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Zu retten, was es noch zu retten gibt: Die «Norman Atlantic» in Flammen. Bild: EPA/ANSA / ITALIAN COAST GUARD

Unglückskapitän der «Norman Atlantic»

Italien hat einen neuen Helden: «Ihr könnt entspannen, mir geht's gut»

Publiziert: 29.12.14, 22:19 Aktualisiert: 30.12.14, 09:42

Argilio Giacomazzi, der Kapitän der Adria-Fähre «Norman Atlantic», hat die Ehre der italienischen Schiffsführer wiederhergestellt: Im Gegensatz zu seinem unrühmlichen Kollegen von der «Costa Concordia», Francesco Schettino, verliess Giacomazzi am Montag als letzter die brennende Fähre, nachdem er die Kontrolle italienischen Marine-Offizieren übergeben hatte.

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Die Übergabe nach einem 36-stündigen Drama mit mehreren Todesopfern hätte nicht würdevoller sein können – im Gegensatz zu Schettinos panischer vorzeitiger Flucht aus dem havarierten Kreuzfahrtschiff vor knapp drei Jahren.

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Auf die Idee, die brennende Fähre vorzeitig zu verlassen, wäre Giacomazzi nach Angaben seiner Tochter Giulia nie gekommen. «Unsere Familie durchlebt gerade schwere Zeiten, aber über eines bin ich mir sicher: Mein Vater wird alles für die Sicherheit seiner Leute und der Passagiere tun», sagte sie am Wochenende, als der Ausgang des Dramas noch unsicher war.

Eher nüchtern beruhigte der erfahrene Seemann nach seiner Rettung seine Familie: «Ihr könnt entspannen, mir geht's gut» sagte er am Telefon. «Es ist vorbei, ich komme nach Hause.»

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Kein Held: «Kapitän Feigling» Schettino der «Costa Concordia». Bild: X02874

Wie sehr das Verhalten seines Kollegen Schettino – alias «Kapitän Feigling» – die Menschen in Italien beschämt hat, zeigt auch das Lob des Bürgermeisters von La Spezia für Giacomazzi.

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Dieser habe Italiens jahrhundertealte Seefahrt-Tradition hochgehalten, sagte Massimo Federigi. Der 62-Jährige habe mit «Professionalität und enormem Mut» die Rettung der Insassen seiner Fähre organisiert. Nach «gewissen wohlbekannten Ereignissen» habe er damit «das Ansehen unseres Landes gerettet».

Passagiere erheben Vorwürfe gegen Besatzung

Dass die Rettung jedoch nicht reibungslos verlief, zeigen die Aussagen der geretteten Passagiere. Diese erhoben schwere Vorwürfe gegen die Besatzung, die völlig überfordert gewesen sei. Passagiere erzählten von Schlägereien an Bord. «Es war nur ein Rettungsboot im Wasser und niemand von der Besatzung war da, um den Menschen zu helfen», sagte einer der ersten Passagiere, die von einem Handelsschiff gerettet und im italienischen Bari an Land gebracht wurden. «Wir dachten alle, wir sterben.»

Fähre vor Griechenland in Brand

Drama vor der Küste Griechenlands. EPA/ANSA/RAINEWS24 / RAINEWS24 / HANDOUT
Auf einer Autofähre mit 411 Passagieren und 56 Besatzungsmitgliedern an Bord ist Feuer ausgebrochen.
Etwa 200 Menschen haben das Schiff der griechischen Linie ANEK offenbar verlassen können, die übrigen sitzen noch immer auf der brennenden Fähre fest. EPA/ANSA/ RAINEWS24 / RAINEWS24 / HANDOUT
Hohe Wellen und Wind bis Stärke 8 behindern die Evakuierung. Der Sender Skai berichtete von Passagieren, die in Panik ins Wasser gesprungen seien. EPA/ANSA/ RAINEWS24 / RAINEWS24 / HANDOUT
Unter den Passagieren der in der Adria brennenden griechischen Fähre «Norman Atlantic» befinden sich auch zehn Schweizer Staatsangehörige. EPA/ANSA/ RAINEWS24 / RAINEWS24 / HANDOUT
X00514 / REUTERS TV
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AP/SKAI TV Station / skai tv
AP/SKAI TV Station / skai tv
AP/SKAI TV Station
Die «Norman Atlantic» hatte den Hafen im griechischen Patras um 5.30 Uhr (4.30 Uhr MEZ) in Richtung der italienischen Stadt Ancona verlassen. 33 Seemeilen (gut 60 Kilometer) von der kleinen Insel Othonoi entfernt sendete die Besatzung ein Notsignal. X90016 / PAOLO GANGEMI
Rettungskräfte bergen Passagiere. EPA/ANSA / BIAGIO CLAUDIO LONGO
Wegen dem schlechten Wetter ist die Rettung kein leichtes Unterfangen. EPA/ANSA / BIAGIO CLAUDIO LONGO
EPA/ANSA / BIAGIO CLAUDIO LONGO
EPA/ANSA / PASQUALE BOVE
Rettungsaktion aus der Luft. Das Unterfangen ging auch in der Nacht weiter. AP/Italian Navy
Dichter Rauch: Brandnester machen den Rettungsleuten weiter Schwierigkeiten. EPA/ANA-MPA/www.skai.gr / www.skai.gr / HANDOUT
Ein Journalist interviewt nach der Brandkatastrophe einen Passagier. AP/AP / Luigi Mistrulli
Mindestens 13 Menschen kamen bei dem Schiffsungklück ums Leben. Die Zahl der Vermissten ist wegen möglicher blinder Passagiere und unstimmiger Passagierlisten noch nicht geklärt. EPA/ANA-MPA / STAMATIS KATAPODIS
Die stark beschädigte «Norman Atlantic» wird in den Hafen von Brindisi geschleppt. EPA/ANSA / BIAGIO CLAUDIO LONGO
Schwelbrände erschweren auch Tage nach dem Brand auf offener See die Bergungsarbeiten. AP/AP / Antonio Calanni
Wieviele Menschen in dem Schiff ihr Leben verloren, ist deshalb immer noch unklar. X03151 / CIRO DE LUCA
Das schwer beschädigte Schiff im Hafen von Brindisi. AP/AP / Antonio Calanni

«Eigentlich hätten wir mit einem anderen Schiff fahren sollen. Wir haben das erst im Hafen gemerkt. Als wir es gesehen haben, ist uns etwas mulmig geworden», sagte eine andere Passagierin im griechischen Fernsehen. «Auf dem Schiff gab es keinerlei Koordination. Das Personal war praktisch nicht vorhanden.»

Ermittlungen wegen fahrlässigen Schiffbruchs

Die Staatsanwaltschaften in Bari und Brindisi leiteten Ermittlungen wegen fahrlässigen Schiffbruchs und fahrlässiger Tötung ein. Der Eigentümer der Fähre, Carlo Visentini, sagte seine Zusammenarbeit bei den Ermittlungen zu. Die griechische Fährlinie Anek hatte die fünf Jahre alte Fähre von seiner Firma, der italienischen Visemar, gechartert.

Das Schiff habe alle Zertifikate gehabt und sei fahrtüchtig gewesen. Bei einer Inspektion am 19. Dezember waren leichtere Mängel an der «Norman Atlantic» moniert worden.

Über die Ursache des Brandes, der vermutlich im Autodeck ausgebrochen war, wurde weiter spekuliert. Lastwagenfahrer berichteten in griechischen Medien, dass das Fahrzeugdeck überladen gewesen sei. Viele Laster hätten zudem entzündbares Olivenöl geladen gehabt. (kub/sda/dpa)

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