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Unwetterschaeden in Dierikon LU, am Montag, 8. Juni 2015. In Dierikon ueberflutete der Dorfbach nach heftigen Regenfaellen  gestern Abend Garagen und riss ganze Strassenabschnitte weg. Eine 32-jaehrige Frau und ihre fuenfjaehrige Tochter sind nach dem heftigen Unwetter vom Sonntagabend im Untergeschoss ihres Hauses ertrunken. Heftige Gewitter haben am Sonntagabend und in der Nacht fuer hunderte Feuerwehreinsaetze gesorgt. Besonders stark betroffen waren Bern, Zuerich und die Zentralschweiz. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Der Bach hätte längst saniert werden sollen – doch das Geld fehlte. Bild: KEYSTONE

Unwetter-Drama in Dierikon: Der Bach hätte längst saniert sein sollen

In Dierikon LU wird die Dorfstrasse zum reissenden Fluss und der Keller für zwei Menschen zur Todesfalle. Dabei war die Gefahr im Dorf bekannt, die Sanierung des Bachs wurde aber immer wieder verzögert.

Daniel Fuchs / Aargauer Zeitung



Ein Artikel der

Ein muffiger Geruch liegt über Dierikon LU. Die Wiesen und Vorgärten zwischen den alten Holzhäusern sind verwüstet, die Strasse durch den historischen Dorfkern der Gemeinde zwischen Luzern und Zug ist nicht mehr befahrbar: Das Wasser und das Geröll haben den Belag unterspült, weggetragen, aufgetürmt. Vögel zwitschern. Den Menschen ist aber nicht nach Heiterkeit zumute.

Am oberen Dorfrand nahm das Unheil am Sonntagabend nach 20 Uhr seinen Lauf: Heftige Gewitter über der Region liessen den Götzentalbach innert Minuten anschwellen. Hinter der historischen Mühle samt eigener Bäckerei vermochte die Wasserfassung die Fluten nicht zu schlucken. Reissende Massen suchten sich einen Weg durch Keller, Backstube und Bäckereiladen. Rissen nicht nur Kühlregale und Esswaren mit sich, sondern auch Türen und Fenster aus den Angeln.

Dann ergoss sich die Brühe samt Geröll, Schlamm und anderem Treibgut auf die Strasse, folgte ihrem natürlichen Weg. Mitten durchs Dorf.

Frau und Kind ertrinken in Dierikon

«Stehen die Bilder im Schlamm?»

Selbe Zeit anderer Ort: Während sich in der Schweiz heftige Gewitter entladen, ist der Dieriker Kunstmaler Robert Süess im Auto unterwegs nach Norddeutschland. Mit ihm: Seine Partnerin, die, wie er, malt. In Hannover soll Süess als Referent an einem Kurs teilnehmen. In Süddeutschland machen die beiden Pause.

Am Montagmorgen wird in Dierikon das Ausmass der Katastrophe sichtbar und Süess aus der Ferne klar: «Kaum denkbar, dass meine Bilder unbeschadet blieben.» Acrylmaler Süess telefoniert, will sich ein Bild der Lage machen. Die Nachbarn sind jedoch genug mit sich selber beschäftigt. Süess und seine Partnerin entscheiden: «Wir müssen zurück.»

epa04789455 Storm damge in Dierikon LU, Switzerland, on 08 June 2015 after bad weather hiy the area. A 32 year old womand and her five year old daughter drownedin the floods that accompanied the storms on the evening of 07 June 2015.  EPA/URS FLUEELER

Der Dorfbach trat bereits vor zwei Jahren über die Ufer. Bild: EPA/KEYSTONE

Nun steht das Künstler-Paar barfuss im Schlamm. Und vor dem Schlamassel. Wegen einer nahenden Ausstellung hat Süess seine Bilder ausnahmsweise vom Atelier im Industriegebiet in den Keller seines Wohnhauses im Dorf zwischengelagert. «Dieses hier heisst Naturgewalt», sagt Süess und hält eines in die Höhe. «Ich nutze häufig Farbmittel aus der Natur: Sand, Bernsteinpulver und so fort.» Süess blickt auf die aufgerissene Strasse. «Elemente, welche die Naturgewalt vor mir neu aufgetischt hat», sagt er nachdenklich. «Vielleicht lasse ich dieses Bild einfach so, wie es ist. Ganz passend zur Naturgewalt.»

Robert Süess und Rebekka Hatzung retten, was zu retten ist. Kunst unter laufendem Wasser – wenigstens sind es keine Aquarelle. Die Rahmen aber sind hin. Zum Trocknen legt Rebekka Hatzung die Bilder an die Sonne. Denn versichert sind sie nicht.

Zwei Tote – wird nun saniert?

Der reissende Fluss hat das Haus von Maler Süess nur gestreift – und verursachte doch beträchtlichen Schaden. Weiter dorfabwärts schoss es mit grosser Wucht an die Hauswände, liess Fenster bersten und die Bewohner in obere Stockwerke fliehen. In einem der verwüsteten Gärten liegt eines der Fenster von der 150 Meter weit entfernten Bäckerei. Daneben ein Sixpack Cola Zero und ein Fläschchen Mineralwasser.

Zwei Dorfbewohner unterhalten sich über das Unwetter, Hochwasserschutz und zaudernde Behörden. Der Götzentalbach war das letzte der Gewässer auf Gemeindegebiet, das hätte hochwassersaniert werden sollen. Geldmangel, Streitereien unter Nachbarn und Gerangel um die Finanzierung haben zu Verzögerungen geführt.

Unwetterschaeden in Dierikon LU, am Montag, 8. Juni 2015. In Dierikon ueberflutete der Dorfbach nach heftigen Regenfaellen Garagen und riss ganze Strassenabschnitte weg. Eine 32-jaehrige Frau und ihre fuenfjaehrige Tochter sind nach dem heftigen Unwetter vom Sonntagabend im Untergeschoss ihres Hauses ertrunken. Sie wurden vom schnell eindringenden Wasser ueberrascht. Heftige Gewitter haben am Sonntagabend und in der Nacht fuer hunderte Feuerwehreinsaetze gesorgt. Besonders stark betroffen waren Bern, Zuerich und die Zentralschweiz. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Bild: KEYSTONE

Dabei ist die Gefahr bekannt. Erst vor zwei Jahren trat der Bach übers Ufer. «So massiv wie nun kam das Wasser aber noch nie», sagt der Anwohner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Eines sei jedoch sicher: «Nach einer Katastrophe wie dieser werden die Massnahmen nun garantiert umgesetzt.»

In Dierikon blieb es nicht beim Sachschaden. Wir folgen dem Lauf der Zerstörung, den sich das Wasser durch das Dorf gefressen hat. Die leicht erhöhte und im Jahr 1863 erbaute Kapelle stand dem Wasser nicht in der Quere. Dafür stand ein neueres Wohnhaus im Weg. Für eine junge, erst vor zwei Jahren zugezogene Familie, endete der Sonntagabend tragisch: Kurz wollte der Mann Auto und Motorroller aus der Tiefgarage in Sicherheit bringen. Die Wassermassen kamen und Frau und Kind waren weg, als er wieder in der Wohnung war. Erst als die Feuerwehr das Untergeschoss nach Stunden ausgepumpt hatte, wurden die beiden entdeckt.

Was hatte die 32-jährige Frau dazu bewogen, mit ihrer 5-jährigen Tochter ebenfalls ins Untergeschoss zu gehen? Aus dem volllaufenden Keller gab es jedenfalls kein Entrinnen mehr.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Scaros 09.06.2015 09:54
    Highlight Highlight Die suche nach den Schuldigen geht los. Dabei wird vergessen das es einfach nicht möglich ist sich immer für und gegen jedweden Schaden zu schützen. Es gibt einfach sachen die kann man beim besten willen nicht kontrolieren. Hätten sie den Bach saniert, hätte es dann 2h länger geregnet? Es gibt einfach dinge die kann man nicht kontrolieren. Höt auf Schuldige zu suchen. Die Natur ist meist eifach stärker als der Mensch, auch wenn gewisse Zivilisations verwöhnte, es gerne anders hätten.
    1 0 Melden
  • Adonis 09.06.2015 09:07
    Highlight Highlight Gibt immer noch viele, welche nicht an die Klimawende/Veränderung glauben, trotz allem. In der Region Emmental hat man endlich begriffen, dass die nicht die SVP das Wetter in der Hand hält, sondern immer noch die Natur. Mit den 2 Plus-Graden von Frau Merkel werden die Probleme wohl nicht geöst werden. Wer wissen will, was sich tut, der lese hier:

    http://www.geography.unibe.ch/content/forschungsgruppen/klimatologie/index_eng.html
    1 1 Melden
  • Rascal 09.06.2015 08:33
    Highlight Highlight Dieser Artikel ist unter aller Sau. An Sensationsgeilheit kaum zu übertreffen, versucht sich hier ein Schreiberling, welcher wohl besser bei den Groschenheftchen am Kiosk geblieben wäre.

    Es ist immer tragisch wenn es bei einem Unglück Verletzte oder gar Tote gibt. Danach mit viel Pathos anklagend gen Himmel schauen und die grosse Ungerechtigkeit in die Blätterwald schreien für ein paar billige Klicks...

    Ja, hätte man diesen Fluss früher saniert (war ja bereits geplant) wäre hier vielleicht nichts geschehen. Herr Fuchs hätte die gleiche Story über eine anderen idyllischen Ort geschrieben.
    2 1 Melden