Dominic Cummings erklärt am Montag im Rosengarten der Downing Street 10 seine Reise. Bild: AP
Wer dachte, das politische Theater in London sei nach dem Brexit-Drama zu Ende, der irrte sich gewaltig. Die Corona-Pandemie hat in Westminster für grosse Turbulenzen gesorgt. Premierminister Boris Johnson konnte sich zwar trotz Covid-Infektion und anfänglichem Herunterspielen des Virus zunächst relativ unbeschadet durch die Krise manövrieren. Seine Beliebtheitswerte stiegen sogar an. Doch jetzt ist Feuer unter dem Dach.
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Grund dafür ist eine Reise seines Top-Beraters und Brexit-Strategen Dominic Cummings, der Mitte April mit seiner Familie quer durch das Land fuhr. Um die Betreuung seines Sohnes sicherzustellen, so Cummings, sei er nach Durham gefahren, wo seine Verwandten wohnen. Der Regierungsberater hatte sich selber mit Covid-19 infiziert. Mitten während des Lockdowns widersetzte er sich also den Anweisungen der Regierung, welche die Leute dazu aufforderte, zuhause zu bleiben.
Doch damit nicht genug: Am 12. April machten Cummings und seine Frau, Mary Wakefield, einen Ausflug zum rund 50 Kilometer entfernten Barnard Castle. Cummings Ausrede für die Ausfahrt, die, Zufall oder nicht, just am Geburtstag seiner Frau und an Ostersonntag stattfand: Er habe nach der Covid-19-Infektion sein Augenlicht testen wollen.
Für Premierminister Boris Johnson ist der Ausflug von Cummings bisher nicht Grund genug, ihn zu entlassen. Er hält nach wie vor an seinem Berater fest. Cummings sei «den Instinkten eines jeden Vaters gefolgt», sagte Johnson am Sonntag.
Die faulen Ausreden Cummings' werden jedoch medial breit ausgeschlachtet und haben Folgen. Die Zustimmungswerte für den Premierminister sind seit der Cummings-Affäre deutlich gesunken. Gemäss Telegraph fielen sie um 20 Prozentpunkte. Und der Druck wird grösser.
In einer YouGov-Umfrage gaben 71 Prozent der Befragten im Vereinigten Königreich an, dass sie Cummings Reise nach Durham im Nordosten Englands für einen Verstoss gegen die Ausgangsbeschränkungen in der Corona-Krise halten. In anderen Umfragen verloren die regierenden Konservativen deutlich an Zuspruch, während die Opposition zulegte.
Die Rufe nach einem Rücktritt des britischen Regierungsberaters Dominic Cummings werden immer lauter. Knapp 40 Parlamentarier der Konservativen Partei verlangen bereits, dass Cummings seinen Hut nimmt.
Premierminister Boris Johnson habe Schwierigkeiten, die wachsende Revolte in den eigenen Reihen zu kontrollieren, berichtete die «Times» am Mittwoch. Aus Protest war bereits am Dienstag Staatssekretär Douglas Ross zurückgetreten.
Ross schrieb am Dienstag an Premierminister Johnson: Cummings Interpretation der Ausgangsbeschränkungen «können die meisten Menschen, die die Regeln der Regierung befolgen, nicht nachvollziehen». Er könne doch nicht allen sagen, sie lägen falsch und Cummings richtig, so der Staatssekretär für Schottland.
«Ich habe Wähler, die sich nicht von ihren Liebsten verabschieden konnten, Familien, die nicht zusammen trauern konnten, Menschen, die nicht ihre kranken Verwandten besuchten, weil sie die Regeln der Regierung befolgten.» Britische Kommentatoren schliessen weitere Rücktritte nicht aus.
Viel Beachtung fand auch ein Kommentar der BBC-Journalistin Emily Maitlis. Sie habe nur 20 Sekunden gebraucht, um zu erklären, was Cummings falsch gemacht habe, schlussfolgert die Independent.
(cma/sda)
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