Murat Yakin verrät vor WM-Kracher gegen Algerien: «Ich war Praktikant bei Petkovic»
Auftritt Vladimir Petkovic. Und würde er nicht im grünen Trainingsanzug der Algerier den Pressesaal im «BC Place Vancouver» betreten, könnte es genauso der Vladimir Petkovic sein, der sich vor fünf Jahren als Schweizer Natitrainer verabschiedet hat. Der Gang immer noch kerzengerade, die Haare weiss, die Stimme angenehm warm und der Blick zum Fragesteller ebenso empfänglich wie skeptisch.
Der mittlerweile 62-Jährige weiss genau, was ihn erwartet: Fragen am Fliessband zu seinen sieben Jahren (2014 bis 2021) als Vorgänger von Murat Yakin. Anfangs mag sich Petkovic nicht darauf einlassen, sagt etwa: «Ich habe viel gelesen in den letzten Tagen. Aber ich will klarstellen: Es spielt nicht Petkovic gegen die Schweiz. Es spielen zwei gute Mannschaften um das Weiterkommen an der WM.»
Petkovics Sonderlob für Granit Xhaka
Erst nach der ersten Frage auf Deutsch taut Petkovic auf und lässt durchblicken, dass es für ihn das wahrscheinlich speziellste und emotionalste Spiel seiner Trainerlaufbahn werde: «Ich blicke voller Vergnügen auf die sieben Jahre mit der Schweiz zurück. Als Profi tue ich selbstverständlich alles dafür, mit Algerien das Spiel zu gewinnen. Doch diese Partie ändert nichts daran, dass ich ein stolzer Schweizer bin und bleibe. Besonders freue ich mich auf das Wiedersehen und die Gespräche nach dem Spiel mit vielen bekannten Gesichtern.»
Eigens hervor hebt Petkovic Granit Xhaka, der unter ihm zum Nati-Captain wurde: «Ein hervorragender Spieler, eine fantastische Persönlichkeit. Wenn es zählte, hat er geliefert – immer!»
Nicht nur Vladimir Petkovic, auch seine ebenfalls aus Bosnien stammende Ehefrau Ljiljana und seine zwei Töchter Ines und Lea pendeln morgen in Vancouver zwischen zwei Welten. Letztere sind in der Schweiz geboren, weshalb CH Media von Petkovic wissen will: Wem drücken sie die Daumen? Petkovic lacht und sagt: «Ich hoffe schwer, dass meine Familie nicht gegen mich ist. Ich brauche in diesem Spiel positive Energie von zuhause.»
13 Plätze trennen die Schweiz (16) und Algerien (29) in der Weltrangliste. Die Nordafrikaner stehen erst das zweite Mal in der K.o.-Phase einer WM, die Schweizer indes das vierte Mal in Serie. Petkovic nutzt die Statistik, um seinem Ex-Team die Favoritenrolle zuzuschieben: «Die Schweiz hat mehr Druck. Sie haben gesagt, sie wollen in die Viertelfinals. Von uns braucht es 120 Prozent, um gegen diese starke Mannschaft zu bestehen.» Er habe sich die letzten Partien der Nati angeschaut, aber: «Bei Teams von Murat Yakin weiss man nie bis ins Detail, was einen erwartet. Wir wissen vieles, aber während des Spiels zu reagieren, ist auch ein effektives Mittel.»
Yakins Sticheleien in Richtung Petkovic
Die Schweiz Favorit? Das hört Petkovics Nachfolger Murat Yakin nicht gerne: «Ball flach halten, wir haben vor jedem Gegner höchsten Respekt. Wir haben hohe Ziele und die Qualität, diese zu erreichen. Aber wie die bisherigen Sechzehntelfinals gezeigt haben: Klare Favoritenrollen gibt es nicht.»
Ein bisschen Understatement schwingt da mit. Wer, wie von Yakin und seinen Spielern zum Ziel ausgerufen, in Nordamerika die beste Schweizer WM der Geschichte spielen will, muss sich gegen Algerien durchsetzen. «Wir hatten acht Tage Zeit uns vorzubereiten. Jetzt gehen wir mit einem guten Gefühl in die K.o.-Phase», so Yakin, bei dem persönlich das Gefühl noch ein bisschen besser sein dürfte. Mit einem Augenzwinkern sagt er: «Meine Bilanz gegen Petkovic ist positiv.»
Fünf Mal trafen die beiden zwischen 2010 und 2012 in der Super League aufeinander, zwei Mal gewann Yakin, drei Partien endeten unentschieden. Und noch einen kleinen Seitenhieb kann sich Yakin nicht verkneifen: «Während meiner Trainerausbildung habe ich Vlado bei YB eine Woche über die Schultern geschaut. Das war in der Saison, als sie 13 Punkte Vorsprung auf Basel verspielt haben …»
Yakins Praktikum bei Petkovic
An das «Praktikum» bei Petkovic aber hat Yakin nur gute Erinnerungen, ebenso an den Menschen Petkovic: «Wir mögen uns sehr. Was wohl damit zu tun, dass wir uns ähnlich sind. Unsere Duelle waren sehr taktisch geprägt. Das wird auch dieses Mal so sein: Wer von uns beiden die bessere Taktik wählt, wird das Spiel gewinnen.»
Taktikfuchs gegen Taktikfuchs also. Also muss Breel Embolo, der zusammen mit Yakin an die Pressekonferenz gekommen ist, die Frage beantworten: Was sind denn die grössten Unterschiede zwischen Murat Yakin und Vladimir Petkovic? Embolo hat 2015 unter Petkovic in der Nati debütiert, unter Yakin (seit 2021) wurde er unbestrittener Stürmer Nummer 1. Er muss es wissen. Und seine trockene Antwort: «Sie sehen anders aus.» Gelächter, dann fügt Embolo an: «Petkovic hat die Messlatte hochgelegt. Jetzt wollen wir sie mit Muri überspringen.»
