DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Alex Wilson wird die Olympischen Spiele nach einer positiven Dopingprobe verpassen.
Alex Wilson wird die Olympischen Spiele nach einer positiven Dopingprobe verpassen.
Bild: keystone

Rindfleisch in Las Vegas, Doping in der Zahnpasta – die fantastische Kultur der Ausreden

Doping ist eigentlich eine viel zu ernste Sache für eine Satire. Und doch: Nichts im Sport befeuert Fantasie und Verschwörungstheorien so sehr wie Doping. Die Fälle Hussein und Wilson mahnen uns jedenfalls zur Bescheidenheit.
28.07.2021, 15:3428.07.2021, 18:13

Nehmen wir einmal an, politisch unkorrekt und boshaft wie wir nun mal sind, Athletinnen oder Athleten aus Kasachstan, Italien oder Weissrussland wären vor den Spielen in Tokio erwischt worden. Weil eine oder einer «Doping-Bonbons» gelutscht und ein anderer zu viel Rindfleisch von falschen Kühen gegessen und darüber hinaus auch noch in Amerika drüben unter fabelhaften Umständen einen fabelhaften Rekord aufgestellt hat. Eine Bestmarke, die – ha, ha, ha – natürlich nicht anerkannt werden konnte.

Ganz ehrlich: wir hätten heimlich gelacht und in unserer Überheblichkeit gedacht: halt typisch für die Verhältnisse in solchen Ländern. Kennt man doch. Nicht bei uns. Wir sind besser. Und im helvetischen Blätterwald hätten wir sicherlich irgendwo eine Glosse zum Thema gefunden.

Kariem Hussein und Alex Wilson sind in der Kontrolle hängen geblieben. Der erste, weil er wegen Unterzuckerung nach einem Rennen und vor der Dopingkontrolle die falschen Tabletten lutschte. Der zweite, weil er in Las Vegas illegale Stoffe angeblich im Rindfleisch erwischt hat. Nicht nur diese Beispiele lehren uns: Es gibt keinen Grund für solche unangebrachte Überheblichkeit. Aber Grund zur Bescheidenheit.

So oder so: Nichts befeuert im Sport Fantasie und Verschwörungstheorien so sehr wie Doping. Der tollste Fall ist wohl jener von Dieter Baumann. Nicht einmal Tom Wolfe, T.C. Boyle oder Dan Brown hätten ihn erfinden können.

Bei zwei Trainingskontrollen am 19. Oktober und 12. November 1999 wird im Urin des Olympiasiegers von 1992 (5000 Meter) das anabole Steroid Nandrolon nachgewiesen. Dieter Baumann beteuert seine Unschuld. Die Sportwelt reagiert ungläubig: Baumann gedopt? Ausgerechnet der so engagierte Anti-Doping-Kämpfer? Der Fall gerät zum Krimi. Polizei und Staatsanwaltschaft kommen ins Spiel. Die 2000-seitigen Akten der Kriminalpolizei werden schliesslich geschlossen – kein hinreichender Tatverdacht gegen Baumann. Aber auch kein konkreter Tatverdächtiger. Man gehe davon aus, «dass Baumann Opfer eines außerordentlich raffinierten Anschlags ist», sagt der zuständige Hauptkommissar.

Dieter Baumann gewann 1992 Olympia-Gold – später wurde er des Dopings beschuldigt.
Dieter Baumann gewann 1992 Olympia-Gold – später wurde er des Dopings beschuldigt.
Bild: IMAGO / Pressefoto Baumann

Später wird die verbotene Substanz in einer Zahnpasta Dieter Baumanns gefunden. Sie war injiziert worden – von wem auch immer. Dann taucht eine zweite fachgerecht manipulierte Tube auf. Der vermeintliche «Dopingsünder» spricht von einem «kriminellen Akt» und setzt 100.000 Mark Belohnung für die Ergreifung des Täters aus. Vergebens kämpft er unmittelbar vor den Sommerspielen 2000 in Sydney beim Internationalen Sportgerichtshof um sein Startrecht. Nach Ablauf der später verkürzten Sperre holt er 2002 noch EM-Silber. 2003 beendete er seine Karriere.

Sein Fall ist bis heute ein ungelöstes Rätsel. Oder denken wir nur an die wundersame Geschichte von Johann Mühlegg, dem deutschen Langläufer, der 2002 in Salt Lake City unter spanischer Flagge nur so über die olympischen Loipen stob. Sein Erfolgsgeheimnis: Er vertraute auf himmlische Kräfte und bereitete seine Getränke nur mit geweihtem Wasser zu. Weil er sich durch einen Fluch bedroht fühlte. Er glaubte einen direkten Draht zum Jenseits zu haben. Als Medium fungierte Justina Agostinho, eine arbeitslose Raumpflegerin. Auf seinen Wettkampfreisen führte er stets Kanister Leitungswasser mit sich, das Justina Agostinho geweiht hatte. Auf das heilige Wasser konnte er nicht verzichten. Er brauchte es, um sich Suppe und Tee zu kochen oder um Erfrischungsgetränke zu mixen.

Und wie endete diese wundersame Geschichte? Johann Mühlegg blieb in der olympischen Dopingkontrolle hängen und musste die drei Goldmedaillen von Salt Lake City zurückgeben. Offenbar hatte er auch ein wenig mit ungeweihten Wassern nachgeholfen.

Auch Kariem Hussein wird die Olympischen Spiele verpassen.
Auch Kariem Hussein wird die Olympischen Spiele verpassen.
Bild: keystone

Im Vergleich zum geweihten Wasser von Johann Mühlegg und zur Zahnpasta von Dieter Baumann sind unsere olympischen Doping-Geschichten, sind die Lutschtabletten von Kariem Hussein und das Rindfleisch von Alex Wilson geradezu langweilig.

Es gibt auch Fälle, die ganz banal enden: Velo-Weltmeister Oscar «Ösi» Camenzind wird am 22. Juli 2004 kurz vor den Olympischen Spielen in Athen gesperrt. Doping. Es hat ihn bei einer Trainingskontrolle erwischt. Er gibt zu, «geladen» zu haben, erzählt keine fantastische Geschichte und erklärt kurz darauf seinen Rücktritt. Boshaft wie wir sind, können wir auch sagen: Der Gentleman oder die ehrbare Dame dopt, zahlt, schweigt und verlässt die Bühne.

Oscar Camenzind hatte keine Ausrede parat.
Oscar Camenzind hatte keine Ausrede parat.
Bild: KEYSTONE

Am Ende all dieser olympischen Doping-Geschichten, die längst Bücher füllen – der Schweizer Doping-Fahnder Matthias Kamber hat tatsächlich eines geschrieben («Der vergiftete Sport») – bleiben drei Fragen unbeantwortet:

Erstens: Was ist, wenn eine noch so abenteuerliche Ausrede einer erwischten Sünderin oder eines Sünders doch wahr ist? Könnte es auch sein, dass Karrieren ruiniert oder geknickt werden, weil die Doping-Fahnderinnen und -Fahnder irren? Schliesslich gibt es auch im richtigen Leben Justiz-Irrtümer. Auch die Sportgerichtsbarkeit ist nicht unfehlbar.

Zweitens: Wie viele Sünderinnen und Sünder werden nie erwischt? Gibt es tatsächlich flächendeckenden und sonstigen Betrug, der nie ganz aufgedeckt wird? Schliesslich werden auch im richtigen Leben nicht alle erwischt.

Drittens: Sind Sportlerinnen und Sportler im durchorganisierten Schweizer Sport im Nachteil, weil sie wahrscheinlich die bestkontrollierten der Welt sind und sich nicht in den Weiten Russlands oder Chinas den Fahnderinnen und Fahndern entziehen können? Oscar Camenzind, Kariem Hussein und Alex Wilson sind bei Kontrollen in der Schweiz erwischt worden.

Wenn irgendwo gilt, vor der eigenen Türe zu wischen und nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen – dann wohl in Doping-Angelegenheiten.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Die besten Bilder der Olympischen Spiele 2020 in Tokio

1 / 96
Die besten Bilder der Olympischen Spiele 2020 in Tokio
quelle: keystone / martin meissner
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

So erklärt Kariem Hussein seinen positiven Dopingtest

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

20 wunderschöne Bilder, Videos und Momente, die uns von Tokio in Erinnerung bleiben

Die Olympischen Spiele in Tokio sind mit der Abschlussfeier zu Ende gegangen. 339 Medaillensätze wurden vergeben, doch bei den Sommerspielen ging es nicht nur um Gold, Silber und Bronze. Wir zeigen dir die schönsten Bilder, Videos und Momente, die uns in Erinnerung bleiben werden.

Wenn die Schweizerinnen und Schweizer in einigen Jahren auf die Olympischen Spiele in Tokio zurückblicken, werden viele als Erstes an die Mountainbikerinnen denken. Jolanda Neff gewinnt das Rennen vor Sina Frei und Linda Indergand. Alle drei Medaillen gehen an die Schweiz – ein historischer Triumph.

Die Schweizer Schwimmer waren nicht minder historisch unterwegs. Jérémy Desplanches holte die erste Schwimm-Medaille seit 37 Jahren und einen Tag später legte Noè Ponti nach. Wie der Genfer …

Artikel lesen
Link zum Artikel