wenn Oma spricht, haben wir nichts mehr zu melden.
Denn wenn Oma spricht, haben wir nichts mehr zu melden.bild: shutterstock

Und... Woran erkennt ihr, dass ihr älter geworden seid?

Vielleicht daran, dass es von euch keine solchen Bilder gibt?

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93 Gründe dagegen, dieses Wochenende allzu viel zu saufen
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Das bin übrigens ich. Die von watson haben mich gezwungen, ein Bild hier reinzumachen.
Das bin übrigens ich. Die von watson haben mich gezwungen, ein Bild hier reinzumachen.bild: silvano lieger
Seine Lehrer sagten früher: «Wenn du ständig überall deinen Senf dazugeben musst, wird nie etwas aus dir.» Diese Herausforderung nahm er dankend an. Heute ist Gregor Stäheli als Slam Poet vor allem auf Bühnen anzutreffen. Ein Austauschsemester in Perth zwingt ihn, diese für ein halbes Jahr zurückzulassen. Da er es dennoch nicht bleiben lassen kann, sich ständig mitteilen zu müssen, nutzt er diese Reise, um das festgefahrene «Schweizer-in-Australien»-Klischee zu renovieren.

Stalke Gregor auf Facebook oder auf seiner Homepage.

Mehr zum Thema Leben gibt's hier:

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26 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Mia_san_mia
17.03.2017 17:09registriert Januar 2014
Der Grünschnabel ist erst 26... was weiss der schon vom Leben... 😂😉
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zoobee1980
17.03.2017 17:44registriert Oktober 2014
Ich halts als Mittdreissiger, der regelmässig mit Anfangs- bis Mittzwanzigern abhängt, so: Ein Bisschen mitmachen, ein Bisschen nostalgisch sein/werden, vor dem Schlafengehen Wasser trinken, wenn möglich eine Erholungsphase für den Folgetag einplanen - kurz: aus Erfahrung Erlerntes auch wirklich umsetzen -, vor allem aber die Zeit mit tollen Menschen, und nicht mit Schubladisieren, Vergleichen etc. verbringen. Klappt ganz gut und ist manchmal wie die 2. Runde auf der Achterbahn, aber dieses Mal mit offenen Augen :-)
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EarlofGrey
17.03.2017 18:40registriert Juli 2016
Och Eveline, ich hatte mich so gefreut auf die Artikel-Serie. Ein junger Bursch der in die Welt hinauszieht und dann noch grad nach Perth, welches seit Jahren Glücksritter aus der ganzen Welt anzieht. Und jetzt les' ich die Memoiren ein altklugen Mittzwanzigers welcher mir eben nicht die verschiedenen Lebenswelten seiner Schicksalsgenossen näher bringt oder eine frische Sicht auf diesen seltsam konservativen Schmelztiegel in Westaustralien eröffnet. Sondern leider nur unreflektierte Abhandlungen der eigenen Befindlichkeiten. Na los Eveline, das kannst Du besser!
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Jeweils die BESTE Version (die du noch nicht kanntest) deiner Lieblingssongs
Zum Teil sind's Covers, zum Teil das Original – immer aber die coolste Version.

In unserem allseits beliebten «sauschwierigen Originalversionen-Quiz» war schon die eine oder andere Perle darunter ...

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