Warum dieser Professor glaubt, dass global nachhaltiges Wachstum eine Illusion bleibt
Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz, rechnet in seinem neuen Buch mit wachstumskritischen Meinungen ab. Wir haben den Autor zum Interview getroffen.
«Wachstum macht die Menschen in hoch entwickelten Gesellschaften nicht glücklicher, gerät aber mit der Endlichkeit des Planeten in Konflikt. Warum hören wir nicht einfach damit auf, immer noch mehr wachsen zu wollen?» Das schreibt der Ökonom Mathias Binswanger in seinem neuesten Buch. Ja, warum sind wir nicht zufrieden mit dem, was wir haben, Herr Professor?
Mathias Binswanger.
Bild: chmedia/Chris Iseli
Ihr Buch rechnet ziemlich schonungslos ab mit wachstumskritischen Meinungen. Ohne Wachstum kein Kapitalismus. Mit Aufrufen zu Masshalten, Konsumverzicht und Nachhaltigkeit kommen wir also nicht weit?
Mathias Binswanger: Das Buch zeigt auf, dass unsere heutige kapitalistische Wirtschaft nicht ohne Wachstum funktionieren kann. Es gibt nur die Alternativen Wachstum oder Schrumpfung. Kaum wächst die Wirtschaft nicht mehr, beginnen Unternehmen vermehrt Verluste zu machen, und es kommt zu Entlassungen, was wiederum bei anderen Anbietern zu Verlusten führt. Um eine solche Entwicklung zu vermeiden, braucht es Wachstum. Allerdings muss dieses Wachstum nicht maximal sein, und es kann mehr oder weniger nachhaltig ablaufen. Masshalten und Nachhaltigkeit sind deshalb wichtig. Doch es ist eine Illusion, dass wir dadurch zu einer Wirtschaft gelangen, die nicht mehr wachsen muss.
Viele Leute glauben noch, dass es «schlechtes» Wachstum gibt, das keine Rücksicht nimmt auf Umwelt und Gesellschaft, nur das müsse man vermeiden. Gibt es also «gutes» Wachstum – oder wenigstens nicht so schädliches?
Es gibt besseres und schlechteres Wachstum in dem Sinn, dass wir eine Einheit des Bruttoinlandproduktes mit mehr oder weniger Umweltbelastung produzieren können. In dieser Hinsicht hat man starke Fortschritte erzielt, da es gelungen ist, das Wachstum vermehrt von Ressourcenverbrauch und Schadstoffemissionen (insbesondere CO2) zu entkoppeln. Auf diese Weise wurden die Grenzen des Wachstums immer mehr in die Zukunft verschoben. Global betrachtet nehmen der Ressourcenverbrauch und die C02-Emissionen aber weiterhin zu, und global nachhaltiges Wachstum bleibt eine Illusion.
Sie schreiben, der Wachstumszwang könne nur gemildert werden, aber nicht abgeschafft. Treiber einer solchen Milderung wäre die Politik und schliesslich der Staat, welcher Verbote und Vorschriften erlässt. Wäre das dann die «Ökodiktatur»?
Für eine Milderung braucht es keine Ökodiktatur. Am stärksten ist der Druck zu Gewinnmaximierung bei an der Börse kotierten Aktiengesellschaften. Es geht dort um die Maximierung des Shareholder Values, der von den Erwartungen zukünftiger Gewinne und den daraus bezahlten Dividenden abhängt. Lebt eine Aktiengesellschaft dem Shareholder-Value-Gedanken nicht nach, dann wird sie schnell zu einem Übernahmekandidaten an der Börse. Solche Unternehmen werden dann aufgekauft und das Management ausgetauscht, damit wieder ein maximaler Gewinn angestrebt wird. Bei anderen Unternehmensformen (zum Beispiel Genossenschaften) ist es hingegen möglich, auch andere Ziele zu verfolgen. Will man den Wachstumszwang mildern, muss man sich auch überlegen, welche Unternehmensformen dies ermöglichen.
Das ungebremste Wachstum ist nicht die einzige Bedrohung des kapitalistischen Systems. Neben der Umwelt- und Ressourcenproblematik kämpft es auch mit zunehmender Ungleichheit (die Proteste der Gilets jaunes in Frankreich zum Beispiel). Man könnte durchaus auch die Migrationsproblematik dazuzählen. Was passiert, wenn sich die bisher erfolgreichen, aber ins Alter gekommenen westlich-kapitalistischen Demokratien erhöhtem Migrationsdruck ausgesetzt sehen?
Der Migrationsdruck ist keine Bedrohung des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Migrationswellen gab es schon immer in der Geschichte des Kapitalismus. Menschen wollen tendenziell dorthin, wo man Geld verdienen kann. Was die Ungleichheit betrifft, so gibt es von Land zu Land erhebliche Unterschiede. In dieser Hinsicht erweist sich der Kapitalismus als flexibel. In den skandinavischen Ländern konnte die wirtschaftliche Entwicklung tatsächlich so gesteuert werden, dass sich der mit dem Wachstum verbundene Anstieg der Einkommen in den letzten Jahrzehnten relativ gleichmässig über alle Einkommensgruppen verteilte. In andern Ländern wie etwa den USA hat die Ungleichheit hingegen erheblich zugenommen.
Wäre eine kapitalistisch geordnete Welt denkbar, in der auch Afrika, Indien und andere bisher in der Entwicklung zurückgebliebene Regionen technologisch aufgeholt hätten? Oder braucht der Kapitalismus Ungleichgewichte (Löhne, soziale Entwicklung etc.), um zu funktionieren?
Der Kapitalismus kann nie zu vollständiger Gleichheit führen, da er stets von dem Anreiz lebt, durch Leistung und Anstrengung mehr Einkommen erzielen zu können als andere. Die Frage ist, inwieweit man Ungleichheit zulässt und wo man zu korrigieren beginnt. Vergleichen wir die durchschnittlichen Einkommen verschiedener Länder auf globaler Ebene, dann nimmt die Ungleichheit tendenziell ab, da sich das globale Wachstum verstärkt in noch weniger entwickelten Ländern vor allem in Asien abspielt. Innerhalb dieser Länder, wie zum Beispiel in Indien, nimmt die Ungleichheit dadurch aber zu.
Es gibt keine Harmonie zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit, schreiben Sie. «Der Wachstumszwang erlaubt keine wirksamen Beschränkungen der wirtschaftlichen Prozesse, welche Nachhaltigkeit letztlich verlangen würde.» Wie steht es denn mit dem Umbau der Energieversorgung, von der viele behaupten, sie löse wirtschaftliche Impulse aus?
Von der Politik umgesetzte Reformen durften immer nur so weit gehen, dass sie das längerfristige Wachstum nicht gefährdeten. So hat man moderate CO2-Steuern eingeführt oder grosszügig Emissionszertifikate verteilt, die Arbeitszeit manchmal etwas verkürzt, die Banken etwas strikter kontrolliert und Unternehmen zu mehr Sozialverantwortung verpflichtet. Mit solchen Massnahmen war es möglich, die Entwicklung kapitalistischer Wirtschaften sozialer und nachhaltiger zu gestalten. Doch sobald man versucht, der weiteren Expansion wirtschaftlicher Tätigkeit Grenzen zu setzen, beisst man sich am Kapitalismus die Zähne aus. Auch ein Umbau der Energieversorgung ändert nichts an diesen Tatsachen.
«Wir beissen uns die Zähne aus …» – dann wären wachstumskritische Kapitalismusfreunde mehr oder weniger dazu verurteilt, auf dem Dampfer zu bleiben und zu hoffen, dass wir jeweils am nächsten Eisberg vorbeikommen? Nichts kann ja für immer wachsen … Eine Lösung im Sinne einer Versöhnung können Sie uns nicht anbieten?
Genau das machen wir heute: «Auf dem Dampfer bleiben und hoffen, dass wir jeweils am nächsten Eisberg vorbeikommen.» Wir befinden uns in einem Dilemma. Auf der einen Seite trägt Wachstum in hoch entwickelten Ländern nicht mehr dazu bei, dass die Menschen glücklicher oder zufriedener werden, und es verursacht ökologische Probleme. Auf der anderen Seite müssen wir aber weiterwachsen, damit die Wirtschaft funktioniert. Bisher hat niemand einen Ausweg aus diesem Dilemma gefunden. Genau dazu sollten wir uns in Zukunft Gedanken machen. Ich will hier aber nicht auf Panik machen. Es geht uns nach wie vor sehr gut, und die meisten Menschen leben heute in hoch entwickelten Ländern besser, als Menschen jemals zuvor gelebt haben.
Vielleicht geht ja auch der technische Fortschritt in diese Richtung? Dass wir einsehen, dass Technik dem Überleben (oder dem Vermeiden von Bedrohungen – man soll ja nicht immer den Untergang der Menschheit an die Wand malen, nur weil es etwas wärmer geworden ist) dienstbar gemacht werden muss?
Technischer Fortschritt spielt sich nie in einem interessenfreien Raum ab. Letztlich lohnt er sich nur, wenn er so eingesetzt werden kann, dass man am Schluss damit einen Gewinn erzielen kann. Und das bedingt wiederum, dass man mehr oder bessere Güter und Dienstleistungen produzieren und verkaufen kann. Natürlich kann dieser technische Fortschritt dazu beitragen, das Wachstum von Umweltbelastungen zu entkoppeln. Aber der technische Fortschritt wird in einer kapitalistischen Wirtschaft am Schluss immer so eingesetzt, dass er auch zu mehr Wachstum führt. Denn nur so ist er wirtschaftlich lohnend.
Mathias Binswanger: Der Wachstumszwang. Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben. Wiley VCH Weinheim Berlin 2019. 310 S., Fr. 38.90.
Die besten Schilder des Klimastreiks
Zehntausende Klimaaktivisten gehen seit Monaten auf die Strassen, um für eine bessere Klimapolitik zu demonstrieren, und zeigen bei der Gestaltung ihrer Schilder viel Kreativität. Wir machten uns auf die Suche nach den besten Schildern. EPA/EPA / NEIL HALL
Kate, 31, aus Bern (und Texas): «Es gibt viel zu viele Arschlöcher, Pardon, Politiker auf diesem Planeten, die nur ans Geld denken. Besonders in den USA, wo ich herkomme. Diese Leute sollte man aus ihren Ämtern verbannen. Und dazu viele Bäume pflanzen, die CO2 aufnehmen.»
Petra Frey, 28, Bern: «Velo statt Tram, reparieren statt wegwerfen. Ich habe einfach jene Sachen aufgeführt, mit denen man im Alltag das Klima schonen kann. An dem Plakat haben wir eine halbe Stunde gebastelt. Dabei haben mich meine Kolleginnen kurzerhand in eine Kartonschachtel gesteckt und diese mit verschiedensten Sujets bemalt.»
Lino, 15, Aarau: «Rick and Morty ist meine Lieblingsserie. Deshalb ist auf unserem Plakat der Arm von Rick zu sehen, der aus seinem Portal herausschaut und Donald Trump den Mittelfinger zeigt. Wir haben dann in unserer Klasse Geld zusammengelegt und haben das Sujet in Aarau in einer Druckerei drucken lassen. Am Schluss haben wir es an einem alten Besenstiel befestigt, um es in die Höhe strecken zu können.»
Michael Bühler, 32, Bern: «Ist euch unsere Zukunft egal? Mein Plakat soll zeigen, wie unsere rechten Politiker und vor allem die Banken aufs Klima pfeifen und rücksichtslos Gewinne einfahren. Wir verbrennen das Geld und heizen so das Klima an! An dem Plakat habe ich etwa eine Stunde gebastelt.»
Elvira (11) und Ursula, Zürich: Was bedeutet euer Plakat? – «Wir wollen damit den Tieren eine Stimme geben. Auf sie achtet man in der ganzen Diskussion zu wenig.»
Nicole, 16, Aarau: Wie kam es zu diesem Plakat? – «Das ist ganz simpel. Wir haben im Internet gestöbert und sind dann auf diesen Spruch gekommen.»
Sämi, 14, Zürich: «Meine selbst gebastelte Puppe stellt ein Spermium dar. Weil: Es geht hier um unsere Zukunft!»
Olive, 15, Zürich: «Ich denke, dass die Politiker endlich wachgerüttelt werden müssen. Schlussendlich müssen wir aber auch Eigenverantwortung wahrnehmen.»
«Dinosaurier dachten auch, sie hätten Zeit.» EPA/EPA / ADAM BERRY
«Wir haben keine Wahl mehr, wir müssen etwas tun»: Tausende von Schülern und Studenten protestierten im November in der australischen Stadt Sydney.
EPA/AAP / DAN HIMBRECHTS
In Melbourne kämpfen Schülerinnen verkleidet als Schutzengel für «Unser Klima, unsere Zukunft». EPA/AAP / DANIEL POCKETT
Bis Anfang Dezember schliessen sich weltweit mehr als 20'000 Schüler in rund 270 Städten Thunbergs Protesten an. So wie hier in Berlin ... AP/AP / Michael Sohn
So diese zwei Schülerinnen in Zürich. Anfang Januar halten sie eine Klima-Mahnwache am Paradeplatz.
Auch in Lausanne trotzen zahlreiche Schüler der eisigen Kälte und machen mit selbstbemalten Transparenten auf den Klimawandel aufmerksam.
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In Rom erheben die Schüler ihre Transparente zum Protest.
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Im Berliner Invalidenpark haben sich Mitte Januar Hunderte von Schülern versammelt, um für das Klima zu streiken.
An Kreativität mangelt es nicht. Stolz werden die Plakate am «Friday for Future» in die Luft gehoben. EPA/EPA / ADAM BERRY
Noch immer dasselbe Plakat in den Händen, sorgt Thunberg für einen riesigen Medienrummel in Davos. EPA/KEYSTONE / VALENTIN FLAURAUD
Während Thunberg versucht, die Wirtschaftselite aufzurütteln, streiken in Deutschland die Schüler weiter.
In München demonstrieren bis zu 2000 Schüler leidenschaftlich gegen die zurückhaltende Klimapolitik Deutschlands.
Auch das Alter spielt keine Rolle: Wie die «Süddeutsche» schreibt, setzen sich diese beiden Buben mit ihrem Transparent sogar in die Bäume, um besser gesehen zu werden.
laif / Gordon Welters/laif
Auch die Schweizer Städte sind freitags voll mit Schülern.
Die Proteste werden immer grösser: Im Januar marschierten in der belgischen Hauptstadt Brüssel über 70'000 Menschen für ein besseres Klima. EPA/EPA / STEPHANIE LECOCQ
Kalte Temperaturen und Nieselregen tun dem Demonstrationswillen keinen Abbruch. Im Gegenteil. EPA/EPA / STEPHANIE LECOCQ
Greta Thunberg, das 17-jährige Mädchen aus Schweden, ist die Galionsfigur der Klimaschutzbewegung. Am 20. August 2018 schnappt sie sich Plakat und Stift, schwänzt das erste Mal die Schule und stellt sich mit dem Slogan «Skolstrejk för klimatet» (Schulstreik fürs Klima) vor das schwedische Reichstagsgebäude in Stockholm. EPA/TT NEWS AGENCY / HANNA FRANZEN
Die 10 «besten» Argumente der Klimaskeptiker
Video: watson / Knackeboul, Madeleine Sigrist, Lya Saxer
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