Verdienter Jubel: Ajax steht vor dem Einzug in den Champions-League-Final Bild: AP/PA
Ajax steht dank eines 1:0-Siegs im Halbfinal-Hinspiel der Champions League bei Tottenham mit einem Bein im Final. Die jungen Wilden aus Amsterdam zeigten einmal mehr beeindruckenden Offensiv-Fussball, verpassten es aber, sich eine noch bessere Ausgangslage zu verschaffen. Die wichtigsten Kennzahlen zum Spiel.
Ballbesitz-Fussball ist tot, hiess es nach der WM 2018 in Russland. Nicht, wenn man auf das einschläfernde Querspielen verzichtet und konsequent den Weg zum Tor sucht. Das hat Ajax gestern eindrücklich gezeigt: Zwischen der 10. und 32. Minute hatten die Niederländer zu über 70 Prozent den Ball und spielten Tottenham förmlich an die Wand.
Das Team von Trainer Erik ten Hag – sein Credo: «Ballbesitz, um dem Gegner weh zu tun» – suchte den direkten Weg zum Tor und setzte bei Ballverlust sofort zum Gegenpressing an. Die Folge: Viele Balleroberungen in der Offensivzone und noch mehr Druck auf Tottenhams überforderte Abwehr.
In 22 Minuten zeigte Ajax der Welt eindrücklich, wie Fussball im Jahr 2019 auszusehen hat.
Stellvertretend für Ajax' beste Phase steht folgende Szene aus der 24. Minute: Die Niederländer kombinieren sich erst gekonnt in Richtung Tottenham-Tor, plötzlich wird es in der Mitte jedoch eng und der Ball scheint verloren zu gehen. Doch van de Beek erobert sich die Kugel zurück und Ajax setzt zu einer Traumkombination an.
Nach einem Seitenwechsel von Hakim Ziyech legt Nicolas Tagliafico den Ball flach zur Mitte, Donny van de Beek steigt über den Ball und wird von Dusan Tadic sofort in die Tiefe geschickt. Die Krönung bleibt dem sehenswerten Spielzug aber verwehrt: Statt den Ball zur Mitte zu David Neres zu legen, versucht van de Beek, Tottenham-Goalie Hugo Lloris in der nahen Ecke zu erwischen. Ohne Erfolg.
24. Minute: Was für eine Kombination, am Ende ist van de Beek etwas zu eigensinnig. Video: streamable
Ajax überzeugte einmal mehr mit mannschaftlicher Geschlossenheit, zwei Spieler ragten dennoch aus dem Kollektiv heraus: Mittelfeld-Stratege Frenkie de Jong und Flügelflitzer Hakim Ziyech.
15. Minute: Ziyech findet van de Beek, der locker zum 1:0 einschiebt. Video: streamable
Erst nach dem K.o. von Jan Vertonghen und der damit verbundenen Einwechslung von Moussa Sissoko kam Tottenham besser ins Spiel. Anders als im 3-4-2-1 hatten die «Spurs» im 4-4-2 auf den Aussenbahnen plötzlich mehr Platz. So richtig gefährlich wurde es für Ajax-Keeper André Onana trotzdem nie. Die vielen hohen Bälle auf Fernando Llorente – er gewann 11 Kopfball-Duelle – blieben wirkungslos, auch weil Lucas Moura und Dele Alli nur ungenügend nachsetzten.
Ohne den verletzten Goalgetter Harry Kane und den gesperrten Wirbelwind Heung-min Son fehlte es Tottenham in der Offensive an Durchschlagskraft und Kreativität. Zwar gab das Team von Mauricio Pochettino insgesamt 12 Schüsse ab, nur einer davon fand aber den Weg aufs Ajax-Tor. Die beste Tottenham-Chance vergab Toby Alderweireld, als er kurz vor der Pause einen Kopfball unbedrängt übers Tor setzte.
Die Tottenham-Abwehr wurde vor allem in der ersten Halbzeit immer wieder schwindlig gespielt. Mit dem hohen Pressing kamen Toby Alderweireld, Davinson Sanchez, Jan Vertonghen und Kieran Trippier überhaupt nicht zurecht. Die Folge: unglaublich viele Ballverluste.
Besonders schwach am gestrigen Abend war Trippier. Der englische Nationalspieler, der bei der WM in Russland zu den Besten seines Teams gehörte, wurde von David Neres mehrfach überlaufen und schlug immer wieder Flanken und Freistösse ins Niemandsland. Am Ende kam er gemäss dem Statistik-Portal «Squawka» auf 28 Ballverluste. Definitiv nicht sein bester Auftritt im «Spurs»-Trikot.
Für Tottenham war das 0:1 gegen Ajax nach dem 0:1 in der Liga gegen Stadtrivale West Ham die zweite Niederlage im neuen Stadion. Ajax liess sich von der tollen Atmosphäre an der «New White Hart Lane» nie aus dem Konzept bringen und gewann so auch das dritte K.o.-Auswärtsspiel in dieser Champions-League-Kampagne. Das war zuvor erst Bayern München (2012/13) und Real Madrid (2017/18) gelungen.
Noch beeindruckender: Ajax hat seit der Gruppenphase in allen neun Auswärtsspielen mindestens einmal getroffen. Nur beim 0:0 in den Playoffs gegen Dynamo Kiew blieben die jungen Wilden ohne Torerfolg.
Trotz der starken Vorstellung seines Teams war Ajax-Trainer Erik ten Hag nach dem Spiel nicht komplett zufrieden. Der Grund ist klar: Weil van de Beek in der 24. Minute etwas zu eigensinnig war und Neres in der 78. Minute nur den Pfosten traf, blieb den Niederländern der zweite Auswärtstreffer verwehrt. Und so bleibt die Ausgangslage fürs Rückspiel in einer Woche offen. Tottenham, das in Amsterdam wieder auf Son zählen kann, braucht nur ein Tor, um wieder im Geschäft zu sein.
78. Minute: Neres scheitert am Pfosten. Video: streamable
Die Statistik spricht allerdings nicht für einen Finaleinzug der «Spurs». Nur eines von 17 Teams schaffte es in der Champions League nach einer Heimniederlage im Halbfinal-Hinspiel noch ins Endspiel: Ajax in der Saison 1995/96. Tottenham muss sich also den Gegner als Vorbild nehmen.
Video: watson / Roberto Krone