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Roger Milla im Laufduell mit René Higuita. Bild: Getty Images

Roger Milla gegen René Higuita – der Alte entzaubert den Irren

23. Juni 1990: Ein Torhüter will der Star der WM in Italien werden – und kassiert eines der kuriosesten Tore aller Zeiten. Nach der Partie sagt der Paradiesvogel: «Es war ein Fehler so gross wie ein Haus.»

Publiziert: 23.06.20, 00:01 Aktualisiert: 22.06.20, 12:10

Hätten die Kolumbianer doch auf Max Merkel gehört. Der einstige Bundesliga-Trainer und bissige Polemiker hatte vorgeschlagen, die Kolumbianer sollten René Higuita «einfach am Pfosten anbinden».

Hätten sie es getan, wäre Higuita im Achtelfinal gegen Kamerun nicht in der Verlängerung mit dem Ball am Fuss Richtung Mittellinie gestürmt. Er hätte nicht 20 Meter vor seinem Tor den Ball verloren. Roger Milla hätte den Ball nicht ins leere Tor schiessen können. Es hätte nicht 2:0 für Kamerun geheissen.

Der Älteste tanzt den Jungen um die Ohren: Roger Milla mit dem Makossa-Tanz.

«Es war ein Fehler, so gross wie ein Haus», gab der Goalie hinterher zu. René Higuita wollte der Star dieser WM werden. Aber an diesem Abend lief ihm der 38-jährige Stürmer aus Kamerun den Rang ab. Der Alte entzauberte den Irren. Milla war angestellt beim Fussballklub Saint-Pierroise auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean und eigentlich bereits im Ruhestand. Der älteste Spieler des Turniers. Kamerun war also im Viertelfinale.

Higuita blamiert sich im Duell mit Milla. Video: YouTube/Ammler75

Nach dem 0:4 im letzten Vorrundenspiel gegen die Sowjetunion schien es, als sei die Kraft ausgegangen. Dass die Afrikaner den Achtelfinal überstanden, verdankten sie auch René Higuita. Für waghalsige Einlagen war er bekannt. In seiner Heimat Medellin nannten sie ihn nur «El Loco» («der Verrückte»).

Er verdiente bei Atlético Nacional in Medellin mit 70'000 Dollar jährlich zwar ordentlich. Aber diese WM sollte ihm Angebote aus den grossen Fussballligen und das grosse Geld bescheren. Eigentlich waren ihm bis dahin kaum spielentscheidende Fehler unterlaufen. Er verwandelte bloss ab und zu einen Freistoss. Die Legende geht, er sei nur vom Feldspieler zum Goalie mutiert, weil der Stammgoalie vor einer Partie nicht rechtzeitig aus einem Kokainrausch aufgewacht war.

«Ein intelligenter Libero»: Mit Franz Beckenbauer hatte Higuita einen prominenten Fürsprecher. Bild: EPA

Ein grosser Goalie? Nur ein Clown?

Mit einer Körpergrösse von bloss 174 Zentimetern war René Higuita eigentlich zu klein, um Torhüter zu sein. Was war er? Ein Clown? Oder am Ende doch ein grosser Goalie? Südamerikas Sportjournalisten hatten ihn zum besten Torhüter ihres Kontinents gewählt. Franz Beckenbauer sagte immerhin: «Der imponiert mir. Er spielt als Libero intelligent mit.»

Aber René Higuitas offensive Interpretation des Torhüterspiels setzte sich nicht durch. Er tauchte nur kurz im europäischen Fussball auf (1992/93 bei Real Valladolid). Den Höhepunkt hatte er da noch vor sich. Es war kein Titelgewinn, ja nicht einmal ein Sieg. Bloss ein 0:0. Beim Spiel mit Kolumbien gegen England gelang ihm am 6. September 1995 im Wembley eine der spektakulärsten Paraden der Fussballgeschichte.

«El Loco» René Higuita mit dem «Skorpion-Kick», der ihn berühmt machte. Bild: AP

Die Parade im Video. Video: YouTube/England

Statt einen Fernschuss mit den Händen abzufangen, liess er sich nach vorne fallen und parierte den Ball auf der Torlinie mit beiden Hacken. Die Parade wurde als «Skorpion-Kick» weltberühmt. Nachdem er zum zweiten Mal in einer Dopingkontrolle hängen geblieben war (Kokain), beendete er seine Karriere 2010.

Vor Chilavert der torgefährlichste Keeper der Welt

In 68 Länderspielen für Kolumbien erzielte er drei Tore. Bis er 1998 von José Luis Chilavert (Paraguay) übertroffen wurde, war Higuita der in Länderspielen torgefährlichste Torhüter der Welt. Nicht René Higuita, sondern Roger Milla wurde bei der WM 1990 ein Star. Er erzielte vier Treffer und jeden feierte er mit einem Makossa-Tanz an der Eckfahne. Kamerun scheiterte im Viertelfinale gegen England erst in der Verlängerung (2:3).

Die besten Szenen aus Higuitas Karriere. Video: YouTube/CaptainBlack

Roger Milla trat vier Jahre später bei der WM in den USA im Alter von 42 Jahren noch einmal an, schoss gegen Russland ein Tor und ist damit ältester WM-Torschütze. Seit seinem Rücktritt 1996 ist er Sportberater der Regierung. Er wohnt abwechselnd in Kamerun und Frankreich.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.

Alle WM-Torschützenkönige seit 1930

2018: Harry Kane, England (6 Tore) AP/AP / Antonio Calanni
2014: James Rodriguez, Kolumbien (6 Tore) EPA EFE FILE / ANTONIO LACERDA
2010: Thomas Müller*, Deutschland (5 Tore) *Vier Spieler erzielten 5 Tore, Müller holte jedoch die meisten Assists dazu EPA / BERND WEISSBROD
2006: Miroslav Klose, Deutschland (5 Tore) AP / JASPER JUINEN
2002: Ronaldo, Brasilien (8 Tore) AP NY / AMY SANCETTA
1998: Davor Suker, Kroatien (6 Tore) AP / ARMANDO FRANCA
1994: Hristo Stoichkov, Bulgarien (6 Tore) / Oleg Salenko, Russland (6 Tore) Twitter Twitter
1990: Salvatore Schillaci, Italien (6 Tore) EPA ANSA / GIOSUE MANIACI
1986: Gary Lineker, England (6 Tore) AP / BOB DEAR
1982: Paolo Rossi, Italien (6 Tore) AP
1978: Mario Kempes, Argentinien (6 Tore) EPA EFE / VOO
1974: Grzegorz Lato, Polen (7 Tore) AP
1970: Gerd Müller, Deutschland (10 Tore) EPA / STAFF
1966, Eusebio, Portugal (9 Tore) AP Bippa
1962: Garrincha*, Brasilien (4 Tore) *Sechs Spieler erzielten vier Tore, Garrincha gewann durch Losentscheid AP NY / ANONYMOUS
1958: Just Fontaine, Frankreich (13 Tore) EPA / STR
1954: Sandor Kocsis, Ungarn (11 Tore) PHOTOPRESS-ARCHIV / STR
1950: Ademir, Brasilien (9 Tore) Twitter
1938: Leônidas, Brasilien (7 Tore) AP AGENCIA ESTADO
1934: Oldrich Nejedlý, CSSR (5 Tore) Twitter Twitter
1930: Guillermo Stabile, Argentinien (8 Tore) Twitter Twitter

Ein wahrer Kommentator eskaliert auch ohne Fussball

Video: watson / Lino Haltinner

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