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«Situation verschärft sich stündlich» – eine Branche im Sturzflug

Die Luftfahrtindustrie steht kurz davor, komplett still zu stehen. Austrian Airlines bleibt temporär am Boden. Nun fordert die Schweizer Aviatik-Branche eine Task-Force der Regierung.

Publiziert: 17.03.20, 05:20 Aktualisiert: 25.05.20, 11:26
Benjamin Weinmann / ch media

Sowohl Easyjet Switzerland als auch die Swiss bitten den Bund um finanzielle Unterstützung. Bild: KEYSTONE

Die Luftfahrt gehört zu jenen Branchen, die die Folgen der Corona-Pandemie wirtschaftlich am brutalsten zu spüren bekommen. Täglich senken die Airlines ihre Flugkapazitäten um mehr und mehr Prozent. Bei der Lufthansa-Tochter Swiss steht ein Grossteil der Flotte in Zürich-Kloten am Boden. Der Kranich-Konzern bittet in den Heimmärkten seiner Töchter-Airlines – Deutschland, Belgien, Österreich und in der Schweiz – um Staatshilfe.

Im Nachbarland Österreich greift die Lufthansa derweil zu drastischen Massnahmen. Die Tochterfirma Austrian Airlines stellt wegen der Corona-Krise ihren regulären Flugbetrieb temporär ein. Die Ryanair-Tochter Laudamotion macht es ihr gleich. Am Donnerstag, 19. März, wird Austrian ihren vorerst letzten Flug durchführen. Der Flieger hebt in den Morgenstunden in Chicago ab und landet im Verlaufe des Tages in Wien. Bis dahin wird der Flugbetrieb Schritt für Schritt zurückgefahren, um möglichst alle Passagiere, Crews und Flugzeuge nach Hause zu holen. Vorerst gilt das Grounding bis am 28. März.

Die Swiss hat ihrerseits Kurzarbeit per 1. April beim Staatssekretariat für Wirtschaft beantragt. Doch sie wird weitere Staatshilfe benötigen, um ihre Liquidität sicherzustellen.

Branchenverband verlangt eine Task-Force

In den kommenden Tagen finden die Gespräche mit Wirtschaftsminister Guy Parmelin statt, bestätigt SVP-Nationalrat Thomas Hurter, Präsident des Branchenverbands Aerosuisse, dem auch die Swiss angehört. Hurter hat die Gespräche organisiert. «Es geht nicht nur um die Frage, wie wir diese Krise meistern, sondern auch darum, welche Firmen, Organisationen und Infrastrukturen für unsere Zukunft relevant sind.» Dann, wenn die Corona-Krise vorbei sei, müsse man den Motor des Landes wieder zum Starten bringen. «Wenn wir jetzt die Luftfahrt-Infrastruktur und ihre Mitglieder abstürzen lassen, dann ist sie nicht im Nu wieder aufbaubar.» Es brauche nun eine Art «Task-Force» auf Regierungsebene, die sich um die Finanzierung der internationalen Anbindung der Schweiz kümmert.

Hurter verweist auf das Ausland, wo diverse Länder bereits ihre finanzielle Unterstützung den serbelnden Heim-Airlines zugesagt hätten. Hurter sagt, die Krise sei insofern eine Chance, als die jetzige Situation auf dramatische Art und Weise aufzeige, wie wichtig die Luftfahrt für das Wohl eines Landes sei. Jeder dritte Tourist reise mit dem Flugzeug in die Schweiz, und jeder zweite Export-Franken verdiene man über den Luftweg, sagt Hurter. «Und Wir haben überdurchschnittlich viele internationale Firmen und Organisationen in unserem Land.»

Sollen auch andere Schweizer Airlines wie Helvetic Airways von Milliardär Martin Ebner oder Easyjet Switzerland Staatshilfe erhalten? «Das muss der Bundesrat entscheiden», sagt Hurter, der selber als Linienpilot für die Swiss fliegt. Zuerst müsse jede Airline – auch die Swiss – interne Kostensenkungsmassnahmen umsetzen. Erst dann soll es Hilfe geben. «Aber wir dürfen nicht zu lange warten, die Situation verschärft sich stündlich.»

Die Verordnung des Bundesrats zum Coronavirus

Easyjet erwartet «Notfallmassnahmen»

Fakt ist, dass auch Easyjet Switzerland beim Staatssekretariat für Wirtschaft angeklopft hat, wie eine Sprecherin auf Anfrage bestätigt. Ob es dabei um Kurzarbeit oder Staatshilfe geht, sagt sie nicht. Die Tochter der britischen Billigairline zählt hierzulande rund 1000 Angestellte mit lokalen Arbeitsverträgen. «Wir erwarten von den lokalen Behörden, dass sie die lokale Industrie in dieser schwierigen Zeit durch spezifische Notfallmassnahmen unterstützen.» Die europäische Luftfahrt stehe vor einer ungewissen Zukunft, und es sei klar, dass eine koordinierte staatliche Unterstützung erforderlich sei, um das Überleben der Branche zu gewährleisten.

Auch der weltgrösste Touristikkonzern Tui, der mit Tuifly auch eine Airline betreibt, hat beim deutschen Staat um Finanzhilfe gebeten. Am Montag hat der Schweizer Ableger Tui Suisse entschieden, das weltweite Reiseprogramm bis am 27. März auszusetzen. Dies, nachdem der Bund von allen nicht notwendigen Auslandreisen abgeraten hatte.

Die Konkurrenten vereinen sich für eine gemeinsame Botschaft

Die drei internationalen Airline-Allianzen Oneworld, Skyteam und Star Alliance (zu ihr gehört die Swiss), deren rund 60 Fluggesellschaften normalerweise miteinander konkurrieren, haben ebenfalls am Montag eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht. Darin rufen sie alle Regierungen dazu auf, Massnahmen zu ergreifen angesichts der noch nie da gewesenen Herausforderungen der Aviatik-Industrie.

Der Branchenverband IATA schätzt den Schaden für die Airlines derzeit auf 113 Milliarden US-Dollar. Allein die Flüge zwischen dem Schengen-Raum und den USA generierten vergangenes Jahr 20 Milliarden Dollar. Durch die von US-Präsident Donald Trump verhängte Einreisesperre sinkt diese Summe 2020 massiv.

Grippe und Covid-19 im Vergleich

Bei der Diskussion um den Coronavirus wird oft die Grippe zum Vergleich herangezogen. Die WHO nennt Gemeinsamkeiten und Unterschiede: EPA / ALEX PLAVEVSKI
Ähnlich ist demnach die Ausprägung der Infektionskrankheiten: Beide sind von einem Virus verursachte Atemwegserkrankungen, deren Verlauf sehr unterschiedlich sein kann - von symptomlos oder mild bis hin zu sehr schwer, mitunter gar tödlich. EPA / IGOR KUPLJENIK
Beide Erreger werden vorwiegend über Tröpfchen etwa beim Sprechen oder Husten oder auch direkten Kontakt übertragen. Darum greifen bei beiden auch die gleichen Vorsichtsmassnahmen: gute Handhygiene, in den Ellbogen oder ein Taschentuch husten, Kontakt zu Infizierten vermeiden. KEYSTONE/TI-PRESS / Alessandro Crinari
Unterschiede gibt es laut WHO bei der Ausbreitungsgeschwindigkeit: Influenza habe eine kürzere Inkubationszeit zwischen Ansteckung und der Ausbildung erster Symptome, zudem erfolgten die Ansteckungen in den Infektionsketten rascher aufeinander. Bei Covid-19 liege dieses Intervall bei etwa 5 bis 6 Tagen, bei Influenza bei 3 Tagen. Das bedeute, dass sich Influenza rascher verbreiten kann als Covid-19. EPA / ALEX PLAVEVSKI
Hinzu komme, dass bei Influenza oft schon vor der Ausprägung von Symptomen weitere Menschen angesteckt würden. Bei Covid-19 seien zwar Übertragungen 24 bis 48 Stunden vor dem Auftreten von Symptomen bekannt, sie seien aber nach derzeitigem Kenntnisstand anders als bei der Grippe selten und spielten für die Weiterverbreitung kaum eine Rolle. EPA / ALEX PLAVEVSKI
Ein weiteres wichtiges Kennzeichen ist die Ansteckungsrate. Das neue Coronavirus Sars-CoV-2 wird nach WHO-Daten von einem Infizierten im Mittel an zwei bis zweieinhalb weitere Menschen weitergegeben - und damit an mehr als bei Influenza. Wegen der unsicheren Datenlage und verschiedenen den Wert beeinflussenden Effekten sei ein Vergleich bei diesem Aspekt aber nur eingeschränkt möglich, heisst es von der WHO. EPA / ALEX PLAVEVSKI
Erhebliche Unterschiede gibt es im Bezug auf Kinder: «Kinder sind bedeutsame Treiber für die Übertragung von Influenzaviren in der Gemeinschaft», so die WHO. Für den Covid-19-Erreger zeigten erste Auswertungen, dass Kinder weniger betroffen sind als Erwachsene und nur selten deutliche Symptome entwickeln. Vorläufige Daten lassen demnach zudem annehmen, dass Kinder sich vor allem bei Erwachsenen anstecken - Erwachsene aber umgekehrt kaum bei Kindern. KEYSTONE / LAURENT GILLIERON
Schwere bis lebensbedrohliche Verläufe gibt es nach bisherigen Auswertungen bei Covid-19 häufiger als bei der Grippe. Der WHO zufolge ist der Verlauf bei 15 Prozent der Infizierten so schwer, dass eine zusätzliche Versorgung mit Sauerstoff nötig wird. EPA / JALIL REZAYEE
Bei 5 Prozent der Infizierten ist demnach künstliche Beatmung nötig. Auch die Todesrate liegt wohl höher als bei der normalen saisonalen Grippewelle - exakte Angaben lassen sich dazu aber derzeit kaum machen. AP / Sakchai Lalit
Als besonders von schweren Verläufen betroffene Risikogruppen gelten bei Influenza Kinder, Schwangere, Ältere sowie Menschen mit chronischen Krankheiten oder geschwächtem Immunsystem. Bei Covid-19 gehören Kinder und Schwangere nach derzeitigem Wissensstand nicht zu den Risikogruppen. EPA / NICOLA FOSSELLA
Zu beachten ist auch der Unterschied bei den Möglichkeiten für Behandlung und Vorsorge. «Zwar gibt es bereits eine Reihe klinischer Tests von Medikamenten in China, und es sind mehr als 20 Impfstoffe gegen Covid-19 in der Entwicklung, bisher aber gibt es keine zugelassenen Impfstoffe oder Therapien für Covid-19», so die WHO. Bei Influenza hingegen gebe es sowohl schützende Impfungen als auch zugelassene antivirale Medikamente. EPA / ALEX PLAVEVSKI

Die Pressekonferenz des Bundesrats

Video: watson / nico franzoni

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